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Germany · taz · · 3h

Tanzfestival Uferstudios Berlin: Zwischen den Kontinenten

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Rauchschwaden ziehen über die Bühne, erst sind sie nur als Schatten an der Rückwand des spärlich erleuchteten Bühnenraums zu erkennen. Geräusche, die sich mal wie Donner anhören, dann wie Schusssalven, legen eine akustische Schicht über das Geschehen. Erkennbar ist auch ein Mensch, der am Boden liegt. Komplett verhüllt gleicht er eher einer Mumie als einem lebendigen Wesen. Eine zweite Person kommt rein, ebenfalls komplett verhüllt. Seine Silhouette wird noch vergrößert durch ein Bündel, auf dem Kopf balanciert.

Wenig später wird sie in ein Mikrofon keuchen und Klagelaute ausstoßen. Einen atmosphärisch sehr starken Beginn kreieren die beiden tansanischen Tänzer Tadhi Alawi und Samwel Japhet in „The Net We Carry – Wavu Tuliobeba“ am Eröffnungsabend der Tanzplattform „Kuyum“ in den Uferstudios. Die Plattform gibt es bereits seit 2021. „Ich habe in Berlin am HZT, dem Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz, studiert und dabei gemerkt, dass es keine richtige Plattform für zeitgenössischen afrikanischen Tanz in der Stadt gibt. Und dann habe ich einfach selber eine gegründet“, erzählt Felix Dompreh, geboren in Ghana, aber schon seit zehn Jahren in Berlin.

Sein Anliegen ist, Arbeiten zu zeigen und Praktiken zu befördern, die afrikanische Tanztraditionen mit zeitgenössischen Tanztechniken verbinden. Dompreh nennt unter anderem Bamaya – ein Tanz, der vor allem im Norden Ghanas ursprünglich die Suche nach Wasser begleitete – und Agbadza – anfangs ein Kriegstanz, der mittlerweile oft bei Hochzeiten, Beerdigungen und Partys aufgeführt wird.

Bei „The Net We Carry“ sind dann auch einige rhythmische Momente erkennbar, die auf den Fundus traditioneller Tänze verweisen. Alawi und Japhet verknüpfen diese Bewegungsmuster aber immer auch mit sehr archaisch und existenziell wirkenden Motiven wie etwa einem Zittern und Vibrieren des gesamten Körpers. Verletzungen und Traumata scheinen aus ihren Leibern herauszuwachsen. Und tatsächlich verknüpfen ihre Bewegungen sich im Finale mit Großprojektionen von Bildern von Straßenschlachten.

Die zweite Produktion am Eröffnungstag, „Between The Oceans“, trat eine Reise zwischen verschiedenen Kontinenten an. Die in Berlin bereits aus zahlreichen Produktionen, unter anderem am HAU, dem Ballhaus Naunynstraße und den Berliner Festspielen bekannten Raphael Moussa Hillebrand und Tiffani Achilleas gehen dabei im Wechsel von gesprochenem Monolog und Bewegungseinlagen den migrantischen Wegen ihrer Vorfahren nach.

Hillebrand etwa reiste nach Mali – und muss dort feststellen, das erste Mal in seinem Leben als „Weißer“ angeredet zu werden. Achilleas wird in Sri Lanka ebenfalls als Frau aus dem Globalen Norden gelesen. Beide finden sich dann aber überraschend heimisch in der afrobrasilianischen Tanz- und Musikszene von Salvador de Bahia. Besonderes Prestige erlangen sie, weil sie – im Gegensatz zu vielen Afro­bra­si­lia­ne­r:in­nen – eigene Erfahrungen auf dem Herkunftskontinent der Nachkommen der ehemals Versklavten machen konnten.

Für derartige Reisen fehlen Afro­bra­si­lia­ne­r:in­nen meist die Ressourcen, und der Kontinent geistert als Mythos in ihren Köpfen und auch in den verbreiteten Orisha-Praktiken. „Between The Oceans“ bringt die Kontinente nun wieder zusammen, mal nicht in erster Linie verbunden durch Anklagen an den Kolonialismus, sondern eher mit einer Freude am Entdecken gemeinsamer Wurzeln und kultureller Praktiken. Hillebrand, Ex-HipHopper, in Berlin auch durch die aktuell zur Abgeordnetenhauswahl angetretene Kleinpartei „Die Urbane“ zu Prominenz gekommen, greift vor allem straßenerprobte Moves zurück und verschränkt sie mit Tanzformen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora auf anderen Kontinenten.

„Uns ist wichtig, dass traditionelle Tanzformen in den Stücken enthalten sind, dass die Stücke aber auch dramaturgisch so aufgebaut sind, dass unser Publikum ihm folgen kann“, beschreibt Kurator Dompreh den Ansatz. Enge Zusammenarbeit bei der Entwicklung ist daher auch ein Charakteristikum der Plattform. Neben einem Show-Programm von insgesamt elf Produktionen gibt es zudem ein ausgedehntes Workshop-Programm.

„Wir wollen den zeitgenössischen afrikanischen Tanz einfach einem breiteren Publikum bekanntmachen und vor allem für Anerkennung sowohl des traditionellen wie des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes werben“, benennt Dompreh als Ziel. Das hat die diesjährige Ausgabe des Festivals ganz sicher erreicht. Aufgrund der tänzerischen Qualität und der atmosphärischen Dichte würde „The Net We Carry“ auch im nächsten Sommer „Tanz im August“ durchaus bereichern.

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Source: taz