Politics · taz · · 2h
Stolpersteine in Sachsen: „Das dient nicht dem Erinnern, sondern dem Vergessen“
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Mit zwei Messingtafeln im Gehweg, zwei „Stolpersteinen“, möchte das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (Akubiz) in Heidenau an Fritz und Martha Goldstein erinnern. Das Ehepaar lebte zu Beginn der NS-Diktatur in der sächsischen Stadt, wenige Kilometer von Dresden entfernt. Sie wurden aus antisemitischen Gründen verhaftet, enteignet und abgeschoben. Doch zur Verlegung der beiden Stolpersteine wird es in Heidenau womöglich nie kommen.
Am Donnerstag berät der Stadtrat über einen Antrag, der diese Form des Gedenkens verhindern möchte. Die lokale Bürgerinitiative Oberelbe für mehr Demokratie (BOD) erklärt darin, Menschen würden über die Namen der NS-Opfer hinweggehen. Das sei kein „würdevolles Erinnern“. Die Stadt solle Anträge für Stolpersteine künftig ablehnen. Stattdessen solle auf dem Nordfriedhof eine „Gedenkfläche“ entstehen, gewidmet den Opfern „von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“. Dort gibt es heute schon einen Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus.
Neben den beiden BOD-Stadträt:innen haben zwei Mitglieder der CDU-Fraktion, darunter die Fraktionsvorsitzende Cornelia Schmiedel, und fünf AfD-Fraktionsmitglieder unterschrieben. Auf Anfrage der taz erklärt auch Bürgermeisterin Conny Oertel (parteilos), sie unterstütze den Antrag. Ihre Verwaltung empfiehlt hingegen eine Ablehnung, über Stolpersteine solle im Einzelfall entschieden werden.
Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Sachsen und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund deutscher Antifaschisten (VVN-BdA) kritisieren zudem: Mit einer Gedenkfläche auf dem Friedhof verschwinde das Erinnern an die Verbrechen der Nazizeit und das Leben der Betroffenen aus dem Alltag.
In mehr als 30 Ländern liegen inzwischen mehr als 116.000 Stolpersteine, meist vor den letzten freiwillig gewählten Wohnorten der Opfer. Zurück geht das Projekt auf Gunter Demnig. Die fünf Stolpersteine, die es in Heidenau aktuell gibt, hat er selbst verlegt. Die beiden neuen, die an Fritz und Martha Goldstein erinnern sollen, hatte das Akubiz im Februar 2025 beantragt. Anne Nietschke aus dem Vorstand des Vereins sagt, sie wisse nicht, wie weit der Bearbeitungsstand ihres Antrags ist. „Wir haben mehrmals nachgefragt, aber bislang keine Rückmeldung bekommen.“
Bürgermeisterin Oertel erklärt auf Anfrage der taz, mit den Stolpersteine für die Goldsteins werden so verfahren, wie der Stadtrat an diesem Donnerstag beschließt. Das heißt, geht der Antrag durch, werden die Stolpersteine unbesehen abgelehnt. Oertel selbst sei für einen zentralen Gedenkort. Stolpersteine seien zeitweise durch Laub, Schmutz oder Schnee verdeckt, über sie gehe man „vielleicht gedankenlos“ hinweg.
Anders sieht das die Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, Ekaterina Kulakova. „Die Menschen nehmen Stolpersteine jeden Tag wahr“, sagt sie auf taz-Anfrage. Die Jüdischen Gemeinden seien bislang nicht zu dem Vorhaben eines zentralen Gedenkorts in Heidenau angehört worden. Aber zu einem solchen, sagt Kulakova, würden Interessierte nur zwei Mal im Jahr gehen. „Das dient nicht dem Erinnern, sondern dem Vergessen.“
Als die Nazis in Deutschland ab 1933 regierten, war es für Fritz Goldstein als Juden schwer, Arbeit zu finden. Laut Recherchen von Akubiz wurde das Ehepaar 1938 zusammen mit ihrem Kind verhaftet, enteignet und nach Polen abgeschoben. Sie überlebten den Krieg, aber nur Fritz Goldstein kehrte nach Heidenau zurück. Er engagierte sich unter anderem bei der VVN-BdA, bis er 1950 verstarb.
Kerstin Köditz, heutige Landessprecherin der VVN-BdA in Sachsen, findet, bei den Stolpersteinen gehe es darum, „dass uns die Verbrechen der Nazizeit im Alltag begegnen“. Die Opfer seien Nachbar:innen in der Stadt gewesen, nicht außerhalb. Die Idee der Stolpersteine sei, die verhafteten, deportierten oder ermordeten Menschen zurück ins Gedächtnis zu rufen. Ein Gedenkort auf dem Friedhof, „der stellt diese Nähe nicht dar“.
Außerdem finde Köditz, eine Gedenkfläche für „die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“ sei so weit gefasst, dass konkrete Zusammenhänge verblassen. „Wie will ich mich mit bestimmten Aspekten von Verbrechen auseinandersetzen, wenn ich alles in einen Topf werfe?“ Je nach Opferzusammenhängen und Phänomenbereichen brauche es unterschiedliche Konzepte. „Es ist etwas anderes, ob ich von Terroranschlägen rede, ob ich von Vertreibung rede oder von der industriellen Vernichtung der Jüdinnen und Juden.“
Doch Köditz stört noch etwas am Antrag. „Wenn ich überlege, welche Konstellation es an Unterstützern für diesen Antrag gibt, dann läuft es mir eiskalt den Rücken runter.“
Seit Jahren tritt die AfD bundesweit offen geschichtsrevisionistisch auf und versucht die Erinnerungskultur umzudeuten. Erst am Montag wiederholte Vorsitzende Alice Weidel in der Bundespressekonferenz die Lüge, der NS-Diktator Adolf Hitler sei eigentlich ein „Linksextremist“ gewesen.
Noch vor dem BOD-Antrag hatte die AfD in Heidenau vergangenen Dezember einen in Teilen gleich lautenden Antrag formuliert. Heidenau solle auf Stolpersteine verzichten. Unterschrieben war der vom AfD-Fraktionsvorsitzenden Daniel Barthel. Vor etwa 20 Jahren war der in neonazistischen Kreisen rund um die Kameradschaft „Skinhead Sächsische Schweiz“ aktiv. Heute sagt er, es gehe ihm um ein würdevolles Gedenken. Im Januar, zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, habe er eine weiße Rose am Nordfriedhof abgelegt.
Aber was wurde aus dem Antrag der AfD gegen die Stolpersteine? Barthel sagt, die Fraktionen von CDU und BOD hätten die AfD gebeten, den Antrag zurückzuziehen, um sich dann gemeinsam über weiteres Vorgehen zu verständigen. Aus gemeinsamen Gesprächen sei der vorliegende Antrag der Bürgerinitiative BOD entstanden.
Ob das stimmt, darauf antwortet die CDU-Fraktion in Heidenau nicht. Aber sie spricht von einem „interfraktionellen Antrag“. Den hätten die CDU-Stadträt:innen bereits besprochen. „Es ist uns wichtig, dass das Gedenken und die Geschichte auf vielfältige Art und Weise auch in Zukunft behandelt, gewürdigt und weitergetragen wird“, heißt es auf Anfrage der taz. Wie die einzelnen Stadträt:innen der CDU letztlich entscheiden, bleibe ihnen selbst überlassen. Der Antrag stelle nur das Gedenken „in Form von Stolpersteinen zur Debatte“.
Viel Debatte wird kaum folgen, falls die BOD-, CDU- und AfD-Mitglieder mit ihrem Antrag Erfolg haben. Als Erstes würde dann voraussichtlich die Verlegung der beiden Stolpersteine, die an Martha und Fritz Goldstein erinnern sollten, abgelehnt.
Read the full story at the source
Source: taz