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Begegnungen in der Großstadt: Sehnsucht nach den Geschichten der anderen
Die Jugend läuft berechtigt selbstverliebt durch die Straßen. Später fällt irgendwann auf, das sind noch andere Menschen. Die was zu erzählen haben. mehr...
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D ort, wo ich aufgewachsen bin, im bayerischen Würzburg, gab es keine Geheimnisse. Wenn ich als Schülerin den Unterricht schwänzte, heimlich mit meinen Freundinnen durch die Innenstadt bummelte oder bei McDonalds Milchshakes und Cheeseburger in mich stopfte, wusste meine Mutter noch am selben Tag von meinem Vergehen.
Irgendwer hatte mich entdeckt, eine Freundin oder Arbeitskollegin, und mich verraten. Mit einem psychologischen Trick versuchte meine Mutter mich später zu brechen, fragte, mit wissendem Blick, nach meinem Unterricht. Und ich, die nach Jahren ihr Spiel durchschaut hatte, ließ mir nichts anmerken und log ihr ins Gesicht.
Großstadt, Berlin, das war nach meinem Abschluss das Versprechen persönlicher Freiheit. In der Masse untergehen. Keine soziale Kontrolle. Niemand würde wissen, wann ich wohin ging, ja, es wäre auch allen egal! So lief ich viele Jahre durch die Stadt, kreiste, wie es die Jugend eben erfordert, vor allem um mich selbst und interessierte mich im Alltag wenig für die Menschen um mich herum. Ich lernte: Eine Großstadt funktioniert, wenn wir einander in Ruhe lassen.
Heute ist das anders. Vielleicht werde ich weich. Oder ich fühle mich freier mit mir selbst und mit Berlin. Jedenfalls sehne ich mich inzwischen nach den Geschichten der anderen. Nach kleinen Momenten des Alltags, in denen man einen Blick wechselt, sich zulächelt, miteinander spricht, bis man weitergeht, jeder zurück in seine eigene Welt.
Hängengeblieben ist mir Sabine aus dem Sommer. Ich saß auf einer Bank und wartete auf Freunde. Sie kam mit ihrem Rollator auf mich zu, ich machte ihr Platz. So begann unser Plausch. Sabine erzählte vom Aufwachsen an der Mauer. Sie zeigte auf eine Straße: Hier fuhr mal eine Tram; und auf eine Volksbank: Da hingen Prostituierte rum, das wusste jeder.
Von Sabine erfuhr ich, warum jetzt im Alter das Geld nicht mehr reichte, und wie schwer es seit ihrer Hüft-OP war, in den vierten Stock ihrer herrschaftlichen Altbauwohnung (natürlich ein alter Mietvertrag) zu kommen. Dort hatte ihr Mann einst die Wände mit Tapeten geschmückt, damit sie sich fühlen konnte wie auf einer Burlesque-Bühne. Auch wenn das Leben schwer war, sagte Sabine, wolle sie sich jeden Tag etwas gönnen. Also lief sie die 86 Stufen – sie hatte nachgezählt – nach unten zu Lidl und kaufte sich Tag für Tag ein süßes Teilchen, das sie zu Hause auf ihrem Balkon aß.
Ich zehre von diesen Momenten. Manchmal denke ich, sie setzen der Welt etwas entgegen, an der die Tech-Giganten arbeiten: einer, in der soziale Isolation zum Geschäftsmodell geworden ist.
Ich möchte nicht klingen wie eine von Nostalgie Ergriffene, die sich die analoge Welt zurückwünscht, doch mich treibt um, wie wir uns angesichts so vieler Krisen noch verbunden fühlen können.
Nicht mit jedem müssen wir befreundet sein, es reicht vielleicht schon, das Gegenüber als Mitmenschen zu betrachten, als ein echtes Gegenüber, nicht als Störfaktor oder gar Feind. Ist das nicht die erstrebenswerte Form von Gemeinschaft, frage ich mich. Nicht die große, pathetische, die sich auf Demonstrationen umarmt oder sich gemeinsamer Überzeugungen versichert. Stattdessen die kleine, alltägliche.
Ich nehme meinen Nachbarn Herrn F. zum Vorbild. Er scheint etwas zu beherrschen, das mir wichtig geworden ist: die Selbstverständlichkeit, auf andere zuzugehen. Wenn Menschen Herrn F. sehen, strahlen sie. Selbst die grimmige Frau von nebenan. Mit seinen fast 90 Jahren kennt er jeden im Kiez, hat er immer Zeit für einen Plausch.
Fühlen Sie sich manchmal allein?, fragte ich ihn neulich sehr direkt. Er lächelte, wie nur Menschen lächeln, die eine innere Freiheit besitzen, und zuckte die Schultern.