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Aufarbeitung der Jammeh-Diktatur: Eine Generation verlangt Rechenschaft
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Nicht weniger als 22 Jahre herrschte der Diktator Yahya Jammeh in Gambia – mit schweren Menschenrechtsverletzungen wie außergerichtlichen Tötungen, willkürlichen Festnahmen und dem gewaltsamen Verschwindenlassen von Menschen. 2016 gewann der heutige Regierungschef Adama Barrow die Präsidentschaftswahl und leitete eine neue demokratische Ära im Land ein.
Eine von Barrows Regierung eingesetzte Kommission kam 2019 zu dem Schluss, dass Jammeh seit 1994 umgerechnet mindestens 360 Millionen US-Dollar aus Staatsgeldern veruntreut oder gestohlen hatte. Das Organized Crime and Corruption Reporting Project schätzte die Schäden gar auf rund 975 Millionen US-Dollar. Die Clique um Jammeh plünderte demnach die Zentralbank, staatliche Telekommunikations- und Ölfirmen, den Rentenfonds und ausländische Hilfsgelder und exportierte illegal Tropenholz.
Nachdem Jammeh 2017 ins Exil gedrängt worden war, beschlagnahmte und verkaufte Barrows Regierung Vermögenswerte wie Luxusautos und Flugzeuge, um die Werte wieder in den Staatshaushalt zurückzuführen. Doch nicht alle im Land waren mit ihrem Vorgehen einverstanden. Der Verdacht stand im Raum, dass Vermögenswerte unter ihrem Marktwert veräußert wurden.
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2025 gründeten junge Menschen die Bürgerbewegung Gambians Against Looted Assets (GALA). Sie verlangte Transparenz über die Bewertungsmethoden, die erzielten Erlöse und die Käufer. Für GALA hatte dies eine besondere Bedeutung: Der Verkauf galt als Symbol für die Aufarbeitung der Jammeh-Diktatur. Wenn diese Güter nun selbst in einem undurchsichtigen Verfahren verkauft würden, wäre der gesamte Prozess der Wiedergutmachung beschädigt.
„Wir hatten Fragen über den Verkauf dieser Vermögenswerte“, sagt Omar Camara von GALA. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Bürger – insbesondere wir jungen Menschen – diese Fragen stellen müssen, wenn Institutionen ihren Pflichten nicht nachkommen.“ Mit friedlichen Protesten forderte die Gruppe Rechenschaftspflicht und Rechtsstaatlichkeit.
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Nach den ersten GALA-Protesten beschloss die gambische Nationalversammlung im Mai 2025, einen Sonderausschuss einzusetzen. Der sollte untersuchen, ob die Verkäufe der Jammeh-Vermögenswerte rechtmäßig und transparent waren.
Doch die Frustration der Bevölkerung saß tiefer – und die Proteste gingen weiter. GALA forderte die etablierten Strukturen heraus, verlangte eine politische Kultur der Transparenz und Bürgerbeteiligung. Sie setzte auf Aufklärung über soziale Medien, politische Bildung, juristische Schritte – und fordert immer wieder mehr Rechenschaftspflicht der Regierung.
Anhaltende Stromausfälle und Probleme bei der Wasserversorgung brachten die staatliche Energie- und Wassergesellschaft Nawec in die Kritik. GALA prangerte die Auswirkungen auf Haushalte, Unternehmen, Schulen und Gesundheitseinrichtungen und fehlende Rechenschaft im Energiesektor an. Die Gruppe überreichte Nawec-Vertretern eine Petition. Das Unternehmen kündigte daraufhin Maßnahmen zur Stabilisierung der Versorgung an.
„Wir sind entschlossen, neue Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung zu schaffen und staatliche Institutionen zur Verantwortung zu ziehen“, sagt Omar Camara. Der Staat antwortete darauf indes mit zunehmender Repression.
Im April 2026 gingen GALA-Aktivist:innen in der Stadt Brufut auf die Straße. Sie protestierten gegen die Festnahme des Geschwisterpaars Ousainou Bojang and Amie Bojang. Die beiden waren zuvor vom höchsten Gericht vom Vorwurf der Tötung zweier Polizeibeamter im Jahr 2023 freigesprochen worden. Nun hatte die Polizei sie eigenmächtig wieder in Haft genommen. Gegen die GALA-Proteste setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein.
Im Mai 2026 versammelten sich GALA-Aktivisten am Denkmal der Jugend in der Stadt Kanifing, um den Jahrestag der Gründung ihrer Bewegung zu feiern. Die Polizei nahm 13 Menschen fest, es kam zu Zusammenstößen. Der Vorfall entfachte eine neue Debatte über das Recht auf friedliche Versammlung im Land.
„Wenn Bewegungen den Status quo und die Mächtigen herausfordern, sind Schikanen, Drohungen, Einschüchterungen und Kampagnen zur Diskreditierung eine häufige Reaktion“, sagt Omar Camara. Die Herausforderung sei, Bürger:innen trotz institutionellen Widerstandes, Desinformation und begrenzter Ressourcen in die Kämpfe einzubinden.
Gambias Diktator Jammeh war 1994 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen. In den ersten Jahren wurde seine Regierung von westlichen Staaten unterstützt. Als diese sich später zurückzogen, nahm China engere diplomatische Beziehungen auf. Katar und andere Golfstaaten investierten zeitweise in Infrastrukturprojekte.
Der Machtwechsel von 2016 verdeutlicht die Grenzen internationaler Demokratieförderung. Weder die anfängliche Unterstützung westlicher Staaten für Jammeh noch die später engeren Beziehungen zu China und den Golfstaaten entschieden über das Ende seiner Herrschaft. Ausschlaggebend war eine breite innenpolitische Mobilisierung. Zugleich zeigten die wechselnden Partnerschaften, dass autoritäre Regierungen auch dann außenpolitische Unterstützung finden können, wenn sie demokratische Standards verletzen. Für Bewegungen wie GALA bedeutet das, dass der Kampf um Demokratie und Rechenschaftspflicht in erster Linie im eigenen Land geführt werden muss.
Wenn eine unabhängige Stimme der Zivilgesellschaft dazu beitragen könne, dass Gesetze geändert werden, sei das wichtig, sagt Camara. „Die Einstellung der Menschen zur Rechenschaftspflicht zu verändern, ist aber langfristig noch wichtiger.“ Camara sagt, er sei überzeugt, dass echter Wandel möglich sei, wenn sich junge Menschen mit einer gemeinsamen Stimme zusammenschließen.
Er betont, dass Demokratie nicht allein durch Wahlen bestehen könne. Viele junge Gambier:innen erwarten von ihr ebenso Arbeitsplätze, Gerechtigkeit und echte Zukunftsperspektiven. Ob sich diese Erwartungen erfüllen, werde auch davon abhängen, ob die Bevölkerung bereit sei, sich aktiv zu beteiligen. „Die Entscheidungen von heute werden die Zukunft des Landes für kommende Generationen prägen“, sagt Camara.
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Source: taz