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„Ästhetik des Widerstands“ in Stockholm: Eine Bibel der linken Ästhetik für das Museum
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Kann ein Graffiti einen Menschen zur Kenntlichkeit entstellen? Wer dieser Tage durch Stockholm läuft, muss beim Anblick der Wahlplakate stutzen. Denn die Oberlippe auf dem Porträt des lächelnden Ulf Kristersson ziert gelegentlich ein schwarzes Hitler-Bärtchen. Kein Wunder: 2018 hatte der konservative Ministerpräsident von der Moderaterna-Partei versprochen, niemals mit den von Nazis gegründeten Schwedendemokraten zusammenarbeiten. Vier Jahre später ließ er seine Regierung von den Rechtspopulisten tolerieren. Vor den Parlamentswahlen am 13. September hat er ihnen gar Ministerposten angeboten.
Mit dem aktuellen schwedischen Wahlkampf hat es nichts zu tun, dass die private Kunsthalle Bonniers in Stockholm gerade eine Ausstellung unter dem Titel von Peter Weiss’ monumentalem Hauptwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ von 1975 eröffnet hat. Doch die auch in Schweden grassierende Furcht vor der globalen Renaissance des Faschismus ist schon ein Motiv hinter dem Versuch, diese Bibel der linken Ästhetik für das Museum zu adaptieren. Schließlich entrollt der Roman ein grandioses Panorama der antifaschistischen Kämpfe und Debatten der Jahre 1937 bis 1945.
Die Verbindung Weiss’ zu Bonnier begann früh. Erschien doch das zweite, der Schau den Titel gebende Bändchen „The Defeated“, in dem der 1939 nach Schweden emigrierte Weiss seine Erlebnisse als Kriegsreporter im zerstörten Berlin 1947 schildert, ein Jahr später in dem Verlag, dem heute die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter, die deutschen Verlage Ullstein, Carlsen und Piper und eben eine Kunsthalle gehören.
„The Defeated: The Aesthetics of Resistance 2026“. Bonniers Kunsthalle, Stockholm, bis 8. November. Katalog/Reader (Bokförlaget Faethon): 12 Euro
Im Grunde ist die „Ästhetik“ ein imaginäres Museum, so wie seine Protagonistinnen darin beständig die großen Kunstwerke der Weltgeschichte von der Laokoon-Gruppe über Albrecht Dürer bis zu George Grosz interpretieren und befragen. Wie ein aufgeschlagenes Buch funktioniert die von dem Stockholmer Kunstkritiker Kim West, dem Kurator François Piron vom Pariser Palais de Tokyo und Joanna Nordin, der Direktorin von Bonniers Kunsthalle, kuratierten Ausstellung zum Glück aber nicht.
Auch wenn die drei viel Archivmaterial von Erstausgaben der Weiss-Bücher bis zu Harun Farockis berühmtem Fernsehgespräch mit Weiss in dessen Stockholmer Arbeitswohnung von 1979 aufbieten. Sie schafft es vielmehr, den paradigmatischen Weg von Peter Weiss und seiner Frau Gunilla Palmstierna-Weiss von den zu Beginn ihrer Karriere zurückgezogen im Elfenbeinturm arbeitenden bis hin zu politisch engagierten Künstlern zu zeichnen.
Sie beginnt in einem höhlenartigen Ausstellungsraum mit den frühen Arbeiten: Collagen, Weiss’ Experimentalfilm „Fata Morgana“ von 1959 und Malerei. Im zweiten, taghellen, gleichsam vom Licht der Aufklärung erleuchteten Raum breiten sie Bilder von Weiss’ Großprojekten wie „Viet Nam Diskurs“ oder „Die Ermittlung“ aus. In dem legendären Oratorium von 1965 verarbeitete er den Frankfurter Auschwitz-Prozess. An dieser Stelle wird die Schau zur aufschlussreichen Zeitreise in die Geschichte des Dokumentartheaters, das heute fast nur noch mit Namen wie Milo Rau oder Rimini Protokoll verbunden wird.
Diese Kapitel schließen die Kurator:innen mit zeitgenössischer Kunst kurz. Wie der Arbeit des Künstlerpaars Hamedine Kane und Valerie Osouf, das von dem berühmten, in der „Ästhetik des Widerstands“ erwähnten Géricault-Gemälde „Das Floß der Medusa“ inspiriert ist. Sie haben ein riesiges Segel spiralförmig durch den Raum gezogen, auf dem Bilder von Befreiungsbewegungen und -momenten aus der Weltgeschichte zusammengenäht sind.
Trotz der unverblümten Frage der Ausstellungsmacher:innen nach der „Vision eines Widerstands gegen den Faschismus“ in einer Situation „in der eine neue extreme Rechte und neue Faschismen an Kraft gewinnen“, ist „The Defeated/Aesthetics of Resistance“ keine aktivistische Ausstellung. Dazu kommen die meisten der 43 Kunstwerke zu abstrakt daher.
Christoffer Paues’ sechs Entwürfe antifaschistischer Banner mit Motiven aus der „Ästhetik des Widerstandes“ etwa. Kateryna Lysovenkos Ölgemälde „Madness of Fascism“, auf dem ein kleiner Junge einen Totenschädel in der Hand hält. Oder die zwei aufeinandergesetzten Skulptur-Bruchstücke, mit denen Ali Cherri den Heroismus dieser klassischen Repräsentation von Macht bricht.
Über das ästhetisch Kontemplative hinaus will da schon Zbyněk Baladrán. Der tschechische Künstler hat für seine Arbeit „Oracles“ 50 an die Wand gelehnte Leinwände nach einer, „Geomantie“ genannten Wahrsage-Methode erdfarben bemalt, um die Stellen der nächsten Bombardierung von Gaza vorherzusagen. Nach Peter-Weiss-Doku-Style hat er sie mit Diagrammen und Logos der Waffenlieferanten für Israel flankiert.
Im antifaschistischen Kontext der Ausstellung platziert, läuft Baladráns Arbeit Gefahr, als Gleichsetzung der israelischen Kriegspolitik mit Faschismus gelesen zu werden. Der Künstler selbst verfolgt aber ein anderes Ziel: nämlich das drohende Grauen zu imaginieren, um es zu verhindern. Dadurch geben die Kuratoren der Schau eine merkwürdige Unwucht: Ein Werk zur Israelkritik wird prominent platziert, während solche zum erstarkenden Rechtspopulismus, dem eigentlichen Gegner, fehlen.
Trotz alledem ist „The Defeated: Aesthetics of Resistance“ ein ungewöhnliches, sehenswertes Ausstellungsprojekt. Nicht nur, weil die Schau einmal mehr die ewige Frage nach der politischen Kunst aufwirft, für die Weiss’ „Ästhetik“ als Generalreferenz dient, sondern weil sie den derzeit viel beschworenen Antifaschismus von der reflexiven Seite her zu definieren sucht.
Weiss’ Roman ist das Exempel einer antifaschistischen Selbst-Erziehung mithilfe der Zeugnisse der Kunst. So gesehen wäre progressive Kulturpolitik, die diese Ressource für möglichst viele Menschen bereitstellt und ihre Institutionen schützt, ein unverzichtbarer Teil praktischen Antifaschismus. Für Kurator West demonstriert Weiss’ Werk den „tiefen Zusammenhang zwischen kritischem, experimentellem und künstlerischem Schaffen und politischer Freiheit“. Mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten wird dieser für die Demokratie existenzielle Zusammenhang zerschnitten.
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Source: taz