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Schach spielen: In der Legitimationskrise
Das klassische Schach hat den Pandemie-Boom kaum nutzen können und wirkt nicht mehr zeitgemäß. Doch neue Versuche hängen zu sehr an Magnus Carlsen. mehr...
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Man könnte meinen, Schachfans seien diesen November besonders gesegnet: Nicht nur findet ab dem 22. der Kampf um die Einzelweltmeisterschaft statt, wo in Genf Titelverteidiger Gukesh und sein Herausforderer Javokir Sindarov gegeneinander antreten. Nein, direkt davor, ab dem 10. November, trifft sich der Rest der Schachelite, um das Finale der Total Chess World Championship auszuspielen – ein Kombinationsformat verschiedener Zeitformen, um den komplettesten Schachspieler des Jahres zu küren.
Wie kommt es, dass zwei der wichtigsten Schachereignisse des Jahres nur wenige Tage voneinander entfernt stattfinden? Ist es nicht aufmerksamkeitsökonomisch gelinde gesagt ein Fehler, zwei derart prestigeträchtige Veranstaltungen nacheinander zu versenden?
In der Schachwelt ist gerade einiges im Umbruch, was maßgeblich damit zusammenhängt, dass der Weltverband FIDE deutlich geschwächt ist. Traditionell ist die Organisation des Weltschach russisch geführt, aber seitdem russische Spieler nur noch vereinzelt in der erweiterten Weltspitze auftauchen, fehlt hier die operative Basis. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben nicht nur viele Spieler der zweiten und dritten Reihe das Land verlassen, die Sanktionen betrafen auch ranghohe FIDE-Funktionäre, darunter den Präsidenten, Arkadi Dworkowitsch. Dworkowitsch war bis 2012 persönlicher Wirtschaftsberater Wladimir Putins gewesen und später Stellvertretender Ministerpräsident.
Zur Wahl des neuen Präsidenten traten drei Personen an, darunter zwei Deutsche: der erratische Milliardär Wadim Rosenstein, der Tech-Manager Jan Eric Buettner und – als Kandidat nicht nur des Kremls, sondern auch des immer einflussreicher werdenden indischen Verbandes – der kassachische Millionär Timor Turlov, der die Wahl schlussendlich auch gewann.
Die Herausforderungen sind zahlreich, denn die Unzufriedenheit insbesondere der Spitzenspieler:innen mit dem Dachverband wächst. Vielen scheint, dass der Schachboom in Folge der Pandemie und der Netflix-Serie The Queens Gambit nicht ausreichend genutzt wurden und die FIDE die Weiterentwicklung im Profibereich mehr bremst als fördert. Beispielsweise ziehen die (bestenfalls amateurhaft produzierten) Youtube-Streams von bedeutenden FIDE-Veranstaltungen regelmäßig nur eine handvoll Tausend Zuschauer:innen an: Das sind keine Zahlen, die Sponsoren anlocken.
Die Lücke, die der Weltverband dort lässt, wird von verschiedenen neuen Akteuren genutzt in der Hoffnung, Schach profitabel zu machen. Einer dieser zahlreichen Akteure ist eben Jan Eric Buettner, der zu diesem Zweck unter anderem eng mit dem nach wie vor besten Schachspieler der Gegenwart, vielleicht sogar aller Zeiten, Magnus Carlsen, kooperiert.
Zugpferde der FIDE sind die Einzel-Weltmeisterschaft und die Schacholympiade. Seitdem Magnus Carlsen 2022 seinen WM-Titel ungeschlagen abgab, hat der Titel einiges an Nimbus verloren. Er ist momentan eine Auszeichnung zweiter Klasse, umso mehr, als dass der amtierende Titelverteidiger Gukesh sich seit Monaten in einer Schaffenskrise befindet und momentan nur auf Platz 26 der Weltrangliste steht.
Die Legitimationskrise des klassischen Schach – seit mindestens 150 Jahren die unbestrittene Königsdisziplin – hängt auch mit den Entwicklungen der Schachprogramme zusammen. Die massiven Fortschritte in der Eröffnungstheorie, die durch verschiedene Softwares erzielt wurden, erfordern mehr Fleißarbeit und gehen zulasten der Kreativität der Spieler:innen. Entsprechend präferiert nicht nur Carlsen andere Formate (zum Beispiel mit kürzerer Bedenkzeit), auch weitere Spitzenspieler wie die Nummer zwei der Welt, Hikaru Nakamura, oder Alireza Firouzja haben sich prominent gegen das klassische Schach positioniert. Auch, weil die langen Bedenkzeiten für Zuschauer:innen nicht mehr als zeitgemäß gelten.
Die Versuche der Erneuerung und der Popularisierung des Sportes sind zahlreich. Einer davon ist eben jene Total Chess World Championship, die von norwegischen Sponsoren getragen wird. Neben Carlsen werden dort auch Fabiano Caruana, die beiden Jungstars Nodirbek Abdussatorov und Praggnanandhaa sowie der aktuell beste deutsche Spieler, Vincent Keymer, antreten. Die Terminierung kurz vor dem WM-Duell ist dabei durchaus auch als Kampfansage an die FIDE zu verstehen.
Dass das Kalkül aufgeht, so neue Formen des Schachs stärker zu etablieren, ist allerdings fraglich. Denn es hängt in dieser ganzen Entwicklung viel am Namen Magnus Carlsen. Sein schärfster Konkurrent der letzten Jahrzehnte, Fabiano Caruana, hat das relativ trocken so ausgedrückt: „Wenn Carlsen (das Event) gewinnt, werden wir sagen: Das beweist, dass die Weltmeisterschaft überflüssig ist. Verliert er, war der neue Sieger nur Zufall.“ Und es ist dieser Umstand vor allem, der dem Schach gerade viel seiner Spannung nimmt. Das Ergebnis beider Turniere steht schon vorab fest. Nämlich dass Magnus Carlsen der beste Spieler der Welt, wenn nicht aller Zeiten ist.