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Germany · taz · · 2h

Quote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Dem Zuschauer untertan

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Ä ngstlich sind die Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) schon lange. Spätestens seit dem Aufkommen der Privatsender liegt ihr Fokus auf der Einschaltquote. Mit seiner Fernbedienung richtet der Zuschauer ��ber das Programm.

Wenn ich als Drehbuchautorin mit Re­dak­teu­r:in­nen über Geschichten nachdenke, ist der Zuschauer stets mit dabei. Ihm gilt es vorauseilend zu gehorchen.

Meist zitieren ihn Redakteur:innen, wenn Totschlagargumente vonnöten sind. Denn wenn der Zuschauer etwas nicht versteht oder goutiert, dann muss das völlig anders oder besser ganz raus. Oder es muss genau erklärt oder angenehmer dargestellt werden. Auf jeden Fall so, dass es dem Zuschauer nicht unbequem auf seiner Couch wird, er also nicht auf die Idee kommt, um-, ab- oder gar nicht mehr einzuschalten.

Wenn Sie jetzt denken, dieser mächtige Zuschauer wären Sie, muss ich Sie leider enttäuschen. Die meisten von Ihnen werden nicht den Apparat zu Hause haben, den die AGF Videoforschung GmbH an Panelhaushalte verteilt, um zu messen, was die rund 11.000 Testpersonen schauen. Auch das Streamingverhalten wird inzwischen gemessen, wobei die lineare Ausstrahlung Basis für die Quote bleibt und jeden Tag in den Redaktionen auf dem Tisch liegt.

Bleibt ein Programm unter der Erwartung, fliegt es raus. Häufig sofort. Stimmt die Quote, führt man die Formate fort. Manche bis in alle Ewigkeit. Oder man macht dasselbe in Grün. Was erklärt, warum im ÖRR immer mehr Krimis laufen. Neuerdings hat der Zuschauer einen Second Screen in der Hand. Komplexen Geschichten kann er schlecht folgen, weil er gleichzeitig auf dem Handy wischt. Also muss man die Story simpel halten und immer wieder zusammenfassen. Ganz ehrlich: Auf den Zuschauer, der vor meinen Filmen bügelte, hab ich lieber geachtet.

Der schwierigste Zuschauer ist aber der, der sich über den ÖRR empört. Denn noch mehr als eine schlechte Quote fürchten die Sender einen Shitstorm. Dahinter verbirgt sich zwar gar nicht der Mainstream, was die Sender aber nicht davon abhält zu befürchten, dass den Zuschauer bestimmte Inhalte triggern könnten. Dann nutzt der Zuschauer sein Handy zum Verfassen böser Kommentare, und das gilt es unbedingt zu vermeiden.

Aufgrund seiner Krisenmüdigkeit will der Zuschauer nichts Politisches, heißt es aus den Redaktionen des ÖRR. Wenn es unbedingt sein muss, dann bitte so, dass es nicht polarisiert, den Zuschauer nicht zu arg aufrüttelt oder wenn, dann nur durch Krimispannung. Willkommen ist auch erotischer oder voyeuristischer Kitzel sowie das Gefühl, einem Event beizuwohnen. Am Ende muss alles gut ausgehen. Damit der Zuschauer danach gut schlafen kann. Das ist zentral. Denn im Schlaf will der Zuschauer dasselbe wie beim Fernsehen: Den tristen Alltag vergessen samt aller Sorgen und Unannehmlichkeiten.

Sie merken schon: Schreiben für das Fernsehen ist eine komplizierte Sache. Besonders wenn man Unterhaltung zu aktuellen Themen schafft, das zeigt auch meine kleine Umfrage unter Kol­le­g:in­nen im Deutschen Drehbuchverband (DDV). Im Krimi waren Geschichten aus der Gegenwart und selbst Politisches bisher noch möglich. Aber auch in diesem Genre wird das Spielfeld kleiner. Statt von Gewalt zu erzählen, die aus gesellschaftlichen Konflikten entsteht, werden Bösewichter präferiert, die möglichst wenig mit uns zu tun haben. Bringen wir sie hinter Gitter, ist die Welt wieder in Ordnung.

Komme ich mit komplexeren Geschichten an, lächeln die Pro­du­zen­t:in­nen meist nur müde. „So was kann ich den Sendern gerade nicht anbieten.“ Ich kann es ihnen nicht verübeln. Seitdem der ÖRR die Budgets für das fiktionale Programm massiv gekürzt hat, ist der Markt so umkämpft wie noch nie. Hier mit einem Stoff zu überzeugen, der keinen völligen Eskapismus verspricht, ist – wenn überhaupt – nur mit sehr viel Einsatz und unter großem Risiko möglich.

Beides wollen sich viele Pro­du­zen­t:in­nen jedoch nicht leisten, zu sehr hängt ihr Job vom nächsten Film und der Gunst des Zuschauers ab. Auch für Re­dak­teu­r:in­nen können miese Quoten und Shitstorms unangenehme Folgen haben, für uns Kreative haben sie das immer.

So wundert es wenig, dass auch ich mich als kreative Ich-AG durchgerungen habe, möglichst unverfängliche, quotentaugliche Geschichten zu erfinden. Bisher läuft es eher mau. Nicht nur, dass mir kaum Ideen kommen, mir fällt auch kein Argument ein, warum man dafür 1,5 Millionen Euro an öffentlichen Geldern ausgeben sollte. So viel kostet ein Primetime-Film mindestens.

Noch mehr plagt mich jedoch folgender Gedanke: Was, wenn es sich bei dem Zuschauer, der bloß nichts Politisches, Düsteres, Irritierendes sehen will und dem ich und meine Kol­le­g:in­nen so fleißig nach der Nase schreiben, womöglich um einen AfD-Anhänger, Verschwörungstheoretiker oder sonstigen Populisten handelt?

Begründungen zu Absagen von Vorschlägen oder drehfertigen Projekten deuten für uns darauf hin. So wie auf die Heidenangst, die der ÖRR vor diesem Zuschauer hat. Sie ist so stark, dass man nicht mal mehr darüber nachdenken will, wie man ihn locken könnte, sich für eine Weile in eine fremde Welt zu begeben und sich in Figuren zu versetzen, die anders leben, handeln und denken.

Schade. Denn das macht die Qualität und Stärke von fiktionalen Geschichten ja aus. Gerade jetzt, da Welten immer mehr auseinanderdriften, könnten Fernsehfilme auf sehr niedrigschwellige und nahbare Weise Blicke über den Blasenrand hinaus in die Vielfalt unserer Gesellschaft geben. Der Zuschauer könnte zu überraschenden Erkenntnissen gelangen wie: Die sind ja auch Menschen und gar nicht so anders als ich! Das würde für Verständnis und Empathie sorgen und helfen, manchen Graben vielleicht sogar zu überwinden. Und so zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. Letzteres ist übrigens auch Teil des Programmauftrags des ÖRR. Aber den hat er vor lauter Quotenfixierung ja eh längst aus dem Blick verloren.

Ja, ja, ich weiß: Das ängstliche Herumlavieren des ÖRR hat einen ernsten Grund. Das Gegröle derjenigen, die eine Abschaffung des ÖRR fordern, wird immer lauter. Mit dem Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt ist der Austritt eines Bundeslandes aus dem Medienstaatsvertrag in bedrohliche Nähe gerückt. Ja, sogar unser Kulturstaatsminister denkt laut über eine massive Verkleinerung des ÖRR nach.

Ob es aber klug ist, aus Angst vor denen, die einen loswerden wollen, Autozensur zu betreiben, ist mehr als zweifelhaft. Zur Klarstellung: Zensur im Sinne von politischer Einflussnahme ist im ÖRR verboten und findet nicht statt, auch wenn das mancher Politiker gern anders hätte.

Wenig schlau ist die Quotenfixierung auch aus professioneller Sicht: Quotenerfolge lassen sich nicht am Reißbrett planen. Da kann man sich noch so sehr bemühen, mit der Mediennutzertypologie des Markt- & Sozialforschungsinstituts GIM Produkte passgenau auf Zielgruppen zuzuschneidern. Auch lässt es sich mit einer Schere im Kopf schlecht schreiben, vor allem, wenn gleich eine ganze Heerschar mitschnippelt – ein Drehbuch geht in einem Sender durch etliche Hände. Filme, über die man eine Woche nach Ausstrahlung noch nachdenkt, schafft man auf diese Weise nicht. Die werden anderswo gemacht. Wodurch sich der ÖRR auf Dauer sein eigenes Grab schaufeln wird. Denn irgendwann werden ihn selbst die, die ihn jetzt noch schätzen und für notwendig halten, weder nutzen noch finanzieren wollen.

Aber zurück zur Frage: Was bedeutet die Quotenfixierung des ÖRR in Zeiten, in denen der Zuschauer autoritäre Gedanken hegt? Tragen wir als Ge­schich­ten­er­zäh­le­r:in­nen für den ÖRR nicht auch eine Verantwortung, die über unser bloßes Überleben hinausgeht? Ich finde: Ja. Weshalb mich jetzt, da ich die vielen Geschichten, die mir die Gegenwart tagtäglich auf den Tisch pfeffert, in die Schublade verbanne, ein schlechtes Gewissen einholt. Ja, angesichts der aktuellen politischen Lage fühle ich mich schuldig.

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder würde wohl sagen: Du fühlst dich nicht nur so, du bist es auch. So wie alle, die sich einem Zuschauer untertan machen, der nur das toleriert, was ihm gefällt, und damit droht, alles, was ihm zuwider geht, zu vernichten. Laut Snyder sind unsere demokratischen Gesellschaften zwar nicht besser als die, aus denen die Diktaturen des 20. Jahrhunderts hervorgegangen sind. Im Unterschied zu früher haben wir heute jedoch die Möglichkeit, aus den historischen Erfahrungen zu lernen, um autoritären Kräften entgegenzutreten und unsere Demokratie zu schützen, und dazu gehört auch der ÖRR.

Die 20 wichtigsten Lektionen aus der Geschichte hat Timothy Snyder in seinem Buch „Über Tyrannei“ zusammengestellt. Die erste lautet: „Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.“

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Source: taz