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Große Vincent Van Gogh Ausstellung: Das Hohelied der Malerei
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Der Weg zum Museum führt durch scheinbar unberührte Natur. Der Nationalpark De Hoge Veluwe ist eines der größten zusammenhängenden Naturgebiete der Niederlande, eine stille Wald- und Heidelandschaft mit lila leuchtenden, sanften Hügeln, frühmorgens glitzern Tautropfen in den Spinnennetzen wie kostbarer Silberschmuck.
So kommt man in gehobener Stimmung an im riesigen, aber sich bescheiden in die Landschaft schmiegenden Kunstareal des Kröller-Müller Museums, das seit seiner Eröffnung 1938 beständig weiterwächst und demnächst einen neuen Anbau von Stararchitekt Tadao Andō erhalten wird. Der 25 Hektar große Skulpturengarten ist einer der größten seiner Art, Natur und Kunst kommen sich hier ungewohnt nahe.
Der ganze Komplex und die weltberühmte Sammlung gehen zurück auf die unstillbare Kunstleidenschaft der in Horst bei Essen geborenen Helene Kröller-Müller, Tochter eines Stahlindustriellen, die mit dem Geld ihres wohlhabenden Ehemanns insgesamt 11.500 Kunstobjekte erwarb. Ein besonderes Faible entwickelte sie für das Werk des damals wenig geschätzten Vincent van Gogh, ihre ersten bedeutenden Ankäufe waren 1909 drei Werke von ihm: „Sonnenblumen“, „Der Sämann“ und „Stillleben mit Flasche und Zitrone“.
Schließlich brachte sie es im Laufe der Jahre auf 88 Gemälde von van Gogh und schuf damit die größte Privatsammlung des Künstlers, nur das Van Gogh Museum in Amsterdam ist noch reicher bestückt. Die Sammlerin trug Werke aus allen Schaffensperioden der nur zehnjährigen Malerkarriere van Goghs zusammen. Viele dieser Schätze sind häufig weltweit ausgestellt, schließlich gehört van Gogh zu den populärsten Malern überhaupt.
Dass in der Ausstellung mit dem Titel „Van Gogh: All unsere Bilder“ nun der gesamte Bestand des Museums zusammenkommt, ist also ein Glücksfall, den es auf recht unkonventionelle Weise nutzt. Was der schlichte Titel bereits verspricht, wird eingelöst: Die Bilder werden nicht in ein komplexes, zeitgeistig hochtoupiertes kuratorisches Konzept eingezwängt, gleichwohl aber nicht einfach nur chronologisch aufgereiht, sondern in Gruppen oder Paaren gegenübergestellt und diese nach Themen sortiert. Das ist oft, aber nicht immer erhellend.
Es gelingt vor allem dann, wenn die jähe künstlerische Entwicklung des Malers auf fast bestürzende Weise evident wird. Wenn auf den scharfen Blick und die noch gebändigte Malweise des frühen van Gogh die Farbexplosionen des späten folgen, das Hineinbohren in die Details, in Äste, Wurzeln und Blüten, das sich zugleich mehr und mehr befreit vom Gegenständlichen, sich auflöst in Farbe und Licht.
Am meisten aber überrascht, dass diese Ausstellung sich der üblichen Pathologisierung des Malers verweigert, ohne dass seine psychische Erkrankung verschwiegen würde. Seine Kunst wird hier nicht als Kampfplatz der Krankheit begriffen und als Ausdruck innerer Zerrissenheit. Dieses letztlich romantische Klischee wird hier sogar bewusst ausgehebelt, indem gezeigt wird, dass die Kunst für van Gogh ein Anker der Stabilität war und ein Medium für seinen spirituellen Grundimpuls. Als Pfarrerssohn tat er seinem Vater damit Genüge, dass er zunächst selbst Pfarrer werden wollte, bevor sein Bruder Theo ihn davon überzeugte, eine Karriere als Maler anzustreben.
Als sei die Malerei für van Gogh eine Sublimierung seiner im Kern geistlichen Mission, untersucht die Ausstellung nun drei Themen, die sie dem neutestamentarischen Hohelied der Liebe entleiht, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe. Entlang dieser biblischen Werte blickt die Ausstellung auf die künstlerische Entwicklung van Goghs, „anstatt uns auf die Mythen zu konzentrieren, die sein Leben umgeben“, erklärt Restauratorin Renske Cohen Tervaert beim Rundgang.
Auf den ersten Blick mag dieses Konzept vielleicht etwas naiv anmuten, aber die flankierenden Wandtexte mit Zitaten aus Korrespondenzen van Goghs und sogar einer Predigt aus seiner Zeit als Geistlicher belegen, dass van Gogh keineswegs ein L’art-pour-l’art-Künstler war, sondern mit seiner Kunst tatsächlich auch Trost spenden wollte.
Und ein wahres Fest der Malerei ist diese Schau allemal, ob man sich nun spirituell erreichen lässt oder nicht. Es sind nicht nur die weltberühmten Bilder – und Merchandisingmotive –, die im Original mit ihrer ungeheuren Kraft faszinieren wie etwa die „Brücke in Arles“ oder die „Caféterrasse am Abend“ sowie die frühen „Kartoffelesser“ in erdig braunen Tönen mit ihren groben Gesichtern. Faszinierend sind auch die Porträtstudien der Bauerngesichter aus dieser Zeit, die zugleich mitfühlend und mit unbestechlicher Härte die prekäre Lebensrealität der Landbevölkerung einfangen.
Van Gogh verklärte auch die Natur nicht, sondern sah in ihr ein Äquivalent für den „Kampf des Lebens“, das er „zum Ausdruck bringen“ wollte, etwa in „knorrigen schwarzen Wurzeln“. Ein Beleg dafür, dass die Malerei für ihn ein Weg heraus aus dem Leiden war, ist das hinreißende Bild „Der Garten der Anstalt in Saint-Rémy“ von 1889, gemalt während seines Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik, wo er sich laut einem Briefzitat keineswegs eingesperrt, sondern „am rechten Ort“ fühlte.
Bestürzend und wie eine Erinnerung an eigene Qualen dann wieder das locker kolorierte Bild „Trauernder alter Mann – vor den Toren der Ewigkeit“ vom Mai 1890. Im selben Monat, kurz vor seiner Rückkehr aus der Provence in den Norden, wo sein Leben im Juli in der Nähe von Paris durch die Folgen eines Pistolenschusses enden sollte, malte er als triumphales Abschiedsbild vom geliebten Süden „Landstraße in der Provence bei Nacht“, eine vibrierende Fantasielandschaft mit Zypressen, die in der Ikonografie als – freilich ambivalente – Symbole der Hoffnung auf ewiges Leben gelten.
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Source: taz