Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 2h

Radsport | City Hill Climb Salzburg: 900 Meter als Zukunft des Radsports?

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt? Die Starterinnen und Starter hatten zu kämpfen. Foto: Igor Schifris 900 Meter können verdammt lang sein, wenn sie mit bis zu 32 Prozent Steigung zur Festung Hohensalzburg hinaufführen. Im Finale der Männer wurden für Filip Lepka und Maks Alfred Barret Maunz selbst die letzten Meter noch zur Prüfung. Die beiden hatten sich auf dem Schotteranstieg von ihren Konkurrenten abgesetzt und mussten nur noch durch eine Haarnadelkurve in den Innenhof der Festung. Dann stürzten beide. »Wir haben beide gewusst, dass die letzte Kurve mit Abstand die wichtigste ist. Ich habe dann versucht, innen reinzustechen. Unglücklicherweise haben sich dann unsere Lenker verheddert«, schilderte Lepka die Szene.

Barret Maunz war als Erster wieder auf den Beinen und schob sein Rad Richtung Ziel. Erst auf den letzten Metern versuchte der Österreicher, der auf Continental-Niveau fährt, wieder aufzusteigen – und verlor dabei entscheidende Sekunden. Lepka, ebenfalls für ein österreichisches Continental-Team unterwegs, saß da längst wieder im Sattel. Mit kräftigen Tritten holte der Tscheche seinen Rivalen noch ein, zog vorbei und gewann das Finale.

Für die Zuschauer war das Rennen ein Spektakel: Über Videoleinwände im Start- und Zielbereich konnten sie die einzelnen Konkurrenzen der Frauen und Männer sowie des Nachwuchses gut verfolgen. Mehrere Kamerateams hatten unterwegs feste Positionen, ein Kameramotorrad fuhr unmittelbar bei den Fahrern. Ein möglicher Windschattenvorteil für Fahrerinnen und Fahrer dicht hinter dem Motorrad war dabei zu vernachlässigen. An den steilsten Stellen betrug die Geschwindigkeit kaum mehr als fünf Kilometer pro Stunde. Die Schwerkraft wirkte wesentlich stärker als der Gegenwind.

Und so sah man am steilsten Stück, einem Schotterabschnitt, unterbrochen von flachen steinernen Schwellen, Fahrerinnen und Fahrer vor allem um ihre Balance kämpfen. Manche suchten Halt an den Wänden der Festung. Andere mussten absteigen, weil auf dem Schotter das Hinterrad durchdrehte oder wegrutschte. »Es ist natürlich eine Herausforderung«, gibt Rennveranstalter Gerhard Schönbacher im Gespräch mit »nd« zu. »Aber die Rennfahrer sagen mir, dass sie enormen Spaß dabei haben. Und manche erzählen mir, dass sie, wenn sie es in dem einen Jahr nicht geschafft haben, auf dem Rad hochzukommen, im nächsten Jahr wiederkehren und es erneut versuchen.«

Wie etwa Elisa Winter. Die Österreicherin, in dieser Saison für den britischen Continental-Rennstall Smurfit Westrock Cycling Team bei Straßenrennen aktiv, war vor zwei Jahren bereits dabei. »Damals habe ich mich nicht getraut, komplett bis nach oben durchzufahren. Heute ging es aber«, sagte sie strahlend. Es ging sogar sehr gut: Winter gewann die Elitekonkurrenz der Frauen. »Es ist einfach überwältigend hier. Die Zuschauer feuern einen massiv an. Das verleiht dir Flügel«, beschrieb sie begeistert die Atmosphäre.

Organisator Schönbacher ist mit dem ungewöhnlichen Rennen tatsächlich ein Coup geglückt. Der Österreicher war früher selbst Straßenprofi, zwei Tour-de-France-Teilnahmen und eine bei der Vuelta gehören zu den Höhepunkten seiner sportlichen Karriere. Danach organisierte er Radrennen, unter anderem das Mountainbike-Etappenrennen Crocodile Trophy in Australien.

Vor Jahren versuchte er, die Middle East Peace Tour mit Etappen in Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina aus der Taufe zu heben. Das Rennen war als Mittel der Verständigung in der Krisenregion gedacht. Dann aber wollte niemand Garantien für die Sicherheit der Teilnehmer übernehmen, vor allem nicht für die israelischen. »Wir mussten das Projekt leider absagen«, blickt Schönbacher zurück.

Der City Hill Climb Salzburg ist nun sein neuestes Unterfangen. Letztlich ist das Rennen eine Post-Covid-Geburt. Als man wieder reisen konnte, aber noch nicht allzu weit, machte Schönbacher mit seiner Frau Urlaub in Salzburg. »Am letzten Tag sind wir zur Festung raufgewandert. Als wir oben waren, habe ich zu meiner Frau gesagt: ›Ich glaube, ich mache hier ein Radrennen rauf.‹ Dann habe ich 24 Stunden überlegt, wie ich das machen könnte, und schließlich mein ganzes Netzwerk bis in die Stadtspitze aktiviert«, erzählt er.

Auch Bürgermeister Bernhard Auinger ist Feuer und Flamme für das Rennen. Den Einwohnern und Gästen der Mozartstadt mit ihren vielen Kulturhöhepunkten will er auch sportliche Veranstaltungen anbieten. Der SPÖ-Politiker ist auch diesmal zum Finale gekommen und beobachtet, wie Lepka und Barret Maunz sich duellieren.

Vor allem freut ihn, dass Nachwuchsklassen von der U9 aufwärts bis hin zu den Eliteklassen bei Frauen und Männern am selben Tag die bis zu 32 Prozent steile Strecke zur Festung angehen. »Ich glaube, dass der Sport eine gewisse Bühne braucht«, sagt er und verweist auf das barocke Ambiente am Kapitelplatz, wo der Start erfolgt. »Es reicht auch nicht, nur den Nachwuchssport zu fördern, sondern es braucht gerade solche Events wie hier, wo die Jugend zur Elite hinschauen kann.«

36 Pokale stehen für die Rennen in zwölf unterschiedlichen Klassen bereit. Den Kleinsten aus der U9 bereitet dabei das Rennen selbst weniger Probleme als das Erklimmen der obersten Stufe des Siegerpodests. Mit Armen, Händen und Knien wird aber auch diese Hürde überwunden. Und ganz passend läuten zur Siegerehrung die Glocken des nahen Doms.

Schönbacher hält sein Modell für eines mit Zukunft. »Ich habe etwas gesucht, wo ich keine behördlichen Probleme habe. Ich würde sehr gerne Straßenrennen organisieren, aber es ist fast unmöglich mit dem Verkehr und den Kosten, die für Absperrung und Sicherheit anfallen. Ich glaube, die Zukunft wird bei Innenstadtrennen liegen, in Städten, die autofrei sind«, argumentiert er.

Beim City Hill Climb müssen nur 900 Meter abgesperrt werden. »Die fünf Leute, die oben wohnen, informiere ich jedes Jahr und lade sie dann ins Gästezelt zum Klatschen und zum Essen ein. Da haben wir gar keine Probleme«, meint Schönbacher.

Bürgermeister Auinger stimmt zu. »Wir haben sehr wenig Aufwand, machen vorher nur einen Postwurf, damit die Unternehmen dementsprechend informiert sind. Es ist ja eine sehr kompakte Veranstaltung. Da gibt es kaum Beschwerden.«

Natürlich hat nicht jede Stadt eine alte Festung ganz in der Nähe. Auch wird man nicht jedes Klassikerrennen auf solch ein Format zusammenschrumpfen können. Das weiß auch Schönbacher. »Paris–Roubaix oder die Flandern-Rundfahrt wird man nicht kürzen oder auf einen Rundkurs bringen können. Aber wenn man etwas Neues organisieren will, wird man nicht an kleineren Rundstreckenrennen vorbeikommen«, meint er. Und schlägt gleich vor, wie es gehen könnte: »Man sperrt in größeren Städten einen Rundkurs von sieben bis zehn Kilometern in den autofreien Zonen ab. Das ist auch für die Zuschauer sehr interessant.«

Ein solches Kriterium mit mehreren Runden hat schließlich auch den Vorteil, dass Veranstalter leichter auf Witterungsunbilden wie Hitze oder Hagel reagieren können: Man fährt einfach ein paar Runden weniger oder kann problemlos unterbrechen. Auch die Versorgung mit Wasser sowie Mitteln zum Kühlen oder Wärmen ist leichter zu organisieren. Bürgermeister Auinger jedenfalls empfiehlt das kompakte Format auch anderen Städten.

Schönbacher will tatsächlich expandieren. »Ich habe ja lange in Belgien gelebt. Die Mauer von Geraardsbergen oder der Koppenberg wären etwas«, spielt er auf zwei legendäre Anstiege der Flandern-Rundfahrt an.

Und in Erinnerung an das einstige Projekt Peace Tour wäre auch ein Stadtbergrennen in Jerusalem eine reizvolle Idee. Ein UCI-Kommissär aus Israel war in Salzburg bereits als Beobachter dabei. Voraussetzung für ein Rennen dort wäre allerdings Frieden in der Region. Ende Oktober wird in Israel gewählt. Ob danach die politischen Bedingungen für ein solches Projekt günstiger werden, ist offen.

Die »nd.Genossenschaft« gehört denen, die sie lesen und schreiben. Sie sichern mit ihrem Beitrag, dass unser Journalismus für alle zugänglich bleibt – ganz ohne Medienkonzern, Milliardär oder Paywall.

→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen in den Fokus rücken → marginalisierten Stimmen eine Plattform geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten anstoßen und weiterentwickeln

Mit »Freiwillig zahlen« oder einem Genossenschaftsanteil machen Sie den Unterschied. Sie helfen, diese Zeitung am Leben zu halten. Damit nd.bleibt.

Read the full story at the source

Source: nd