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»Kalter Hund« im Kino | Pauline Roenneberg: »Der Film polarisiert extrem«
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Wie geht es für Marianne (Corinna Harfouch) nach dem Tod des Familienpatriarchen Hermann weiter? Foto: Milk Pictures Welche wahre Begebenheit steckt hinter »Kalter Hund«?
Als ich Anfang 20 war, ist mein Großvater mit über 90 gestorben. Meine Großmutter hat an dem Tag Familienbesuch aus England erwartet und – ich kann bis heute nicht genau sagen, warum – sie wollte auf keinen Fall, dass der Besuch das weiß. Also gab es ein Mittagessen ohne meinen Großvater. Das war eine absurde Situation: Alle wollten zu ihm hochgehen und wir durften nicht sagen, dass er schon gestorben war. Wir haben dann diese Grundsituation überhöht und die Dynamiken zugespitzt.
Sie hatten kein Dialogbuch, sondern nur ein szenisches Treatment. Die Figuren haben Sie dann mit den Schauspielern beim Schreiben weiterentwickelt. Wie haben Sie mit ihnen gearbeitet?
Ich habe mit Corinna Harfouch als Marianne, Victoria Mayer als ihre Tochter Valerie und Lea Drinda als ihre Enkelin Fanny sowie Karoline Eichhorn und Thomas Mraz als Valeries Halbgeschwister an einem Wochenende den 99. Geburtstag geprobt. Die Dynamiken – gerade die Mutter-Tochter-Dynamik – haben wir weiter ausgearbeitet und ins Treatment übernommen. Wir haben an dem Wochenende herausgefunden, dass Marianne nicht die aktive Manipulatorin ist, wie ich ursprünglich dachte, sondern viel instabiler und überforderter ist. Corinna beschreibt Marianne immer wie ein kleines Kind, das die Augen zuhält und hofft, dass alles Schwierige einfach weggeht. Wir haben Marianne einen Signature-Move gegeben. Sie pfeift immer, wenn irgendwas Schwieriges passiert ist. Valerie weiß dann, dass sie für ihre Mutter ein Problem lösen muss. Da Valerie wiederum wegen ihres Rollstuhls auf Fannys Hilfe angewiesen ist, versucht sie dann, das Problem zu lösen. Es findet also eine Rollenumkehr über drei Generationen statt. Lea Drinda spielt Fanny so fein und durchlässig, dass sich in ihrem Gesicht spiegelt, was der Zuschauer fühlt, was dem noch eine weitere Ebene hinzufügt.
Als Fanny fragt: »War der Opa ein Nazi?«, findet fast nebenbei Geschichtsaufarbeitung statt …
Das mit dem Nazi-Großvater kam schon sehr früh im Buch. Wir dachten lange als Gesellschaft, wir hätten das Dritte Reich sauber aufgearbeitet. Ich habe gemerkt, dass wir das innerhalb der Familien nicht getan haben. Gefühlt jeder am Set sagte: »Ich habe auch so ein Fotoalbum gefunden.« Oder: »Ich weiß selber nicht so genau, was meine Großeltern genau gemacht haben.« Für mich ist dieses Schweigen darüber der Ursprung des Problems. Aus diesem Schweigen entwickelt sich ein Gefühl von Scham und Schuld, die an die nächsten Generationen weitergegeben wird.
Die Männer, nicht nur der tote Großvater Hermann, haben im Film generell nicht viel zu sagen, oder doch?
Sie sind selbst, wenn sie stumm sind, in unserer patriarchal strukturierten Gesellschaft mächtiger. Herrmann beeinflusst die Frauen in ihrem Handeln über seinen Tod hinaus. Ich fand das spannend, zu fragen: Wie gehen diese Frauen mit seinem Tod als Tabu und mit dieser Disharmonie nach außen und innen um? Die Töchter schauen, dass es ihren Müttern gut geht und wollen sie vor Stress bewahren. Die Rollenumkehr führt dann automatisch zu einer totalen Verwirrung in der Kommunikation. Niemand sagt, was Sache ist, oder benennt die Dinge, die passieren – auch eigene Trauergefühle werden einfach unterdrückt. Diese Dynamik sagt wahnsinnig viel über unsere Gesellschaft aus.
Jeder vom Cast hatte ein Geheimnis und kannte nur die eigenen Passagen im Treatment. Die Dreharbeiten sollten interessant gewesen sein.
Selbst die besten Schauspieler kriegen nicht aus dem Kopf, was gleich passieren wird. Ohne dieses Wissen war ihr Spiel total befreit. Ich muss meinem Ensemble unglaublich danken, dass sie mir vertraut haben. Die Schauspieler wussten nicht, was der Film am Ende erzählt, aber ich wusste immer, wonach ich suche; ich wusste nur noch nicht, wie der Weg dahin aussehen würde.
Pauline Roenneberg wurde 1984 in München geboren. Nach ihrem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München feierte sie erste große Erfolge mit der mehrfach ausgezeichneten Dokumentarserie »Früher oder später« (2018) und inszenierte zudem Episoden für internationale Doku-Serien wie »Farm Rebellion«. Im Jahr 2023 gründete sie die Produktionsfirma Milk Pictures, mit der sie die schwarze Komödie »Kalter Hund« realisierte.
Im Mittelpunkt steht die Hellinger-Familienaufstellung mit einer Stellvertreterfigur für jedes Familienmitglied. Erzählen Sie bitte über diese sensible Angelegenheit.
Wir haben am Set quasi eine echte Aufstellung gemacht. Jede Stellvertreterfigur hatte eine eigene Biografie. Wir hatten eine Traumapsychologin am Set und das Code-Wort »Ananas«, das die Leute sagen konnten, wenn sie das Gefühl hatten, es wird ihnen zu krass. Ich habe selber erfahren, wie mächtig dieses Mittel ist – auch wenn ich Familienaufstellungen sehr skeptisch gegenüberstehe. Die Stellvertreter haben am Set aber ein paar Hinweise bekommen, wie sie sich verhalten können. Zum Beispiel: Wenn dir jemand die Schuld gibt, dann nimmst du sie an. Nils Bormann hat sich in das Thema lange reingefuchst und die Aufstellung wirklich phänomenal geleitet. Nach einem halben Drehtag ging es ihm aber so schlecht – man weiß nicht, ob das der Druck gewesen ist oder ob er wirklich krank war –, dass er den Dreh abbrechen musste. Ich wusste, ich kriege alle 14 Schauspieler frühestens ein Jahr später. Also habe ich mir Nils Bormanns Kostüm angezogen und weitergedreht. Später habe ich mit ihm seine Teile nachgeholt.
Sie sind Mitbegründerin der Initiative »Angst essen Kino auf«. Wir sprechen viele Dinge im deutschen Film nicht an, weil wir Angst vor Kritik haben. Das klingt genau nach dieser Familie!
Das, was ich in der Familie gerade beschrieben habe, dass wir alles richtig machen wollen, ist in der Filmbranche noch offensichtlicher. »Kalter Hund« polarisiert extrem. Es gibt viele Leute in der Branche, die sagen: »Du kannst keinen Ensemble-Film machen, wo es keine klare Hauptfigur gibt.« Die Leute haben einen Wunsch nach Klarheit. Sie wollen wissen: Wer ist »der Gute« und wer ist »der Böse«? Und auf welcher Seite stehen wir? Ich habe das Gefühl, je komplexer die Welt wird, umso einfacher sind die Figuren. Wir wollten nicht, dass der Zuschauer am Ende eine einfache Antwort kriegt, sondern ausloten, wie weit man mit scharfem politischem Humor gehen kann und die Ambivalenz der Figuren bewahren. Deswegen haben wir eine eigene Produktionsfirma gegründet, um unser unübliches Konzept in der gleichen Konsequenz durchzusetzen.
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Source: nd