Germany · nd · · 2h
Die Linke | Überraschungssieger
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Foto: Die Linke »Mein Gesicht hängt hier nirgendwo«, berichtet Thomas Wulfes (Linke) am Montag. Wahlplakate mit seinem Konterfei hat seine Partei im Bezirk Spandau nicht anfertigen lassen, nur einen Flyer in gerade einmal 500 Exemplaren. Der Bezirksverband warb flächendeckend um die Zweitstimmen für die Partei – und doch hat Wulfes für ihn selbst genauso überraschend wie für jeden anderen auch bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am Sonntag den Spandauer Wahlkreis 3 gewonnen. Darum zieht er nun ins Parlament ein. Es ist das erste Mal, dass ein Linker einen Wahlkreis in Spandau gewinnen konnte. »Ich hätte niemals damit gerechnet«, sagt Wulfes. Mit 21,3 Prozent der Erststimmen konnte er die CDU-Kandidaten Kerstin Brauner mit einem Vorsprung von 1,2 Prozentpunkten auf Distanz halten. »Das ist ein Sieg für unseren Bezirksverband und nicht für mich als Person«, betont Wulfes bescheiden – beziehungsweise er schätzt es realistisch so ein. Er dankt allen, die das mit einem engagierten Wahlkampf ermöglicht haben
»Meine Lebensplanung wurde gestern ganz schön über den Haufen geworfen«, gesteht Wulfes dem »nd« am Montag. Er ist Sprecher, also Bezirksvorsitzender der Linken in Spandau. Er hatte aber nicht vor, in ein Parlament einzuziehen. Für das Abgeordnetenhaus hatte er sich auf den aussichtslosen Platz vier der Bezirksliste seiner Partei setzen lassen. Selbst was die Bezirksverordnetenversammlung betrifft, begnügte sich Wulfes mit Listenplatz 14 von 15. Nun will er seinen Wählern aber seine Verlässlichkeit beweisen und das Abgeordnetenhausmandat annehmen. »Ich habe auch Bock drauf«, versichert der 27-Jährige.
Wulfes ist erst Ende 2023 der Linken beigetreten, nachdem er und viele Kollegen kurz zuvor von einem Online-Händler entlassen worden sind. »Dem Kapital sind wir im Zweifelsfall schutzlos ausgeliefert«, erkannte Wulfes und schloss sich den Sozialisten an. Vorher habe er diese Partei nur ein einziges Mal gewählt, sagt er. Wulfes ist in Spandau geboren und aufgewachsen und hat Betriebswirtschaft studiert. Er fand nach seiner Entlassung einen neuen Job bei der Deutschen Bahn. Doch viele ehemalige Kollegen seien bis heute arbeitslos, bedauert Wulfes. Den Wählern hat er sich im Internet locker vorgestellt mit den Worten: »Moin, ich bin Thomas Wulfes, aber die meisten nennen mich Tommi.«
Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen aufgreifen → marginalisierten Stimmen Raum geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten voranbringen
Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd