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Mord an Litwinenko: "Der Westen hat einen großen Fehler gemacht"

Vor 20 Jahren wurde der russische Ex-Agent Litwinenko in London vergiftet. Seine Witwe treibt heute vor allem eins um: Hat der Westen mit seiner zaghaften Reaktion damals Putins heutige Aggression erm

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20 Jahre Mord an Litwinenko "Der Westen hat einen großen Fehler gemacht" Stand: 05.11.2026 • 14:42 Uhr

Vor 20 Jahren wurde der russische Ex-Agent Litwinenko in London vergiftet. Seine Witwe treibt heute vor allem eins um: Hat der Westen mit seiner zaghaften Reaktion damals Putins heutige Aggression ermutigt?

Das Foto ging um die Welt: Alexander Litwinenko im Krankenbett, in einem grünen Kittel, sein Kopf kahl nach der Vergiftung mit dem radioaktiven Polonium. Er schaut direkt in die Kamera. Drei Tage nachdem das Foto gemacht wurde, starb der russische Ex-Agent. Selbst wenn die Ärzte früher herausgefunden hätten, was die Ursache für sein zunächst mysteriöses Leiden war - er hatte keine Chance.

Auch auf dem Cover des Buches, das seine Frau Marina Litwinenko nun geschrieben hat, 20 Jahre nach dem Mord an ihrem Mann, ist das Foto zu sehen. An einem Tag Ende Oktober, bei einem Treffen in einem Park im Norden von London, hält sie das erste Exemplar in den Händen.

Nicht weit entfernt, auf dem Friedhof von Highgate, liegt ihr Mann in einem mit Blei ausgekleideten, strahlensicheren Sarg begraben.

Die Witwe von Alexander Litwinenko macht westlichen Staaten große Vorwürfe. Heute erscheint ihr Buch über die gemeinsame Lebensgeschichte sowie ihren Kampf für Gerechtigkeit.

"Dieses Foto anzusehen ist für mich immer schwer", erzählt sie. "Damals wollte ich auch erst verhindern, dass es gemacht wird. Ich wollte nicht, dass die Welt ihn so sieht, und dachte, Sasha würde es bald besser gehen." Wenn Marina Litwinenko von ihrem Mann spricht, benutzt sie die Koseform von Alexander. "Sasha" - das steht auch auf seinem Grabstein.

Aber sie weiß auch um die Bedeutung dieses Fotos: "Würde es das Foto nicht geben, dann wäre es nach seinem Tod schwierig gewesen zu beweisen, zu was das russische Regime fähig ist." Das Foto, das ein Familienfreund und Filmemacher damals machte, sollte auch eine Botschaft senden.

Der Westen, so wird sie im weiteren Gespräch sagen, habe einen großen Fehler gemacht. Litwinenko ist überzeugt: Der Mord an ihrem Mann hätte ein Weckruf für den Westen sein müssen, schon damals. Eine schärfere Antwort hätte Wladimir Putins Russland in die Schranken weisen und so möglicherweise den Krieg gegen die Ukraine verhindern können.

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Auf dem Buchtitel ist auch ein Foto zu sehen, das Alexander und Marina Litwinenko in glücklichen Zeiten zeigt. Er umarmt sie, beide lächeln. Im Jahr 2000 verließen sie mit ihrem kleinen Sohn Russland und bekamen in London politisches Asyl.

Denn Alexander Litwinenko, ein Offizier und Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes, warnte ab Ende der 1990er-Jahre öffentlich, die russische Geheimdienst-Führung gebe illegale Aufträge für Morde, Entführungen, auch intern, und sei korrupt. Auf einer Pressekonferenz in Moskau zeigte er offen sein Gesicht und kam wenig später vorübergehend in Haft.

Seine Beweise wollte Litwinenko auch dem damaligen Geheimdienstchef Wladimir Putin übergeben und traf ihn persönlich. Doch der zeigte kein Interesse, Litwinenko solle die Unterlagen behalten. Zur Jahrtausendwende wurde Putin dann Präsident Russlands.

"Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB widersprechen sehr selten illegalen Befehlen - und vor allem sprechen sie nicht öffentlich darüber", sagt der renommierte britische Russland-Experte Mark Galeotti, der auf den russischen Sicherheits- und Geheimdienstapparat spezialisiert ist. "Litwinenko muss damals klar gewesen sein, wie folgenschwer seine Pressekonferenz war - und dass er nach seiner Flucht weiter öffentlich Putin und sein System scharf kritisiert hat."

In London arbeitete Litwinenko damals auch mit dem britischen Geheimdienst zusammen. Lange wurde die Familie vom Oligarchen Boris Beresowski finanziell unterstützt, der ebenfalls in London lebte und mittlerweile zu einem scharfen Putin-Kritiker geworden war.

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Am 1. November 2006 wurde Litwinenko in einer Londoner Hotelbar vergiftet. Zwei Männer aus Russland, Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun, die Litwinenko für potenzielle Gleichgesinnte hielt, hinterließen bei den Vorbereitungen für die Tat Spuren von Polonium in ganz London und sogar in Hamburg. Das seltene, radioaktive Gift hatten sie Litwinenko in den Tee gemischt. Eine Auslieferung der beiden verweigerte Russland, auch als die Briten Anklage erhoben.

In Großbritannien kommt eine gerichtliche Untersuchung, für die Marina Litwinenko jahrelang kämpfen musste, 2016 zu dem Schluss: Es sei wahrscheinlich, dass der russische Geheimdienst und Putin persönlich den Giftmord gebilligt haben. Für Marina Litwinenko und ihren Sohn war das ein wichtiger Schritt.

Bis heute sieht sie das größte Problem darin, dass das Vereinigte Königreich nach dem Mord nicht genug Rückendeckung vom Rest des Westens bekam. "Ein paar Diplomaten wurden ausgewiesen, und man sagte Dinge wie: 'So etwas darf man nicht tun.'" Doch Putin habe aus der Reaktion geschlossen: "Entweder tut ihr nichts, weil ihr es nicht könnt, weil ihr Angst habt oder weil ihr unsere gemeinsamen Gas- und Ölgeschäfte nicht gefährden wollt." Damit habe der Westen dazu beigetragen, Putin und sein System zu ermutigen und reicher zu machen, so Marina Litwinenko.

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Auch Russland-Experte Galeotti sagt: Das Vereinigte Königreich hätte nach dem Mord an Litwinenko mehr tun können, zum Beispiel Sanktionen gegen Russland verhängen können - und die Regierung habe das sicher auch erwogen. "Aber im Alleingang wäre das irrelevant gewesen. Das russische Geld wäre einfach nach Deutschland, Frankreich oder in die USA abgewandert", so Galeotti. Für ihn ist die "beschämende Wahrheit":

Marina Litwinko fordert, Europa müsse jetzt weiter fest an der Seite der Ukraine stehen im Kampf gegen Putins Russland: mit Sanktionen und mit Militärhilfen, vor allem in Zeiten, in denen US-Präsident Donald Trump der Ukraine die Unterstützung zu entziehen droht.

Sie selbst habe früh gemerkt, dass auf den US-Präsidenten kein Verlass sei: "Als er auf den Mord an Sasha und die Rolle von Putin und dem Geheimdienst angesprochen wurde, sagte er gleich: Das ist doch nicht bewiesen." Doch sie meint: "Wenn Putin in der Ukraine und durch Sanktionen wirklich Probleme bekommt, dann wird auch Trump ihn fallen lassen."

Sie hofft, dass der russische Präsident sich eines Tages vor Gericht verantworten muss, am besten in Russland selbst. Ihr Buch, das ist Marina Litwinenko jedoch wichtig, sei kein politisches Manifest, sondern auch ein Liebesbrief an ihren Mann. Sie will weiterhin dafür sorgen, dass Alexander Litwinenko nicht vergessen wird.

Dieses Thema im Programm: NDR Info | Nachrichten | 05.11.2026 | 12:00 Uhrtagesschau.de | 20 Jahre nach Polonium-Mord an Litwinenko | 05.11.2026 | 10:34 Uhr

Originally published byTagesschau
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