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Germany · taz · 7h

Warschau wird zu einer grünen Stadt: Wie sich Betonwüsten in Wohlfühloasen verwandeln

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F lirrende Hitze, Dieselgestank und glühend heiße Straßen, Bürgersteige und Plätze: Dieser Albtraum verschwindet ganz allmählich. In Polens Hauptstadt Warschau scheinen wie über Nacht Tausende Bäume in den Himmel geschossen zu sein. Wo früher die Sonne vom Himmel brannte, spenden schon heute die knapp zehn Meter hohen Bäume kühlenden Schatten.

Grüne Stauden, bunte Gräser und Blumenrabatten säumen die Bürgersteige. Dazwischen laden Sitzbänke, sprudelndes Wasser in kleinen Becken oder Teichen zum Verweilen ein. Die ehemaligen Fußgängertunnel, die in der Ära des Kommunismus unter den breiten Straßenschneisen und für die „autogerechte Stadt“ angelegt wurden, dienen heute als Regenwasserreservoir. Aus ihm wird das neue Grün automatisch gewässert. Gern genutzt wird auch die erste öffentliche Tiefgarage mit vier Stockwerken. Da bleiben die Autos schön kühl.

„Das neue Zentrum“ heißt die millionenschwere Investition der Warschauer Stadtverwaltung, die sich nach rund drei Jahren Vorbereitungsarbeiten und vielen nervenden Baustellen plötzlich als „grüne Wohlfühloase“ zeigt.

Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz. Bisher erschienen:

Wie eine Wüstenstadt in den USA die Hitze bekämpft

[Link auf Beitrag 8629168]Rekordhitze in Nordafrika

Die Warschauer sind begeistert. Endlich bekommen sie ihr Stadtzentrum zurück, das erst die Deutschen nach dem Warschauer Aufstand 1944 gesprengt hatten, und das dann ab 1952 endgültig von den Sowjets dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auf dem 40 Hektar großen Areal hatten jene den gigantischen Kultur- und Wissenschaftspalast – das „Geschenk Stalins an das Brudervolk der Polen“ – eingerichtet; für die Parteielite der polnischen Kommunisten und als riesigen Defilierplatz.

Nach der politischen Wende 1989 hatten die Warschauer Oberbürgermeister keine Idee, wie aus dem gigantischen Betonplatz vor dem Kulturpalast, den breiten Stadtautobahnen ringsum und der Marszalkowska mit den Billigkaufhäusern und hässlichen Kantinen wieder ein attraktives Stadtzentrum werden könnte. Die fliegenden Händler und der Parkplatz für tausende Autos waren keine Lösung.

Erst der liberale Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski und sein Team von Gartenbauarchitekten, Spe­zia­lis­t*in­nen im Hoch- und Tiefbau sowie für Kanalisation und Wasserwirtschaft hatten die zündende Idee: die Umwandlung ganz Warschaus in eine „Green City“.

Schon im Jahr 2020 schloss sich Warschau dem Programm „Grüne Städte“ der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) an und begann, die angebotenen Ressourcen intensiv zu nutzen. Drei Jahre später akzeptierte der Warschauer Stadtrat einen umfangreichen Plan mit kurz-, mittel- und langfristigen Zielen für Stadtentwicklung und aktiven Klimaschutz. In ihm verpflichtet sich Warschau, die CO₂-Emissionen bis 2030 auf 40 Prozent zu senken und bis 2050 vollkommen klimaneutral zu werden.

Das „Neue Zentrum Warschaus“ mit seinen großen Bäumen, Wasserspielen und Sitzbänken stellt zusammen mit den neuen Radwegen und verengten Fahrbahnen ein Beispiel dar, wie es gehen kann. Denn Trzaskowski vernachlässigt die anderen Stadtteile keineswegs, lässt mit EU-Zuschüssen in Milliardenhöhe weitere Metrolinien bauen, neue Schienen verlegen, auf denen dann hochmoderne und klimatisierte Straßenbahnen bis an die Stadtgrenzen fahren.

Wo immer es geht, werden bei den Baumaßnahmen auch gleich unterirdische Regenwasser-Rückhaltebecken angelegt, die die neuangelegten Alleen, Stauden und Blumenrabatte automatisch bewässern. In allen Parks wurden Trinkwasserbrunnen für Mensch und Hund installiert.

Besonderes Augenmerk legt Trzaskowski auf den rechts der Weichsel gelegenen Warschauer Stadtteil Praga, der zwar den Zweiten Weltkrieg unzerstört überstanden hat, dann aber von den regierenden Kommunisten jahrzehntelang vernachlässigt worden war.

Dort war die Hitze im Sommer bislang fast unerträglich. Die Straßen sind extrem breit, dazwischen Straßenbahnen, Motorräder, Fußgänger und durch die Luft fliegende Tüten, Pappbecher und anderer Müll. Radwege gibt es fast keine, auch kaum Bäume. Doch nun soll auch Praga zur Green City werden.

Als Erstes wurde eine Fußgängerbrücke über die Weichsel gebaut: Sie verbindet das Alt-Praga mit den Boulevards am Weichselufer auf der anderen Flussseite und hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Inzwischen sind schon mehrere Straßen zu angenehm kühlen Alleen mutiert, ein bislang trostloser Betonplatz soll demnächst mit einer Kunstinstallation, einer großen Nebelwand, Blumen, Sträuchern, Bäumen, einem Spielplatz und Holzbänken zu einer weiteren Wohlfühloase werden.

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Source: taz