Politics · taz · · 2h
Wahlen in MV und Berlin: „Kanzlerdämmerung“ im TV? Lieber: „Zwei Engel für Germany“.
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E s macht irgendwie keinen Spaß mehr, Serien zu gucken. Vielleicht ist der Hype vorbei, vielleicht hat niemand mehr Zeit, acht Stunden besinnungslos fernzusehen. Oder die Realität klingt schon so ausgedacht, dass die Fiktion nicht mithalten kann. Zum Beispiel Babylon Berlin, fünfte Staffel, jetzt neu in der Mediathek: Wenn man von morgens bis feierabends der Demokratie beim Zerfall zusieht, muss man sich das nicht auch noch auf der Couch geben.
In der Wirklichkeit lief diese Woche eine neue Folge „Kanzlerdämmerung“. Und wer die Serien Borgen und House of Cards mochte, wird sagen: Diesmal haben sie ein bisschen übertrieben.
Es fing damit an, dass eine CDU-Influencerin zur Primetime im deutschen Fernsehen sagen durfte: Der Kanzler kann es nicht. Clara von Nathusius, so ihr Name, ist ehrenamtliche Schatzmeisterin der Jungen Union. Das ist sicher ein schönes Amt, aber keins, das normalerweise besondere Strahlkraft hat. Man kennt das vom Sportverein oder Elternbeirat: Jemand muss sich um die Kasse kümmern.
Das hielt das ARD-Hauptstadtstudio nicht davon ab, sie zum „Bericht aus Berlin“ einzuladen. Nun verriet ihr Auftritt einiges über die Anarchie in der CDU – aber auch über die Logik mancher Medien. Man beklagt sich, dass in der Politik so viel gestritten wird, tut aber alles dafür, diesen Streit zu befeuern.
Lange sah es dann so aus, als würde die Woche auf einen Krimi zur Tatort-Zeit zusteuern: Der Ort des Verbrechens stand fest, das Konrad-Adenauer-Haus. Dorthin hatte Friedrich Merz sein Präsidium eingeladen, um die zu erwartenden Wahlniederlagen zu besprechen. Unklar war nur, wer die Rolle des Kanzlerkillers übernimmt. Die Ministerpräsidenten haben abgesagt, vorerst.
Klingt alles nach einer spannenden Serie, und Fortsetzung ist garantiert. Trotzdem bekommt „Kanzlerdämmerung“ nur 3 von 5 Sternen. Denn das Drama hat eine Schwäche: Keiner weiß, worum es geht.
Ständig wird über den Kopf des Kanzlers diskutiert, aber die politischen Probleme, die seine Krise verursachen, werden kaum thematisiert. Union und SPD wissen nicht, wer sie sind und was sie sein wollen. Und die Bundesregierung kann sich nicht aufraffen, eine Alternative zu Sozialkürzung und Aufrüstung zu formulieren.
Wie gut, dass Sonntag eine neue Serie anläuft. Noch ist unklar, ob es eine Komödie wird oder ein Drama. Aber so viel darf man verraten: „Zwei Engel für Germany“ handelt von zwei Frauen, die versuchen, die Demokratie in Deutschland zu retten. Die eine ist Manuela Schwesig, ein eiskalter Engel aus dem Nordosten. Sie hat eine dunkle Vorgeschichte, weil sie sich mal mit ein paar zwielichtigen Russen eingelassen hat. Aber jetzt könnte sie es schaffen, mit einem klaren Kurs gegen Sozialkürzungen die Rechtsextremen zurückzudrängen und ihrer totgesagten Partei neues Leben einzuhauchen.
Die andere Hauptfigur ist Elif Eralp, sie könnte die Wahlen in Berlin gewinnen. Doch um Regierende zu werden, muss sie mächtige Gegner besiegen: Fiese Kerle mit Geldkoffern wollen sie daran hindern, Wohnungen zu enteignen. Und dann sind da noch die Verrückten in ihrer Partei …
Beide Frauen eint: Sie zeigen, dass es eine Alternative zur AfD gibt. Beide könnten nach den Wahlen ein progressives Bündnis anführen. Und dann reden wir endlich wieder über etwas anderes als die Rechtsextremen. Ob „Zwei Engel für Rot-Rot-Grün“ ein Happy End haben wird, muss vorerst der Cliffhanger bleiben. Aber allein die Möglichkeit ist spannender als die nächste Folge „Kanzlerdämmerung“. Schalten Sie ein!
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Source: taz