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Viraler Internetrend: Argentinien farmt Aura
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Es ist der erste warme und sonnige Samstagnachmittag in diesem wahrlich kalten Winter in Buenos Aires. Auf der Wiese vor dem beliebten Park Barrancas de Belgrano drängeln sich um die 500 Jugendlichen in einem Kreis. In der Mitte stehen sich zwei Personen gegenüber. Sie gestikulieren, schneiden Grimassen, tänzeln. Die Menge johlt, klatscht, feuert an: „Aura, Aura, Aura!“ Was auf den ersten Blick wie ein Dance-Battle aus „Step Up“ wirkt, ist ein Trend, der es aus dem Internet auf die Straßen und Plätze Argentiniens geschafft hat.
Noch vor wenigen Monaten war das Ereignis kaum jemandem ein Begriff, inzwischen zieht es ganze Menschenmassen an, auch in Europa. Die Jugendlichen nennen es „Farmear Aura – Aura farmen“. Der Trend verbindet Internetkultur, Selbstausdruck, Musik, Kunst und den Mut, sich öffentlich zu zeigen. Es geht darum, Eindruck zu machen und die Zuschauenden für sich zu gewinnen. Wer nicht Teil dieser digitalen Jugendkultur ist, für den wirkt dieser Trend genauso unbegreiflich wie „Six Seven“ und „Siuuuu“.
„Farmear“ oder „Farmen“ leitet sich dabei vom englischen „farm“ ab, stammt also aus dem Bereich der Landwirtschaft. Es geht um das Säen, Ernten oder Früchte sammeln. In der Gaming- und Internetwelt bedeutet „farmen“, Ressourcen, Gegenstände oder Punkte zu sammeln – und wird oft bei Spielen wie Minecraft verwendet. Beim „Aura farmen“ wird dagegen etwas Immaterielles gesammelt: Ausstrahlung, Stil oder Aufmerksamkeit.
Wer viel Aura hat, strahlt eine Mischung aus Präsenz, Charisma und Stil aus. Und wenn jemand „Aura farmt“, versucht er im Grunde, Momente zu sammeln, die ihn selbstbewusster, cooler oder beeindruckender wirken lassen. Und das beschränkt sich mittlerweile nicht mehr nur auf Likes im Internet.
„Ich wollte es einfach mal ausprobieren und erleben was dahintersteckt“, erzählt Diego Scodare. Er kommt gerade aus dem Kreis in Barrancas de Belgrano. Sein „Aura farming“-Auftritt dauerte nur ein paar Minuten. Über Tiktok habe er von dem heutigen Event erfahren und sich kurzerhand entschlossen, zu kommen. „Es war mein erstes Mal, alles war improvisiert und deswegen un poco flojo, etwas mau“, schmunzelt der 25-Jährige.
Eigentlich ist er Musiker und veröffentlicht unter dem Künstlernamen MrWodan. Im Moment liege dieser Teil seines Lebens allerdings etwas auf Eis. Als Künstler sieht er Verbindungen zwischen der Musik und dem „Aura farmen“. Es gehe um die Kombination verschiedener Ausdrucksformen: Musik, Tanz, Kunst und vielleicht irgendwann Körperbemalung oder andere kreative Formen. „Die Idee der Evolution ist, Dinge zu mischen“, sagt Diego.
„Ganz ohne Mut geht das nicht“, ergänzt er. Wer sich hier zeigen wolle, müsse sich trauen und: „Du musst Spirit haben.“ Den eigenen Stil nach außen tragen, sei der Kern des Ganzen. Dass es beim ersten Mal noch nicht wie gewünscht lief, nimmt er gelassen.
„Als Panda kann ich nicht gerade behaupten, besonders attraktiv zu sein“, sagt Leandro Chinar. Der 33-Jährige steckt in einem Pandabär-Kostüm und muss lachen, als es um die Frage nach Aussehen und Attraktivität geht. „Was zählt, ist die Reaktion: Lachen, Freude, Überraschung, ein schöner Moment“, meint er.
Denn am Ende sei „Aura“ weniger eine Frage des Aussehens als vielmehr der Wirkung. Eine Pose, ein Tanz, ein Kostüm oder eine überraschende Bewegung, kann alles zur persönlichen Aura beitragen. Eigentlich eine schöne Idee, die im krassen Kontrast zur normschönen Beauty-Industrie und der täglich gezeigten Selbstoptimierung auf Social Media steht.
Was bei dem Event spontan erscheint, folgt allerdings klaren Regeln: Die Teilnehmenden haben eine bestimmte Zeit. Das Publikum zählt den Schluss-Countdown und entscheidet, wer mehr Aura hat. Körperkontakt und Beleidigungen sind verboten. Auch waffenähnliche Gegenstände oder politische Symbole sind nicht erlaubt.
„Es spielt dabei keine Rolle, was man darstellt. Es geht darum, etwas auf eine positive Art zu repräsentieren“, sagt Chinar. Entscheidend ist die Reaktion des Publikums. „Du kannst eine Million Follower haben und trotzdem gegen jemanden verlieren, der keine hat“, meint er. „Wer beim Publikum eine stärkere Wirkung erzeugt, gewinnt.“
Dass ältere Menschen damit weniger anfangen können, überrascht ihn nicht. Wer sich auf Tiktok und Instagram tummele, kenne hingegen die Mechanismen von Trends, Memes und viralen Bildern. Maria del Carmen ist dabei die Ausnahme: Die 61-Jährige steht im Kreis und sticht aus der Menge heraus. „‚Komm mit, Oma!‘ hat meine Enkelin gesagt und deshalb bin ich hier“, erzählt sie.
Ihr Gegenüber ist kein Geringerer als Tung Tung Tung Sahur, die KI-generierte Holzfigur aus Tiktok. „Abuela del Aura – Abuela del Aura“, feuern die Jugendlichen sie an. Die Großmutter der Aura wirbelt ihre langen Haare herum. „Tiene Aura – sie hat Aura“, jubelt die Menge. Mulmig war Maria del Carmen bei dem Auftritt nicht. Als freie Schauspielerin steht sie regelmäßig vor Publikum auf der Bühne.
Ganz so neu ist das ohnehin alles nicht. Leandro Chinar erinnern diese Events an die Discoszene der 1990er Jahre mit auffälliger Kleidung, freiem Tanzen und Posen. Zuschauenden könnte das Spektakel auch an Voguing erinnern. Jener ausdrucksstarke Tanzstil, der im New Yorker Stadtteil Harlem in den 1960er Jahren von den afro- und lateinamerikanischen LGBTQ+-Communitys kreiert wurde.
„Die Jugendlichen von heute passen das an die Bedingungen der sozialen Medien an“, sagt Chinar. Was früher auf der Tanzfläche passierte, wird heute über Tiktok angekündigt, aufgenommen und online weiterverbreitet.
Wer nach dem Ursprung von „Aura farming“ sucht, stößt auf ein Video aus Indonesien. Der damals elfjährige Rayyan Arkan Dikha steht am Bug eines Bootes während eines traditionellen Rennens. Mit seinen Bewegungen versucht er, die hinter ihm sitzenden Ruderer anzutreiben. Das Video geht viral, wird imitiert, als Meme bearbeitet, neu interpretiert und verlässt schließlich die digitale Welt.
Ob genau dort der Ursprung des heutigen „Aura farming“ liegt, lasse sich nicht sagen, meint Leandro Chinar. „Aber das Prinzip ist erkennbar: Jemand tut etwas, das aus der Masse heraussticht, und plötzlich wollen andere diesen Moment nachahmen.“ Und, dass dies nicht allein vor einem Bildschirm geschieht, sondern öffentlich und gemeinsam mit anderen.
Inzwischen ist die Sonne untergegangen. Und wie fast jeden Abend beginnen die Tangotanzenden in der nahe gelegenen Glorieta de Barrancas ihre Runden zu drehen. Meist sind die Älteren unter sich. „Mira, tienen Aura – schau nur, die haben Aura“, sagt einer im Vorbeigehen. Kein Wunder: Auch der Tango bot von Anfang an Raum für Selbstausdruck, Identität und körperliche Inszenierung.
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Source: taz