Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Teil 8 der Reihe zum 100. Geburtstag: Foucault und Baldwin, zwei parallele Leben

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Es könnte ein Abend im Januar 1950 gewesen sein. Die Bar La Reine Blanche, nicht weit vom Boulevard Saint-Germain, ist brechend voll. Die Gäste: überwiegend Männer – jüngere, ältere, verheiratete, unverheiratete, manche offen, andere heimlich schwul –, viele von ihnen auf der Suche nach einem Flirt, nach Sex oder gar Liebe. An der Theke thront die Wirtin. Am Tisch in der Ecke schwingt ein schmächtiger Schwarzer US-Amerikaner Reden, er spricht Französisch mit starkem Akzent, umringt von Leuten, darunter sein neuer Liebhaber, ein junger Schweizer. James Baldwin ist 25, und noch wissen nur er selbst und seine Freunde, dass er Schriftsteller ist.

An jenem Winterabend im Nachkriegsparis erzählt er dem Kneipenpublikum die Geschichte, wie er kurz vor Weihnachten wegen eines gestohlenen Bettlakens im Gefängnis gelandet ist – ein Erlebnis, aus dem er einen seiner brillanten Essays formen wird: „Equal in Paris“. Nicht ausgeschlossen, dass in dieser Bar am selben Abend auch ein Student namens Michel Foucault ein Glas trank.

Wenn Foucault, damals 23 Jahre jung, nicht in der Bar La Reine Blanche Zuflucht gesucht hat, dann in ähnlichen Lokalen in derselben Gegend auf der linken Seite der Seine. Foucaults regelmäßige Ausflüge „in Homosexuellenbars oder Strichgegenden“ damals sind ebenso verbürgt wie die Niedergeschlagenheit und die Scham, die ihn danach heimsuchten. So berichtet es Didier Eribon 1989 in der ersten Fassung seiner Biografie des Philosophen. 2011 hat er sie erweitert, und so erscheint „Michel Foucault. Eine Biographie“ jetzt neu auf Deutsch, zum hundertsten Geburtstag des Philosophen in diesem Jahr.

Am 15. Oktober 2026 wäre Michel Foucault 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass bringt die Kulturredaktion der taz bis dahin jeden Monat einen Artikel zu einem Aspekt des Wirkens dieses einflussreichen Philosophen. Bisher erschienen sind folgende Texte:

Cord Riechelmann über Foucaults Intellektuellenprogramm, das Theorie und Aktivismus vereinte

Philipp Sarasin über Foucault und die Linke

Julian Nicolai Hofmann über Foucault und das „kälteste aller kalten Ungeheuer“

Petra Gehring über Foucault und die Macht des Geständniszwangs

Georg Simmerl über Foucaults Thesen zur Faschisierung

Andreas Fanizadeh über Foucaults Beschäftigung mit der iranischen Revolution 1979

Die Szene in der Bar wiederum lässt sich ausmalen, wenn man in Nicholas Boggs’ monumentaler Lebensbeschreibung „Baldwin. A Love Story“ liest (2025). Dort kommt kein Foucault vor, und umgekehrt taucht in Foucault-Biografien kein Baldwin auf, natürlich nicht. Zu unterschiedlich verlaufen diese beiden Leben, auch die Werke, die Traditions- und Rezeptionslinien der beiden Autoren. Eine tatsächliche Begegnung der beiden ist nicht belegt. Und doch ist es gut möglich, dass James Baldwin und Michel Foucault im Pariser Nachtleben um 1950 gelegentlich die gleichen Orte ansteuerten.

Der eine stieg später zum Bestseller-Schriftsteller und zum gefragten Aktivisten in der Schwarzen Protestbewegung in den USA auf; der andere zum weltweit gelesenen Philosophen, dessen Einfluss die Grenzen der akademischen Welt weit überschreitet. Bis heute sind sie beide Ikonen – für eine Analyse der Gesellschaft, die auf deren grundsätzliche Veränderung drängt. Dass Foucault und Baldwin eine Zeit lang zumindest nachts in denselben Vierteln verkehrten, setzt eine Reihe von Assoziationen in Gang. Zum Beispiel die: Für Baldwin spielte die Flucht nach Paris eine ähnliche Rolle wie für Foucault die Flucht von Paris weg.

Als James Baldwin seiner Mutter und seinen acht jüngeren Geschwistern eröffnete, dass er New York verlassen und nach Europa auswandern würde – im November 1948 –, setzte er sich noch am selben Tag ins Flugzeug. Immer wieder sprach er später davon, wie sehr er den lebensbedrohlichen Rassismus in den USA nicht mehr ertrug. Was er nicht so oft erzählte, berichtet sein Biograf: Baldwin erlebte auch schwulenfeindliche Gewalt, selbst im sozial so gemischten Greenwich Village. Gemessen an diesen Verhältnissen brachte der Ortswechsel für Baldwin relative Erleichterung.

Nicht, dass Paris frei von Rassismus oder Homophobie gewesen wäre; und sein Geld war unverändert knapp. Aber in Frankreich erfuhr er sich in erster Linie als US-Amerikaner. Der Rassismus dort fand seine primären Objekte in den Einwanderern aus Nordafrika. Das Milieu aus Bohemiens, Expats, Cafés und Hotels, in dem er sich bewegte, bot eine Infrastruktur zum Lieben, Schreiben und Überleben – und das Material für die Kulisse seines Romans „Giovannis Zimmer“ (1956).

In einem Essay über den Schriftsteller André Gide notiert Baldwin über die Lage nicht-heterosexuellen Lebens: „Das wirklich Schreckliche am Phänomen der gegenwärtigen Homosexualität […] ist, dass der unglückliche Mensch mit abweichender Sexualität (deviate) von heute sich nur durch den gewaltigsten Einsatz all seiner Kräfte davor bewahren kann, in eine Unterwelt zu stürzen […], in der es unmöglich ist, einen Liebhaber oder einen Freund zu haben, in der die Möglichkeit echter Bindungen gänzlich erloschen ist.“

Michel Foucault war im Herbst 1945 nach Paris gezogen, kurz nach dem Abitur, aus wohlhabend bürgerlichen Verhältnissen in der Provinzstadt Poitiers. Für ihn und die Altersgenossen seines Milieus bestand die Nachkriegsnormalität in der Unerbittlichkeit des Prüfungsmarathons, wie sie für die gebildetsten der französischen Stände überliefert ist: Vorbereitungsklasse an einem der angesehensten Gymnasien des Landes, Zulassung an einer der angesehensten Hochschulen, der École normale supérieure.

Seine Leistungen erst in Philosophie, dann Psychologie waren überdurchschnittlich gut – aber er führte ein „Leben, das er nur mit Mühe ertragen wird“, wie Eribon schreibt. Es gelang ihm nicht, sich in die Gemeinschaft der normaliens einzufügen; er fing Streit an oder bedrohte Mitschüler mit einem Dolch. Trauriger Höhepunkt seiner Verhaltensauffälligkeiten waren verschiedene Suizidversuche. Sein Arzt bescheinigte ihm eine schlecht ausgelebte Homosexualität. Doch der junge Foucault war nicht nur Student und Patient, er arbeitete auch als Praktikant im psychiatrischen Krankenhaus Sainte-Anne – und ab 1950 im Gefängnis Fresnes. In genau jenem Gefängnis, ein paar Kilometer südlich der Hauptstadt, in dem James Baldwin zu Weihnachten 1949 festgehalten wurde.

Nach zehn Jahren Paris ergreift Foucault die Chance, das Land zu verlassen. Er übernimmt die Leitung des französischen Kulturinstituts in Uppsala. Kein Zweifel, dass er mit dem Wechsel ins liberale Schweden auch die Hoffnung verbindet, den Einschränkungen seines Liebeslebens zu entkommen. „Jedenfalls habe ich unter einigen Aspekten des sozialen und kulturellen Lebens in Frankreich gelitten“, sagt er 1982. „Das ist der Grund, warum ich Frankreich 1955 verlassen habe.“ Doch Homosexualität wird im protestantischen Uppsala kaum großzügiger hingenommen als in Paris. Die Codes des Zusammenlebens sind allerdings anders, und damit eröffnen sich zumindest andere Spielräume als in Frankreich.

Weder Baldwin in Paris noch Foucault in Uppsala finden also völlige Freiheit. Eher lässt sich sagen, so Foucault im Rückblick: „das von uns empfundene Gefühl der Freiheit ist oft größer in der Fremde als in unserem eigenen Land. Als Fremde können wir all die impliziten Verpflichtungen verschmähen, die nicht ins Gesetz, aber in den allgemeinen Verhaltensmodus eingetragen sind.“

Die parallelen Leben von Michel Foucault und James Baldwin ließen sich noch weiter daraufhin befragen, wo sie einander beinahe begegnet sein könnten: im San Francisco der 70er etwa? Noch interessanter scheint der Blick auf ihre Werke und Haltungen, und der bringt einige Berührungspunkte zum Vorschein.

Da ist vor allem die Sache mit der Macht. Je länger Baldwin über Black America und White Supremacy schreibt, desto deutlicher wird, dass seine Rassismuskritik eine Machtkritik betreibt, die die Macht wohl in Institutionen sieht, aber nicht dort fixiert; die sie noch in den feinsten zwischenmenschlichen Beziehungen aufspürt; eine Kritik, die die Macht als, im Prinzip, umkehrbar auffasst. All diese Punkte sind ein wesentlicher Teil davon, wie Foucault seine Vorstellung von Macht während der 70er Jahre zu einer ganzen Analytik ausbaut.

Das Gefängnis und die Polizei sind jene Institutionen, die Baldwin und Foucault jeder auf seine Weise analysieren und attackieren, mit Ausstrahlung bis heute. Baldwin zehrt bei seiner Polizeikritik – auch wenn er weiß, dass Rassismus in den US-amerikanischen Exekutivorganen sich etwa statistisch belegen lässt – vor allem von eigenen Erfahrungen mit den Cops seit seinen Kindheitstagen. Er schreibt als „Zeuge“, wie er immer wieder sagt.

Foucault holt, schon berufsbedingt, weiter aus. Die „große Einsperrung“, so lautet in „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1961) der Titel für das Projekt des europäischen 17. Jahrhunderts, neben den „Wahnsinnigen“ auch andere sozial Unerwünschte, etwa Kriminelle, Bettler, Kranke, Landstreicher, Prostituierte oder Menschen mit abweichenden Sexualpraktiken zusammenzutreiben. An diese Untersuchung schließt er an, wenn er später das Gefängnis als die zentrale Strafmethode der europäischen Moderne analysiert – auf der Basis von historischen Quellen, mit dem Ehrgeiz, ihnen philosophische Einsichten abzuringen. „Die Seele: Gefängnis des Körpers“, so lautet nur eine der nachhallenden Sentenzen in „Überwachen und Strafen“.

Als das Buch 1975 erscheint, hat Foucault bereits jahrelang gegen die Verhältnisse in den französischen Haftanstalten gekämpft und gegen antimigrantische Polizeieinsätze demonstriert. Seine eigene Wohnung dient für ein paar Jahre dem aktivistischen Netzwerk Groupe d’information sur les prisons als Hauptquartier. Es ist die gleiche Zeit, in der er mit der Black Panther Party sympathisiert, die in verschiedenen US-Städten Rassismuskritik in „copwatching“ und selbst organisierte Sozialarbeit übersetzt. Dass James Baldwin die Black Panthers unterstützt, liegt nahe – wobei seine Liebe zu den Panthers auf den zweiten Blick durchaus erklärungsbedürftig ist, denn einige von ihnen schmähen ihn homophob.

Politische Einsätze wie diese weisen auf die vielleicht größte Ähnlichkeit zwischen den beiden hin: ein vibrierendes Verhältnis zwischen Autorschaft und Aktivismus. Einerseits beharrt Baldwin, der Romancier, auf dem Eigensinn künstlerischen Schaffens. Und Foucault, der Philosoph, verbittet sich bei Gelegenheit, dass das Publikum eine Verbindung zwischen seiner akademischen Arbeit und seinem politischen Engagement herstellt. Andererseits steckt Baldwin unermesslich viel Kraft in einen Kampf gegen die weiße Vorherrschaft, dessen Zusammenhang zu seiner Literatur auf der Hand liegt.

Und Foucault charakterisiert sein Denken selbst, bei anderen Gelegenheiten, eben nicht als isolierte Wissenschaft. Fast sprichwörtlich geworden ist sein Wunsch, seine Bücher sollten als „tool-box“ oder „Molotowcocktails“ fungieren. Dass diese Bücher ihren Ausgangspunkt im Leben ihres Autors haben, daraus macht er kein Geheimnis. Sie bilden, wie er 1981 im Gespräch mit Didier Eribon erklärt, „gleichsam Fragmente einer Autobiographie“.

Von heute aus betrachtet, findet sich der erstaunlichste Berührungspunkt dieser Werke, die nebeneinander entstehen, ohne voneinander zu wissen, in zwei Interviews aus den 80er Jahren. Da hat Baldwin seinen Lebensmittelpunkt längst nach Südfrankreich verlegt und pendelt für Lehraufträge in die USA. Foucault lehrt als Professor mit der schönen Zuständigkeit für die „Geschichte der Denksysteme“ am Collège de France, forscht an seinem Großprojekt „Sexualität und Wahrheit“. Immer wieder sucht die Öffentlichkeit Rat bei den beiden Intellektuellen – auch die junge Gay-Rights-Bewegung.

Baldwin ist 59 Jahre alt, als The Village Voice ihm Fragen zur Lage der Homosexuellen stellt. Er sieht sich als Zeugen auch für die schwule Erfahrung – aber er fremdelt mit dem Vokabular der Jüngeren: Was genau soll „coming out“ bedeuten und was „gay“? Seiner Generation habe nur das Wort „homosexuell“ zur Verfügung gestanden. Und dann fällt der Satz: „‚Homosexueller‘ ist kein Substantiv.“ Welche Wortart sonst? „Vielleicht ein Verb“, antwortet Baldwin. „Ich liebte einige Menschen, und sie liebten mich. Das hatte nichts zu tun mit diesen Etiketten.“

Foucault ist 54, als die Schwulenzeitschrift Gai Pied ihm Fragen zu seinen Einsichten zur Sexualität stellt. Gleich zu Beginn des Gesprächs freut sich Foucault über die Existenz der recht neuen Zeitschrift. Aber er fremdelt damit, dass Leute seines Alters sich darin kaum wiederfinden: dass hier, wie in der allgemeinen Gesellschaft, Homosexualität mit Jugend gleichgesetzt werde. Und dann fällt der Satz: „Wir müssen also hart daran arbeiten, homosexuell zu werden und sollten nicht darauf beharren anzuerkennen, es zu sein.“

Homosexuell als Wort, das eine Tätigkeit bezeichnet; und homosexuell eher werden, als es zu sein: Baldwin wie Foucault sträuben sich dagegen, aus einer sexuellen Orientierung eine feststehende Identitätskategorie zu machen. Beide sehen hier Prozesse und Praktiken am Werk, keine Schubladen. Der eine beglaubigt seine Sicht mit der eigenen Erfahrung – „love is where you find it“. Der andere will der Sexualität als, wie er es nennt, Dispositiv entkommen, etwa den Zuschreibungen, die mit einer bestimmten sexuellen Identität einhergehen; will die Abweichung von der Norm nutzen, um neuartige Beziehungen zu erfinden: „Freundschaft als Lebensweise“.

In einer Gegenwart, deren Kulturkämpfe nicht zuletzt um Gender toben, klingen Sätze wie diese ein bisschen wie aus einer anderen Zeit, fast naiv. Es wäre zu hoffen, dass sie dennoch Gehör finden. Sätze aus einer Tradition, die darum weiß, dass Geschlecht und Sexualität nichts mit Eigentlichkeit und viel mit sozialer Praxis zu tun haben. Dass praktisches Ausloten eine Form von gelebter Aufklärung sein könnte, die sich dem überall waltenden Willen zum Wissen verweigert. James Baldwins Village Voice-Interview erscheint übrigens am 26. Juni 1984. Das ist derselbe Tag, an dem die Pariser Zeitungen den Tod Michel Foucaults melden.

René Aguigah leitet das Ressort Literatur von DLF und DLF Kultur. 2024 erschien „James Baldwin. Der Zeuge“ bei C. H. Beck.

Read the full story at the source

Source: taz