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Studie zur Renaturierung von Flüssen: Wehre abbauen, Auen pflanzen
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Bislang floss der Wehdemühlenbach bei Berge in Niedersachsen schnurgerade durch die Landschaft. Seit Juli darf er sich wieder hineinkuscheln, Biegungen machen, Flachwasserzonen bilden. Dafür sorgt der „Haseauenverein“, der sich die Renaturierung des Flüsschens Hase und angrenzender Gewässer zum Ziel gesetzt hat. Die „Revitalisierung des Wehdemühlenbachs“ ist eine der Maßnahmen in dem auf sechs Jahre angelegten Projekt im Rahmen des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz (ANK) der Bundesregierung. Sie fördert mit insgesamt vier Milliarden Euro Projekte wie das im nordwestlichen Niedersachsen.
Einmal die Woche lädt der Verein Anwohner:innen und Landwirt:innen zur Baubesprechung ein, um Fragen zu Maßnahmen am Wehdemühlenbach zu stellen und Anregungen zu geben. Kinder der benachbarten Grundschule helfen an der Bachbaustelle, „damit sie die Pflanzen und Tiere dort kennenlernen und Ihnen selber aktiv helfen“, sagt Björg Dewert, Geschäftsführerin des Haseauenvereins. Es sei wichtig, auch die Leute vor Ort mitzunehmen, denn nur mit ihnen gelinge die Renaturierung.
Die Maßnahmen sollen in Zeiten von Hitze und Trockenheit Wasser in der Landschaft halten, natürliche Senken für Treibhausgase bilden und Lebensräume für Tiere und Pflanzen schaffen. Nur, welche Maßnahmen sind sinnvoll, welche dienen welchem Zweck besonders effektiv – und welche eventuell weniger? Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat in einer Studie diese Fragen am Beispiel der Unteren Havelniederung untersucht. In dem Naturschutzgroßprojekt, das sich über die Bundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt erstreckt, werden in weitem Maßstab Auenwälder und Überschwemmungsflächen angelegt, Nebenarme der Havel wieder an den Fluss angeschlossen und Ufer entsiegelt.
12 Maßnahmen hat das Nabu-Institut für Fluss- und Auenökologie (Nabu-IFA) im Hinblick auf die drei Ziele des ANK bewertet: Treibhausgase einsparen, den regionalen Wasserhaushalt regulieren und die biologische Vielfalt verbessern. Untersucht hat das IFA dafür die Fähigkeit vor allem der Auwälder, Treibhausgase zu speichern. In ihnen lagern sich kohlenstoffhaltige Sedimente ab, Pflanzen zersetzen sich, ihr Kohlenstoff wandert in den Boden.
Zudem hat das Institut betrachtet, wie lange das Wasser in der Landschaft verbleibt, ob der Fluss Wasser an das Grundwasser abgeben kann und die umliegenden Auenböden etwa Hochwasser aufnehmen und somit regulieren können. Nicht zuletzt wurden nicht einzelne Arten, sondern Lebensräume begutachtet. Je vielseitiger sie sind, desto mehr Arten von Pflanzen und Tieren können dort leben.
Unter den betrachteten Maßnahmen sind etwa der Abbau von Wehren, also von Staustufen, die Schaffung von Flussinseln, das Einbringen von Totholz, die Entsiegelung des Ufers, die Errichtung von Wanderhilfen („Fischtreppen“) und das Anlegen von Auwäldern. Dabei zeigt sich: „In allen drei Bewertungsfeldern erzielten Maßnahmentypen die besten Ergebnisse, wenn sie die Entwicklung der Morphologie und der hydraulischen Verhältnisse hin zu naturnäheren Zuständen unterstützen“, heißt es in der Studie. Am besten ist es also, den natürlichen Verlauf des Flusses mit Windungen, Seitenarmen und einem vielfältigen Flussbett wieder herzustellen sowie dafür zu sorgen, dass das Wasser an einigen Stellen schneller, an anderen langsamer fließen kann.
Zu wirksamen Kohlenstoffspeichern und Wasserregulatoren können Flüsse dann werden, wenn sie großräumig umgebaut werden – was Eingriffe für die umliegende Landschaft bedeutet. Dies zeige auch das Beispiel des einzigen Maßnahmentyps, dem der Nabu eine geringe Wirksamkeit bescheinigt: Die Errichtung von Aufstiegsanlagen, die etwa wandernden Fischarten helfen. Sie helfen ihnen zwar effektiv – aber eben nur ihnen. Neue Lebensräume etwa entstehen so nicht.
Allerdings sind auch lokale, kleinräumige Maßnahmen sinnvoll. So können mehrere, planvoll angelegte Flussinseln die Strömung des Wassers sowie das Ufer positiv beeinflussen sowie Lebensräume schaffen. Auch der Abbau von Wehren wirke in Hinsicht auf die drei Ziele positiv, allerdings nur im Falle eines weitgehend naturnahen Flusses. Sonst fließe das Wasser noch schneller aus der Landschaft.
Die Untersuchungen an der Unteren Havel, einem Fluss der Norddeutschen Tiefebene, seien nicht ohne weiteres auf Flüsse etwa im Gebirge zu übertragen, betont der Nabu. Lokale Standortbedingungen müssten berücksichtigt, Bewertungskriterien daran angepasst werden. Die „durchgeführten Bewertungen dienen somit als Orientierung, um vergleichbare Maßnahmentypen systematisch zu beurteilen und potenzielle Auswirkungen abzuschätzen“, so die Studie.
„Wir müssen alle voneinander lernen“, sagt Björg Dewert vom Haseauenverein. „Es ist wichtig, sich andere Beispiele anzuschauen, damit nicht jeder für sich herumwurschtelt.“
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Source: taz