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Politics · taz · · 2h

Stahlwerk in Süditalien: In Tarent geht der letzte Hochofen aus

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„Endlich wissen die Menschen aus Tarent, was es heißt, vor Freude zu weinen“, heißt es von der Elternvereinigung aus der süditalienischen Stadt am Golf von Tarent im Ionischen Meer. Ganz anders fällt die Sicht der Gewerkschaften aus: Sie meinen, in Tarent sei gerade „eine soziale Bombe“ gezündet worden – mit womöglich katastrophalen Folgen für Wirtschaft und Beschäftigung.

Beide Seiten kommentieren die gleiche Entscheidung eines Gerichts im weit entfernten Mailand, das am Freitag verfügte, auch den letzten Hochofen im Stahlwerk Tarent bis spätestens zum 28. Oktober still zu legen. Damit wäre dann Schluss für den gesamten Warmbereich der größten Stahlhütte Italiens; nur das Kaltwalzwerk könnte noch weiterbetrieben werden.

Fünf Jahre lang hat die Elterninitiative aus Tarent für diesen Beschluss gekämpft, getrieben von den katastrophalen Folgen für die Gesundheit der Bür­ge­r*in­nen, die die Dreckschleuder mitten in der Stadt über Jahrzehnte hinweg hatte.

Für das Gericht liegen die Dinge klar. „Das Recht der Bürger auf Gesundheit“ habe immer Vorrang vor dem „Recht auf unternehmerische Aktivität“. Eine Weiterführung des Betriebs könne nicht erlaubt werden, solange in den Hochöfen von Tarent weiterhin 2.600 Tonnen Asbest verbaut seien und so lange auch der Feinstaubausstoß zu hoch liege.

In der Stadt, rechneten schon die Richter der Vorinstanz im letzten Juli vor, die den ersten Stilllegungsbeschluss erlassen hatten, liege die Zahl der Lungenkrebstoten um 33 Prozent über dem nationalen Durchschnitt, die Anzahl der (durch Asbest verursachtes) Mesotheliomfälle gar 400 Prozent des Landesdurchschnitts erreiche.

Damit könnte tatsächlich endgültig der Vorhang für Italiens größtes Stahlwerk fallen. Es war im Jahr 1964 in Betrieb genommen worden, als Teil des Staatskonzerns Italsider. 1995 dann kam die Privatisierung – und die Familie Riva griff zu. Unter dem Namen Ilva betrieben sie den Laden im Rahmen der Riva-Group weiter, verdienten gutes Geld, dachten aber keinen Deut daran, in Umweltschutz zu investieren, während die Stahlschmiede ganz Tarent und vorneweg den gleich hinter dem Werk liegenden Stadtteil Tamburi verseuchte.

Damit allerdings war im Jahr 2012 Schluss. Die Eigentümer kamen wegen schwerer Umweltverbrechen vor Gericht, das Unternehmen wurde eingezogen. Damit stand es unter staatlicher kommissarischer Verwaltung. Es hätte der Wendepunkt sein können, hin zu einer Stahlproduktion, die den Erhalt von Arbeitsplätzen mit dem Schutz der Umwelt und der Gesundheit der Bür­ge­r*in­nen in Einklang bringt.

Auch die Übernahme der „Ex Ilva“ – so nennen in Italien alle das Unternehmen – durch ArcelorMittal im Jahr 2018 brachte jedoch nicht die erhoffte Wende. Kritiker werfen den französisch-indischen Betreibern heute vor, sie hätten das Werk in Tarent vor allem für kurzfristige Erträge nutzen wollen, ohne die langfristig nötigen Milliardeninvestitionen zu tätigen. Daran änderte sich auch nichts, als drei Jahre später der italienische Staat wieder mit 38 Prozent des Kapitals einstieg.

Danach flossen weitere öffentliche Milliarden. Seit 2012 hat der Staat insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro als Direkthilfen in die Ex-Ilva eingeschossen. Hinzu kommen weitere indirekte Milliardenaufwendungen, beispielsweise aus der Kurzarbeitskasse. Insgesamt flossen aus öffentlichen Haushalten so in den letzten 14 Jahren rund 4,5 bis 5 Milliarden Euro in das Stahlwerk.

Im Jahr 2024 dann stieg Arcelor Mittal wieder aus – und seitdem sucht die Regierung unter Giorgia Meloni, die das Werk übernehmen musste, händeringend nach einem neuen privaten Käufer. Mit dem indischen Konzern Jindal steht ein Interessent bereit, der jedoch bloß den Kaltbereich ohne die Hochöfen will. Das heißt: Die Hälfte der 8.000 Arbeitsplätze in Tarent fiele weg, die befürchtete „soziale Bombe“ wäre gezündet.

Eine wirkliche Zukunft hätte die Ex-Ilva nur bei einer Wende hin zu grünem Stahl, deren Kosten allerdings auf 2,5 bis 3 Milliarden Euro geschätzt werden. Am Dienstag will die Regierung mit den Gewerkschaften zusammentreffen. Dann wird sich zeigen, ob sie endlich einen erfolgversprechenden Plan vorlegen kann.

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Source: taz