Germany · taz · · 2h
Squishy Toys und im Feed: Die Butter quetschen
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Etwas stimmt mit meinem Algorithmus nicht. In jedem zweiten Video in meinem Feed geht es um dasselbe: lange Fingernägel, die etwas kneten. Meist sogenannte Squishy Toys in der Optik eines Butterblocks – viele davon mit Wachs übergossen. Das Ganze fällt unter die Kategorie ASMR, ein bereits bekannter, von mir aber noch nie frequentierter Trend.
ASMR steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“, ein wohliges Kribbeln, das von der Kopfhaut den Nacken hinunterrieselt, wenn man Flüstern, Knistern oder Kneten hört. Vielen helfen die Clips, besser einzuschlafen oder runterzukommen.
Mich hat das bisher nicht abgeholt. Was hat der Algorithmus über mich herausgefunden, das ich selbst noch nicht weiß? Bin ich mit Mitte dreißig in eine Zielgruppe gerutscht, die dringend Trost aus dem Smartphone braucht? Zugegeben, sie beruhigen meine sonst vielleicht eskalierende Lebens-Fomo. Ein bisschen erinnern die Videos mich aber auch an den eskapistischen Content während der Pandemie. Ist die (politische) Situation etwa schon wieder so schlimm?
Wer einem Fingernagel dabei zusieht, wie er sich durch Wachs arbeitet, bekommt etwas, das sonst kaum zu haben ist: eine Handlung mit klarem Anfang, klarem Ende und vorhersehbarem Ergebnis. Kein Cliffhanger, keine Nachrichtenlage, keine Meinung, die man haben müsste. In Zeiten überlagerter Krisen liegt der Reiz womöglich in kleinen, kontrollierbaren Momenten, in denen nichts passiert außer dem, was man sieht und hört.
Ein Unbehagen bleibt trotzdem. Plattformen verdienen an Aufmerksamkeit, ob sie mir guttut, spielt keine Rolle. Ruhe ist ebenso verwertbar wie Aufregung: Content, der nichts verlangt und sich endlos wiederholen lässt, hält Menschen im Feed. Der Algorithmus hat gemerkt, dass ich bei diesen Videos nicht mehr wegscrolle. Vielleicht ist die ehrlichere Frage nicht, was er über mich weiß, sondern was ich ihm erlaube, für mich zu entscheiden. Bis ich sie beantwortet habe, schaue ich noch ein Video. Nur eins. Und vielleicht noch eines.
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Source: taz