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Germany · taz · · 3h

Schwuler Lehrer über Outing: „Als ob eine Bombe platzt“

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taz: Herr Begler, Sie sind seit acht Jahren Lehrer an einer Berliner Grundschule. Wann haben Sie sich dort als schwul geoutet?

Jörg Begler: Das muss in der ersten oder zweiten Woche gewesen sein. Ich war noch in der Referendariatszeit, frisch aus dem Studium gekommen.

Jörg Begler, geboren 1980, wächst in einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz, in der Eifel auf. Nach dem Schulabschluss Mittlere Reife beginnt er eine Ausbildung bei der Bundesfinanzverwaltung in Koblenz. Anschließend absolviert er in einer Klinik in Köln seinen 13-monatigen Zivildienst und begleitet ein ziviles Friedensprojekt in Serbien. Dort lernt er die Arbeit mit Kindern kennen. Auf dem Abendgymnasium in Köln holt er schließlich das Abitur nach und studiert in Siegen auf Lehramt. 2018 zieht Begler zum Referendariat nach Berlin, seit 2019 arbeitet er an einer Berliner Grundschule.

Dass sich schwule Lehrkräfte outen, ist keine Selbstverständlichkeit. Noch vor zehn Jahren ergab eine Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, dass sich nicht einmal die Hälfte der LSBTIQ+-Lehrkräfte geoutet habe. Heute werden es langsam mehr. Jörg Begler ist Mitglied der AG „Schwule Lehrer“ in der GEW-Berlin. Das Netzwerk hat sich bereits 1978 gegründet, um einerseits gegen Anfeindungen vorzugehen, aber auch, um die Sexualerziehung im Unterricht diskriminierungssensibler aufzustellen.

taz: Mit einem Alter von 37 sind Sie relativ spät ins Lehramt eingestiegen. Zuvor waren Sie bei der Bundesfinanzverwaltung in Koblenz tätig.

Begler: Um Lehramt studieren zu können, habe ich auf dem Abendgymnasium zunächst mein Abitur nachgemacht. In dieser Zeit ist der Entschluss gereift, dass ich in meinem nächsten Beruf offen schwul geoutet leben und arbeiten möchte. Mein persönliches Coming-out hatte ich ja schon als Jugendlicher. Die Entscheidung, wann ich mich an der Grundschule oute, hat mir dann ein Schüler abgenommen.

Begler: Das war in einer Pause, ich hatte auf dem Flur Aufsicht. Ein Sechstklässler sprach mich an. „Bist du eigentlich schwul?“ Für mich kam das ziemlich überraschend. Ich hatte noch mit niemandem darüber gesprochen, wie so eine Situation am besten abläuft. Wir haben uns dann eine Weile unterhalten. Ich habe ihn gefragt, was er von dem Begriff weiß und was er für ihn bedeutet.

Begler: Ich kannte den Schüler überhaupt nicht. Wir haben dann ein weiteres Mal darüber gesprochen, als ich Aufsicht hatte. Das Thema ließ ihn nicht los. Irgendwann habe ich dann zu ihm gesagt: Jetzt kennen wir uns ein bisschen. Du hast recht, ich bin schwul. Seine Reaktion war: Das erzählst du jetzt einfach nur so. Dabei habe ich es dann in dieser Situation belassen.

Begler: Ich vermute, das hat sich in bestimmten Gruppen herumgesprochen: Wir haben einen schwulen Lehrer an unserer Schule. Ich hatte zunächst noch keine eigene Klasse. Es waren eher Jungs, fünfte, sechste Klasse, die mir in Vertretungssituationen die Frage stellten. Manchmal ganz frontal. Ich glaube, es war auch ein bisschen eine Mutprobe. Wenn die Frage kam, oft in einer Pause, wurde es im Klassenraum plötzlich mucksmäuschenstill. Aber es gab auch durchaus heftige Konfrontationen. Auf dem Schulhof etwa oder im Vorbeigehen auf dem Flur sind schon respektlose Bemerkungen gefallen.

Begler: Ich versuche, Gesprächssituationen zu schaffen, in denen ich mich den Fragen der Kinder stelle. Ich bespreche das immer mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Wir haben an unserer Schule auch eine Diversity AG, wo ich zu den Kontaktpersonen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und Diversity gehöre. Wir machen uns sehr viele Gedanken dazu.

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taz: Die Grundschule befindet sich in der Berliner Innenstadt. Was für einen familiären Hintergrund haben die Kinder?

Begler: Ich arbeite in einem verhältnismäßig aufgeklärten Kiez, zu dem auch Regenbogenfamilien gehören. Aber es gibt auch Familien, die aus Milieus stammen, in denen Homosexualität ein Tabu ist, wo nicht darüber gesprochen werden darf und das auch keine berechtigte Existenzform ist. Wir erleben die ganze Bandbreite der Bevölkerung an unserer Schule. Wir haben palästinensische Kinder mit Angehörigen im Gazastreifen, Kinder aus jüdischen Familien, russische Kinder und ukrainische Kinder. Alle Streitpunkte der Welt werden mit den Kindern in die Schule getragen.

taz: Wenn Sie eine neue Klasse übernehmen, wie stellen Sie sich den Kindern da vor?

Begler: So wie es viele meiner Kolleginnen und Kollegen auch tun. Die sagen zum Beispiel, ich bin verheiratet, habe zwei Kinder, meine Frau ist Ärztin, oder auch ich bin Single und lebe in dem und dem Bezirk. Wenn ich dann aber sage, dass ich mit einem Mann zusammen bin, ist das manchmal so, als ob eine Bombe platzt: Das geht doch gar nicht, zwei Männer, das ist eklig.

taz: Was für Reaktionen erleben Sie auf Elternabenden?

Begler: Das ist sehr unterschiedlich. Bei vielen aufgeklärten Eltern erfahre ich vor allem Wohlwollen und Zustimmung. Familien aus einem eher konservativen Milieu stehen Schwulsein kritisch oder ablehnend gegenüber. Vor einigen Jahren war das besonders spürbar.

Begler: Ich hatte eine Klasse neu übernommen, in der die Elternschaft zum Teil noch mal traditionell konservativer und religiös bestimmter in den Familien war. Von einer Mutter habe ich nach dem Elternabend erfahren, das einige nicht wollten, dass ihre Kinder von einem schwulen Lehrer unterrichtet werden. Eine Familie hat dann die Schule verlassen. Offiziell wurde das mit einem Schulformwechsel begründet.

taz: Sie sind in der GEW Arbeitsgruppe schwule Lehrer aktiv. Die Mehrzahl queerer Lehrkräfte in Deutschland outet sich nicht vor ihrer Schülerschaft. Verstehen Sie die Beweggründe?

Begler: Sicherlich! Das ist ein sehr persönlicher Akt. Keiner weiß, wie so ein Outing verläuft, wie die Menschen im Umfeld reagieren. Je nachdem wird man dadurch ein Stückchen vulnerabler, verletzlicher. Und man liefert möglicherweise einen Angriffspunkt. Wir stehen voll in der Öffentlichkeit, müssen unsere Arbeit vor allen rechtfertigen: vor der Dienstleitung, der Kollegen- und Elternschaft und nicht zuletzt vor den Kindern und Jugendlichen. Wir vertreten ja auch den Staat, das Land Berlin und das Grundgesetz, unsere Verfassung. Möglicherweise haben manche queere Lehrkräfte auch Angst, dass das ihre Autorität schwächen könnte.

taz: Man könnte auch den Standpunkt einnehmen: Meine sexuelle Identität geht niemanden etwas an.

Begler: Das Argument höre ich oft, selbst von heterosexuellen Kolleginnen und Kollegen. Sie würden doch auch nicht erzählen, dass sie heterosexuell sind. Das ist absurd. Wenn ein heterosexueller Kollege einen Ehering trägt oder seine Ehefrau mit zum Schulfest bringt, sagt das auch etwas über seine sexuelle Identität aus. Das gilt selbstverständlich auch für mich.

taz: Um was genau geht es Ihnen mit Ihrem Outing?

Begler: Schon während des Studiums hatte ich auf dem Schirm, dass es Probleme in der Gesellschaft und auch an Schulen gibt, mit Queerfeindlichkeit und Homophobie. Das spitzt sich ja gerade immer mehr zu. Als Grundschullehrer habe ich eine wichtige Rolle, ich bin ab der ersten Klasse zugegen, wenn die Kinder erstmals mit der staatlichen Institution Schule in Kontakt treten. Es gibt ja die Schulpflicht. Es ist grundlegend für eine demokratische Gesellschaft, dass wir uns gegenseitig akzeptieren und Respekt füreinander haben. Ich finde es super wichtig, dass Kinder das früh erleben und lernen. Und ich habe die Chance und eine Verantwortung, ihnen das beizubringen. Dazu gehört, ihnen Ängste zu nehmen.

taz: Sie sind sozusagen ein lebendes Beispiel?

Begler: Schulkinder finden es immer interessanter, wenn sie lebenspraktische Beispiele bekommen. Wenn wir Arbeitsblätter ausfüllen oder im Buch lesen ist das eine Form von lernen. Aber wenn wir in eine Gartenarbeitsschule gehen oder eine Polizistin oder einen Fotografen einladen oder einen Antiquar oder eine Opernsängerin, ist das immer viel spannender. Die Kinder haben dann wirklich viele Fragen, und genauso ist das mit mir. Ich bin der Experte, der als Schwuler in die Schule kommt, bloß bin ich da gleichzeitig zu Hause (lacht).

taz: Wollen Sie für die Kinder auch ein Vorbild sein?

Begler: Ich will niemanden überzeugen, ein Verbündeter der LGBTQ+ Bewegung zu werden. Aber es kann sein und statistisch ist es auch so, dass in jeder Klasse durchaus ein Kind homosexuell, bi oder trans ist. Natürlich möchte ich für diese Kinder ein Vorbild sein, dass sie nicht alleine sind. Aber ich wachse noch in meine Rolle rein.

taz: Wie war das bei Ihnen selbst, hatten Sie in Ihrer Jugend auch schwule Vorbilder?

taz: Sie wurden 1980 in Rheinland-Pfalz geboren und sind in einem kleinen Dorf in der Eifel aufgewachsen.

Begler: Wir hatten Fernsehen zu Hause, Internet gab es ja noch nicht. Das Wort schwul oder lesbisch existierte in meiner Familie und Schule nicht. Nur einmal, das weiß ich noch, habe ich den Begriff im Ort von erwachsenen Männern gehört. Das war spürbar lächerlich und negativ gemeint. In der 9. oder 10. Klasse haben sich meine Klassenkameraden und -kameradinnen einmal gefragt, ob ich schwul bin.

taz: Sie selbst hatten sich das bis dahin nie gefragt?

Begler: Ich fand gleichaltrige Jungs interessanter als Mädchen, aber ich konnte das nicht einordnen. Wir redeten unter uns Kindern immer nur über heterosexuelle Partnerschaften. Es gab kein schwules oder lesbisches Pärchen in meiner Peergroup. Und deshalb war das wie ein verbotenes Gefühl, das es nicht geben durfte.

Begler: Als ich im WDR zum ersten Mal die Übertragung eines CSD aus Köln gesehen habe. Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es eine vollkommen entspannte Bewegung von Schwulen und Lesben gibt. Da war ich 18.

taz: Das klingt, als hätten Sie eine Kindheit hinterm Walde verbracht.

Begler: Ich glaube, das gibt es heute noch. Auch das Internet ändert nichts daran, dass es Jugendliche gibt, die ohne Bezug zu sich und positive Vorbilder aufwachsen, die ihnen helfen, ihre Identität zu klären.

Begler: Im Herbst oder Winter desselben Jahres habe ich mein Schwulsein meiner Tanzpartnerin aus dem Tanzverein eröffnet. Damit war sie die Erste. Ich glaube, es war für sie auch schmerzhaft, sie hatte wohl gehofft, dass wir irgendwann als Paar zusammenkommen. Aber sie hat unglaublich empathisch und unterstützend reagiert.

Begler: Nach der 10. Klasse hatte ich die Schule verlassen, eine Ausbildung bei der Bundesfinanzverwaltung begonnen und Zivildienst gemacht. So kam es, dass ich in Koblenz, Münster und Köln gelebt habe. Plötzlich gab es Treffpunkte und Cafés, wo junge Schwule zusammen kamen – Jugendgruppen, junge Erwachsene, die sich vernetzten, Projekte planten und Reisen machten. Dadurch wuchs mein Selbstwertgefühl und auch der Mut, mich zu outen. Gegenüber meinen Eltern fiel mir das nicht leicht, sie hatten damit dann auch ziemlich zu kämpfen. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis wir wieder normal miteinander reden konnten. Inzwischen können wir aber sehr offen sprechen.

taz: Bei der Finanzbehörde sind Sie nicht geblieben. Was hat den Ausschlag gegeben, Lehrer zu werden?

Begler: Während des Zivildienstes hatte ich unter anderem in einem schwul-lesbischen Aufklärungsprojekt an Kölner Schulen gearbeitet. Danach wieder in einem Verwaltungsbüro zu sitzen, war ziemlich langweilig. Ich wollte weiter mit Menschen arbeiten, mich gesellschaftspolitisch betätigen. Ein Praktikum an einer Schule hat mich überzeugt, dass Lehrer ein sehr lohnenswerter, herausfordernder Beruf ist.

Begler: Ich finde, es müssten viel mehr Männer in die Grundschulen gehen – nicht unbedingt mehr schwule Männer, aber auch schwule Männer. Nach wie vor wird der Unterricht dort zu 80, 90 Prozent von Frauen bestritten. Die Kinder lernen, abgesehen von ihren Vätern, bis zur Oberschule kaum männliche Bezugspersonen kennen.

taz: Am 25. Juli 2026 ist ein mutmaßlich islamistischer Attentäter mit einem Kleinbus am Rand des Christopher Street Day in Berlin in eine Menschengruppe gefahren. Eine Frau wurde getötet, viele Menschenschwer verletzt. Schon in der Grundschule soll der 21-jährige Tatverdächtige erhebliche Verhaltensauffälligkeiten gezeigt haben. Was ging Ihnen bei dieser Nachricht durch den Kopf?

Begler: Das war ein Schockmoment. Einer meiner Gedanken war, gibt es Kinder mit einem ähnlichen Hintergrund möglicherweise in meinem Schulalltag? Und: Inwieweit bringe ich mich eigentlich als geoutete Lehrkraft selbst in Gefahr, Ziel von Hasskriminalität zu werden?

taz: Darüber hatten Sie vorher nicht nachgedacht?

Begler: Doch schon, aber eher abstrakt. Ich höre ja von geouteten Lehrern anderer Schulen, dass sie von Eltern und Schülern auch angefeindet werden. Ein Kollege einer Oberschule wurde am Rand eines Schulgeländes von einem Elternteil geschlagen. Aber dann habe ich den Gedanken verhandelt.

Begler: Wenn ich nicht will, dass Kinder und Jugendliche eine Homofeindschaft aufbauen, muss ich noch intensiver dagegen arbeiten. Für mich und für die Gesellschaft, weil ich immer noch daran glaube, dass wir die Dinge klären können, bevor Hass entsteht. Genauso bin ich in das neue Schuljahr eingestiegen.

taz: Sie haben wieder eine Schuleingangsklasse. Wie ist Ihr Outing am ersten Elternabend verlaufen?

Begler: Ich war etwas aufgeregt. Was ich gesehen habe, war ein wohlwollendes positives Schmunzeln der Eltern, und auch ein kollektives Verständnis.

Begler: Es ist immer ein kleiner Stoß, der durch meinen Magen geht. Mit jeder Person, die neu die Schule betritt, hast du ein neues Coming-out. Ich werde routinierter, trotzdem kostet es Überwindung. Aber das nehme ich in Kauf.

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Source: taz