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Schwindender Sand auf Norderney: Kommen und gehen

Der beliebte Strand an der Weißen Düne auf Norderney ist weggespült worden. Manche meinen, es sei das Beste, der Natur einfach ihren Lauf zu lassen. mehr...

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Da ist das Meer, und hier ist der Sand. Noch feucht und angenehm fest unter den Schritten. Ein paar zerbrochene Muscheln liegen herum, näher am Wasser finden sich auch ein paar, die noch ganz sind. Menschen spazieren umher, ein Labrador wird losgelassen, er wetzt zum Wasser, 20, 30 Meter. Das ist doch ein Strand, so ein richtiger Nordseeinselstrand. Oder?

Die Weiße Düne ist weg, zerstört, steht vor dem Aus, so berichteten Tageszeitungen und Newsportale. Eine Sturmflut hatte Ende Oktober den Strand auf der Nordseite Norderneys getroffen, den Sand weggespült und die Düne abgebrochen. Um mehr als sechs Meter ist die Dünenkante dieses Mal zurückgewichen, laut Niedersächsischem Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.

Bei Niedrigwasser kann man weiterhin über eine ziemlich große Fläche Sand laufen. Aber das, was jetzt zu sehen ist und wirkt wie ein Strand, wird bei Flut von den Wellen verschluckt, das Meer schlägt dann direkt bis an die abgebrochenen Dünen. Eine Gefahr ist das nicht: Die Außendüne ist an dieser Stelle um die 100 Meter breit, das reicht als Schutz vor dem Meer.

Aber bis vor zwei Wochen waren da eben noch einige Zigtausend Kubikmeter Sand, ein erhöhter Strandbereich, der von den Dünen aus erreichbar ist. Immerhin: Eine Rampe aus Sand haben die Behörden inzwischen aufgeschüttet; wer vom Restaurant „Weisse Düne“ hierherkommt, steht nicht mehr hilflos an der Abbruchkante, sondern kann die gut fünf Meter heruntergehen.

Ein großes Holzpodest steht auf Stelzen eindrucksvoll im Nichts, Leute wandeln darunter her. Etwa fünf, vielleicht sechs Meter ragt es aus dem Sand – früher war es ebenerdig zum Strand, Toilettenhäuschen und Umkleidekabinen waren hier untergebracht. Das ist nun schon ein paar Jahre her: Die Sturmflut im Oktober war nicht die erste, die den Strand kalt erwischt hat.

Im Frühjahr 2022 war ein großer Strandabschnitt beschädigt worden, die Holzplattform freigelegt, der Küstenschutz war nicht mehr gesichert. Als Gegenmaßnahme wurden 125.000 Kubikmeter Sand künstlich angespült, vor allem um die Außendüne zu stabilisieren. Der Aufwand zeigte Erfolg: Die Düne gilt dem Küstenschutz heute wieder als sicher.

Für den Badestrand war die Wirkung nicht so nachhaltig. Jedes Jahr im Herbst wird er abgetragen, jedes Mal Frühjahr wird Sand nachgeschüttet, doch bei Weitem nicht genug, um den Verlust auszugleichen. Jedes Jahr wird der wiederhergestellte Strandabschnitt kleiner; noch 2014 gab es bei Hochwasser rund 150 Meter Strand. In diesem Sommer wurde nur noch eine kleine Rumpffläche aufgeschüttet, für 60 Strandkörbe. Nach wenigen Tagen wurde der Sand weggespült, noch einmal und noch einmal musste nachgelegt werden.

„Ja, so ist das jetzt“, sagt eine Frau am Strand halb zu ihrer Begleiterin, halb zu mir. Ich habe sie nicht angesprochen, aber wir stehen nicht weit voneinander entfernt und schauen auf die Abbruchkante. Die beiden Freundinnen kommen aus Essen, jedes Jahr fahren sie nach Norderney, immer im November. Die Frau hat mitbekommen, wie der Strand von Jahr zu Jahr geschrumpft ist. „Da kann man jetzt nichts machen“, sagt sie. „Das ist der Klimawandel.“

Der Klimawandel – das hatte ich auch im ersten Moment gedacht, und tatsächlich wird er hier oft als Erklärung genannt, auch von Einheimischen. Ausnahmsweise aber ist er gar nicht schuld.

Es gebe aktuell nicht mehr oder stärkere Sturmfluten an der Nordsee, sagt Frank Thorenz vom Landesbetrieb für Küstenschutz. „Die Dünenerosion bei erhöhten Wasserständen ist ein ganz natürliches Phänomen.“ Unter dem Meer wandern riesige Sandbänke von der Nachbarinsel Juist nach Norderney – wenn sie da sind, verändern sie die Art, wie die Wellen an Land schlagen. Und wenn sie fehlen, so wie jetzt, „holt sich das Meer den Sand aus der Düne“, so Thorenz.

Gegen diesen natürlichen Prozess arbeitet man seit Jahren an auf Norderney. Doch dieses Mal überlegen sie, ob es das letzte Mal war. Ob man sie erst einmal aufgeben soll als Badestrand, die Weiße Düne. „Wir können ja nicht immer weiter gegen die Natur arbeiten“, sagt Olivia Meiners-Hagen vom Staatsbad Norderney, der offiziellen Tourismusorganisation der Insel, die hier in manchen Bereichen mehr zu sagen hat als das Rathaus.

Ein dpa-Bericht verbreitete die Überlegungen, eine ganze Reihe an Medien griffen sie auf. Beim Staatsbad Norderney und auch im Rathaus der Stadt rudert man schon zurück. Man habe so etwas nie gesagt, erst einmal warte man die Wintersaison ab, es sei noch über-haupt nichts entschieden.

In Wirklichkeit gibt es Überlegungen und Aussagen schon lange. Die jetzt gewählte Formulierung, man könne nicht ewig „das Geld aus dem Fenster rauswerfen“ hatte Kurdirektor Wilhelm Loth schon nach den Herbststürmen vor einem Jahr gegenüber der Norderneyer Morgenpost gewählt.

Aber so einfach sind solche Entscheidungen nicht. „Sie sehen ja die Aufregung“, heißt es aus dem Staatsbad. Ausgerechnet die Weiße Düne! Der Name hat einen Klang, es ist einer der bekanntesten Badestrände Niedersachsens. Weil der Sand hier vor nicht allzu langer Zeit fast weiß war, und weil der Strand so weit war, so schön. „Vermutlich war es unser schönster Strand“, sagt der junge Mann vom Fahrradverleih. „Es ist schon etwas traurig, wenn man das jetzt sieht.“

Die Aufregung aber ist auf der Insel selbst nicht so richtig zu Hause. Viele haben sich noch gar keine Gedanken gemacht, die Tou­ris­t*in­nen zeigen Verständnis. Selbst auf Facebook bleiben die Norderney-Fans bei dem Thema gelassen, posten ein paar Vergleichsbilder von früher – aber die Gemüter erhitzen sich eher an der Frage, ob die Insel eine Gepäckabholung einrichten sollte.

Einer, dem es nicht egal sein dürfte, weil er hier Aktien drin hat, ist Matthias Möckel, der Betreiber der Weissen Düne – des Restaurants. Er ist gerade ein paar Tage auf dem Festland, wir können nur telefonieren – aber das macht er gerne. „Der Strand wird aufgegegeben – das hört sich ja erst mal fürchterlich an“, sagt er. „Und das ist es ja auch. Mir laufen die Tränen runter, wenn ich den Anblick mit früher vergleiche.“

Aber: Er hat sie mitbekommen, die Sandaufschüttungen der letzten Jahre. Letztes Jahr waren es 150.000 Euro, die die Gemeinde eingesetzt hat, um zumindest noch einen kleinen Badestrand herzustellen, der dann nur wenige Tage hielt.

„Der Drops ist gelutscht. Den Rest macht die Natur“, sagt Möckel. Er sei der einzige echte Anlieger. „Und wenn ich meine Klappe halte: Ich glaube nicht, dass es dann jemand anderen gibt, der den Strand fordern sollte.“

Er kann sich das erlauben: Das Restaurant ist eine Institution, die Gäste kommen nicht nur des Strandes wegen. Das Lokal ist heute voller als der Strand, „obwohl es heute sehr entspannt ist“, sagt ein Kellner. Ein junges Pärchen mit Spiegelreflexkamera halte ich für Adventure Seeker, die die Abbruchkante sehen wollen – aber nein, Ziel war das Restaurant. Sie waren noch gar nicht am Strand, fotografiert wird das Lokal und das Dessert: Er verbindet schokoladige Erinnerungen aus seiner Kindheit mit dem Restaurant.

Das Gute: So, wie die Sandbänke gehen, so kommen sie auch wieder. 10, 15 Jahre dauere so ein Zyklus, sagt Küstenschützer Thorenz. Es lässt sich nicht genau prognostizieren, wann die Phase wieder wechselt. Aber wenn der Erfahrungswert mit den 10, 15 Jahren auch dieses Mal stimmt, dann müssen die Menschen, die die Insel lieben, gar nicht mehr so lange warten, bis der Sand von alleine wiederkommt.

Aufschütten oder nicht sei vor allem eine ökonomische Entscheidung, sagt Thorenz. Es kostet einen sechsstelligen Betrag, einen Rumpfstrand anzuhäufen. Und mit etwas Pech hält das Ergebnis nur Tage bis Wochen.

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Aber wenn man es macht, dann hat man einen Badestrand, einen, auf dem die Strandkörbe nicht bei jeder Flut weggespült werden. Man kann den Tou­ris­t*in­nen etwas bieten, die Norderney jedes Jahr besuchen und die die Lebensversicherung der Insulaner sind.

Auf dem Weg von der Weißen Düne nehme ich die Hauptstraße mit dem Fahrrad, ich muss pünktlich zurück zur Fähre. Eine alte Frau mit ihrem Rollator läuft die Straße entlang – bestimmt eine Norderneyerin, welche Touristin würde diesen Weg wählen?

Und so ist es: Selma Harms ist 96 Jahre alt, „hier geboren und immer hier gelebt“, sagt sie. „Die Weiße Düne, ja … die war früher schon mal weg.“ Wann denn? Harms denkt nach. „Ich weiß es nicht. Mehrfach, glaube ich.“ So ist das nämlich. Es kommt. Und es geht.

Originally published bytaz
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