Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Regisseure über Schwulsein im Alter: „Wie zeigt man einen 76-jährigen Mann beim Sex?“

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In Maspalomas auf Gran Canaria hat Vicente (José Ramón Soroiz) mit Mitte siebzig ein freies Leben gefunden. Zwischen Dünen, Clubs und flüchtigen Begegnungen lebt er offen schwul, weit entfernt von seiner baskischen Heimat und der Familie, die er vor Jahrzehnten verlassen hat. Nach einem Schlaganfall muss er zurück und kommt in ein Pflegeheim.

„Maspalomas“ erzählt von queerem Altern, Begehren und der Kluft zwischen formaler Gleichberechtigung und gelebter Freiheit. Inszeniert wurde der Film von Jose Mari Goenaga und Aitor Arregi, Mitgliedern des baskischen Moriarti-Kollektivs, das mit Filmen wie „Der endlose Graben“ und der Serie „Cristóbal Balenciaga“ international bekannt wurde.

taz: Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga, in Ihrem Film „Maspalomas“ landet der Protagonist Vicente in einem Pflegeheim. Dort begegnet ihm niemand offen homophob. Warum reicht die scheinbare Normalität dieses Ortes trotzdem aus, um ihn zurück in den Schrank zu drängen?

Die Filmemacher Aitor Arregi (geb. 1977) und Jose Mari Goenaga (geb. 1976) arbeiten als Teil der Produktionsfirma Moriarti Produkzioak oft zusammen. Dabei enstanden Filme wie „Handia“ (2017) und „Der endlose Graben“ (2019). Die Projekte von Moriarti entstehen prinzipiell im Team, auch in der Regie.

Jose Mari Goenaga: Es gab in meinem Drehbuch Momente, in denen die Homophobie im Heim deutlicher ausgesprochen wurde. Aber ich wollte davon erzählen, wie wir Queers unser ganzes Leben mit Situationen umgehen müssen, die nicht so eindeutig sind. Irgendwann sitzt der Feind in einem selbst. Die Gesellschaft sagt dann gern, es sei dein Problem. Uns war wichtig, die Homophobie nicht zu deutlich auszustellen und trotzdem verständlich zu machen, warum Vicente sich so verhält.

Aitor Arregi: Das Pflegeheim ist auch eine Metapher für die Gesellschaft und die Kräfte, die sich nicht immer zu erkennen geben. Wir fühlen uns frei, sind es aber in bestimmten Situationen nicht. Etwas kann rechtlich erlaubt sein, und trotzdem verhindern Familie, Religion oder das soziale Umfeld, dass man diese Freiheit nutzt.

taz: Die Psychologin des Heims sagt Vicente sinngemäß, er dürfe sich outen, doch die anderen könnten ein Problem damit haben. Sie gibt sich tolerant und überträgt das gesamte Risiko auf ihn.

Goenaga: Ich glaube, sie ist in diesem Moment überzeugt, das Richtige zu tun. Natürlich dürfe er sich offen als schwuler Mann zeigen, vermittelt sie ihm, aber vielleicht solle er es lieber lassen, weil er verletzt werden könnte. Nicht ihretwegen, sondern wegen der anderen. Das ist keine Freiheit. Der Film zeigt ein Heim, in dem jüngere Fachkräfte versuchen, eine modernere Einrichtung zu schaffen und stärker darauf zu achten, was jeder Mensch möchte. Am Ende erkennt man aber, dass diese Veränderungen womöglich nur an der Oberfläche stattfinden.

taz: Spanien war 2005 eines der ersten Länder, das die Ehe für alle einführte. Zugleich haben Sie „Maspalomas“ als einen Film über die Gefahr beschrieben, bereits erkämpfte Freiheiten wieder zu verlieren. Ist Vicentes persönlicher Rückzug auch ein Bild für einen gesellschaftlichen Rückschritt?

Goenaga: Die Gesetze sind da. Wenn man aber tiefer geht, findet man viele kleine Probleme. Meine Mutter sagt etwa, ich solle in Madrid vorsichtig sein, weil mir etwas passieren könne. Wird ein junger Mann getötet und gibt es Hinweise auf einen homophoben Angriff, wird sofort bezweifelt, dass Homophobie das Motiv gewesen sein könnte. Es gibt einen offiziellen Diskurs, der uns angeblich schützt. Schaut man auf die Details, sieht die Wirklichkeit anders aus.

taz: Vicente ist nicht nur Opfer dieser Verhältnisse. Er hat vor Jahrzehnten seine Familie verlassen und den Kontakt zu seiner Tochter Nerea abgebrochen. Wie wichtig war Ihnen ihre Wut?

Arregi: Sie ist für den Film fundamental. Sie trägt eine alte Verletzung in sich, verharrt aber nicht in einer Opferrolle. Nach 25 Jahren ohne Kontakt wird sie zu ihrem Vater nicht so freundlich sein wie früher. Sie übernimmt Verantwortung und kümmert sich um ihn – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sie wird keine Nähe erzwingen.

Goenaga: Vicente verhält sich ihr gegenüber beinahe aggressiv, weil er Angst hat, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Er verwandelt diese Angst in Aggressivität. Er glaubte, den Weg zur Selbstakzeptanz längst zurückgelegt zu haben. Tatsächlich muss er ihn noch einmal gehen.

Goenaga: Eine wichtige Referenz war für mich David Leavitts Roman „Die verlorene Sprache der Kräne“. Danach las ich Berichte von Männern, die lange mit einer Frau zusammengelebt und Kinder bekommen hatten und sich erst mit etwa 50 outeten. Es gibt auch einen persönlichen Bezug. Ich habe zwar weder mit einer Ehefrau gelebt noch ein Kind, aber auch ich habe mich erst spät geoutet, mit 33. Beim Schreiben fragte ich mich, wie ein Mann, der so spät aus dem Schrank gekommen ist, am Ende seines Lebens wieder hineingeraten kann.

taz: In „Maspalomas“ zeigen Sie ältere schwule Männer beim Sex, lustvoll und selbstverständlich. Was hat Sie daran gereizt?

Arregi: Für mich war das einer der wichtigsten Gründe, den Film zu machen. Wie zeigt man einen 76-jährigen Mann beim Sex? Und wie setzt man sich mit der Vorstellung auseinander, ältere Menschen hätten keinen Sex und dürften keine jüngeren Menschen begehren?

Goenaga: Unsere klare Referenz war Alain Guiraudies Cruising­thriller „Der Fremde am See“ von 2013. Diesen Naturalismus wollten wir ebenfalls. Wir wollten daraus keine große Sache machen, sondern den Sex natürlich, explizit und als lustvolle Handlung zeigen.

taz: Aitor, Sie haben Ihren Besuch in der schwulen Welt von Maspalomas als eine Art Masterstudium bezeichnet. Wie haben Sie als heterosexueller Regisseur vermieden, diese Welt zu exotisieren?

Arregi: Maspalomas ist eine besondere Welt mit seiner riesigen Community schwuler Touristen. Es ist ziemlich verrückt, aber nicht Las Vegas, sondern hat einen eigenen Charakter. Man könnte das leicht als Spektakel filmen. Unser Ansatz war dagegen beinahe ethnografisch oder anthropologisch. Wir wollten zeigen, wie Menschen dort leben, und zugleich eng bei Vicente bleiben.

Goenaga: Aitor ist neugierig, urteilt aber nicht vorschnell. Selbst bei sehr aufgeschlossenen heterosexuellen Menschen spürt man manchmal eine Anspannung. Bei Aitor nicht. Er ließ sich Dinge zeigen und erklären und war sehr offen.

taz: Viele queere Menschen sind im Alter auf Freundeskreise oder Wahlfamilien angewiesen. Wie müssten Pflegeeinrichtungen auf ihre Lebensrealität reagieren? Hat Ihr Film bereits etwas verändert?

Goenaga: Nach dem Kinostart beschloss die baskische Regierung eine Initiative, die Beschäftigte in Pflegeheimen auf solche Situationen vorbereitet. Viele Menschen außerhalb der LGBTQI+-Community wussten überhaupt nicht, dass ältere queere Menschen dort wieder in den Schrank geraten können. Sobald dies als Problem sichtbar wird, kann die Politik neue Protokolle entwickeln und Beschäftigte schulen.

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Source: taz