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Objektifizierung von Männern: Was wir dürfen, dürft ihr noch lange nicht
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S ie spricht seit drei Monaten nur noch von seinem Bizeps. Meine Freundin L. hat einen neuen Freund und der – anscheinend – einen Bizeps. Sie ist besessen, hat zahlreiche Bizeps-Memes erstellt, die unsere Chatgruppe regelmäßig fluten. Mal eine hilferufende Frau: „I’m sick please send biceps“, mal ein Mann, der auf Knien mit gefalteten Händen um Bizeps fleht, mal ein einfaches: „I love biceps“.
Als L. bei einem Bier halb ironisch, halb ernst von ihrer Bizeps-Obsession erzählt, entgegnet P., der einzige Typ in der Runde: „Wäre höchst problematisch, wenn ein Mann so über den Po oder die Brüste seiner Freundin sprechen würde.“ L. widerspricht: „Der Ton macht die Musik“, meint sie. Wenn ein Mann ebenso schwärmerisch über den Intellekt, die Empathiefähigkeit und den scharfsinnigen Humor seiner Freundin sprechen würde, wie sie über ihren Freund, und on top betonen würde, wie geil ihr Arsch ist, sei das okay.
So paradox es zunächst klingen mag: Es ist kein doppelter Standard, wenn Frauen Männer objektifizieren und sich gleichzeitig über die eigene Sexualisierung aufregen. Der Unterschied liegt im Kontext: Frauen werden seit Jahrhunderten strukturell objektifiziert, auf ihre Körper reduziert und ihr gesellschaftlicher Wert an ihre fuckability geknüpft.
Wenn Frauen nun den Spieß umdrehen und Männer mit ihren eigenen Waffen schlagen, ist das Aneignung, nicht Diskriminierung. Wenn Ikkimel rappt: „Baby, du bist lecker, gibts den Pimmel auch in groß?“ ist das Empowerment. Wenn Influencerin Maria Ludovica fordert, Männer sollten „sich doch entschuldigen, wenn die nicht anständig ficken“ ist das Empowerment. Und wenn Influencerin Evil Suki für das Oktoberfest nach einem „Geldsklaven“ sucht, der ihr den Besuch finanziert, ist auch das Empowerment.
Denn es ist kein Angriff, es ist Verteidigung. Maria Ludovicas Forderung entspringt der Scham, die sie früher beim Sex empfunden habe, wenn sie nicht zum Höhepunkt kam, erzählt sie. Ikkimel rappt diese Zeilen, um Rappern wie Kollegah und Farid Bang Paroli zu bieten, die über Frauen singen: „Bitches heute wollen Jungfrau bleiben/ Zwei Option’n: Arsch oder Mund auf, Kleines.“ Und Evil Suki nimmt Männer auf den Arm, die sich prahlerisch als Brotverdiener inszenieren und daraus einen naturgegebenen Anspruch auf ihre Partnerinnen ableiten.
Gleichzeitig stimmt: Es ist weder zielführend noch besonders emanzipatorisch, die Abwertungen zu reproduzieren, gegen die wir uns selbst wehren. Allein durch die Übernahme der minderbemittelten Degradierungsstrategien von Männern werden wir ungleiche Geschlechterverhältnisse wohl kaum überwinden.
Statt den Spieß einfach nur umzudrehen, sollten wir uns neue Kategorien überlegen. Moshtari Hilal schlägt in ihrem Buch „Hässlichkeit“ etwa als Gegenentwurf zum Konzept der Schönheit die Großartigkeit vor: „Großartig wird man nicht durch angeborenes Aussehen, sondern durch Erfahrungen“, schreibt sie.
Denn L. findet ihren Freund absolut großartig. Und seinen Bizeps eben auch.
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Source: taz