Kommando 161 Faultline Kommando 161

Germany · taz · 1h

Literarischer Abend über das Schlachten: Die Lust am Fleisch

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Eine Auseinandersetzung mit den Produktionsbedingungen der Fleischindustrie führt in der Regel recht zuverlässig dazu, dass einem die Lust an ihren Produkten vergeht. Mit großen Werbebudgets beschwören die Fleischkonzerne das Bild des gemütlichen Dorfmetzgers mit Pausbacken, der selbst zu seinen besten Kunden zählt, denn die fatalen Konsequenzen unserer Fleischeslust für Umwelt und Klima sind hinlänglich bekannt.

Im menschlichen Verhältnis zu jenen Spezies, die das Pech haben, zur Kategorie der Nutztiere zu zählen, zeigt sich ganz unverhüllt die kapitalistische Misere. Schon dieser Begriff manifestiert den Sieg unserer Spezies über alle anderen in der Sprache und zeugt von der Profitmaximierung aller Bereiche des Lebens und Sterbens. Aber wenn sich im Akt des Schlachtens die ganze Absurdität einer Wirtschaftsweise zuspitzt, dann steckt in der Figur des Metzgers, der das Tier zum Fleisch macht, ganz automatisch ein hohes literarisches Potenzial.

Dieses Potenzial erforschte der Abend „Schlachten: Neue europäische Stimmen“ beim Internationalen Literaturfestival Berlin. Gleich drei Au­to­r*in­nen samt Übersetzerinnen sprachen über ihre Debüts, die sich alle im weitesten Sinne mit Fleisch und seiner Produktion beschäftigen und die die Figur der Metz­ge­r*in ganz unterschiedlich begreifen, da der Akt des Schlachtens von einer Vielzahl an Metaphern und Bedeutungen umgeben ist.

Im Tagebuchstil schildert der spanische Schriftsteller Munir Hachemi in „Lebendige Dinge“ seine Erfahrungen als Saisonarbeiter in einer französischen Geflügelfabrik und verquickt dabei genaue Darstellungen der Arbeitsabläufe mit poetologischen Fragen nach der Möglichkeit von Literatur. Wie kann das Grauen der dort Ausgebeuteten und der Tiere sprachlich für einen Moment zum universellen Grauen werden? Allerdings: Er wollte dezidiert kein aktivistisches Buch mit bekehrendem Anspruch schreiben, sagt Hachemi.

Nicht nur wegen des französischen Settings denkt man unweigerlich an das eindrückliche Langgedicht „Am Laufenden Band“ von Joseph Ponthus oder Heike Geißlers Amazontagebuch „Saisonarbeit“, die auf ihre Weise versuchen, der entwürdigenden Tätigkeit doch eine Bedeutung abzuringen.

Die finnische Autorin Mariia Niskavaara beschwört derweil die Lust am Fleisch. „Esther, die Metzgerin“ handelt von einer Frau, die über die sinnliche Erfahrung des warmen Fleisches einen Schlüssel zu sich und ihrem Körper findet. Das Zerteilen von Knorpel und Sehnen spendet ihr sinnlichen Trost in einer digitalisierten und aseptischen Welt. Entgegen der bekannten Erzählung, dass Fleischkonsum am Ende unser Untergang sei, wird das Schlachten hier zum feministischen Erweckungsmoment.

Dem Publikum entlockt die Protagonistin Esther mit ihrer Deadpan-Delivery die meisten Lacher dieses Abends, die Autorin selbst gibt zu bedenken, dass dies wohl auch einfach mit der kurzen Satzstruktur der finnischen Sprache zu tun hat, doch tatsächlich kann Esther vor allem mit ihrer Derbheit punkten.

Den kurzweiligen Abend beschließt der Niederländer Manik Sarkar, der sich bisher vor allem als Übersetzer verdingt und mit „Ochsenkopf“ eine Geschichte erzählt, die wie ein Künstlerroman daherkommt, weil der Protagonist zwar mit hoher Kunstfertigkeit Tiere filetieren kann, mit menschlichen Artgenossen allerdings über Kreuz liegt. Zur Figur des entrückten Metzgers Rensing wurde Sarkar durch das gemeinsame Schicksal der Unsichtbarkeit inspiriert, dass der Beruf des Metzgers mit dem des Übersetzers teilt, sagt er.

Wie alle drei Debütanten versteht auch Sarkar den Metzger als universelles literarisches Bild, in dem viele Bedeutungslinien der Gegenwart ineinanderlaufen. Ob man hier nun einem neuen literarischen Trend auf der Spur ist, sei dahingestellt, doch wenn es an diesem Abend aufgrund kapitalistischer Verhältnisse nicht immer um die unschuldige Fleischeslust gehen konnte, so wurde doch immerhin vielfach die Lust am Text beschworen.

Read the full story at the source →

Source: taz