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Künstlerin über Brechmittel-Mahnmal: „Es soll unangenehm sein“
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taz: Usha Seejarim, was hat Sie dazu bewogen, von Johannesburg aus einen Gedenkort für Bremen zu entwerfen?
Usha Seejarim: Es war in erster Linie das tiefe Unrecht der Geschichte. Ich komme aus Südafrika, wo wir eine lange Geschichte von Rassismus und staatlichem Machtmissbrauch haben. Als mein Entwurf ausgewählt wurde, habe ich mich sehr geehrt gefühlt, Laye Condés Geschichte erzählen zu können. Und ich wollte es auf eine Weise tun, die ihm, seiner Familie und den weiteren Opfern Gerechtigkeit verschafft.
1974 in Bethal, Provinz Mpumalanga, Südafrika geboren, Konzeptkünstlerin, lebt und arbeitet in Johannesburg, wo sie als Gastprofessorin für südafrikanische Kunst und visuelle Kultur an der Universität lehrt. Einzelausstellungen unter anderem in Cape Town, Rotterdam und New York.
taz: Laye-Alama Condé starb 2005 in Bremen, nachdem ihm in Polizeigewahrsam zwangsweise Brechmittel verabreicht wurden. Zwischen 1991 und 2005 hat die Polizei die Prozedur allein in der Stadt in mehr als 1.200 Fällen durchgeführt. Welcher Gedanke steht für Sie im Zentrum des Gedenkorts?
Seejarim: Ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden, Text zu benutzen. Text kann neutral sein, aber er kann auch gezielt gewählt werden. Nachdem ich Laye Condés Geschichte gelesen habe, ist mir immer wieder das Wort force in den Kopf gekommen. Laye wurde gewaltsam (forcibly) festgenommen. Das Brechmittel hat seinen Körper dazu gezwungen (forced), seinen Mageninhalt auszustoßen. Dann war es vor allem die Polizei (police force), die an seinem Tod beteiligt war. Und schlussendlich hat erst die gemeinsame Kraft der Zivilgesellschaft (communal force) die Errichtung dieses Gedenkorts ermöglicht. Der Begriff hat also viele Facetten. Ein wichtiger Schritt war zudem, mir Interviews mit Betroffenen anzuhören. Ich wollte mir Zeit geben, die Geschichte wirken zu lassen. Das ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit.
taz: Anders als bei traditionellen Denkmälern steht hier nicht die Person Laye Condé im Zentrum. Brechen Sie bewusst mit dieser klassischen Rhetorik?
Seejarim: Absolut. Denkmäler sind das Erbe einer imperialistischen Zeit, in der Helden erschaffen wurden. Deshalb habe ich mich für einen Entwurf entschieden, der im Gegensatz dazu steht.
taz: Auch in Bremen erinnern Straßennamen an Kolonialherren und die lange, gewalttätige Vergangenheit der Stadt. Was bedeutet es, dass ein Gedenkort gegen anti-Schwarzen Rassismus gerade hier errichtet wird?
Seejarim: In erster Linie steht der Gedenkort in Bremen, weil Laye Condé hier getötet wurde. Es muss hier sein. Aber es stimmt, seine Geschichte ist auch im Kontext der Kolonialgeschichte zu verstehen.
Seejarim: Es geht um die Frage, wer Macht besitzt und wer die Opfer dieser Macht werden. Historisch und gegenwärtig. Gegenwärtig sehen wir das an einem globalen Rechtsruck, einer Angst vor dem, der anders ist. Schwarze Körper werden da zum einfachen Ziel.
taz: Laut einem 2023 veröffentlichten Report der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) nimmt anti-Schwarzer Rassismus in der gesamten EU zu. Was bedeutet es, dass der Gedenkort gerade jetzt eingeweiht wird?
Seejarim: Als meine Arbeit 2020 ausgewählt wurde, fühlte sie sich bereits relevant an. Aber jetzt ist sie es noch mehr. Die Welt ist in den vergangenen Jahren noch weiter nach rechts gerückt. Es ist wichtig, zu verstehen, dass anti-Schwarzer Rassismus nicht nur in der EU existiert. Auch in Südafrika erleben wir vermehrt Fremdenfeindlichkeit. Das ist Gewalt von Schwarzen gegen Schwarze. In meiner Ausstellung, die gerade im Gerhard-Marcks-Haus gezeigt wird, beziehe ich mich auf die EU und den Slogan „Send them back“. Es geht um die Vorstellung davon, was die eigene Heimat ist. Wenn jemand sein Zuhause verlässt, geht es ums pure Überleben. Geflüchtete zu diskriminieren, ist eine solche Verletzung ihrer Rechte. Und ich glaube, die Welt bewegt sich in eine Richtung, in der das in Vergessenheit gerät. Die Aufgabe des Gedenkorts ist, darauf aufmerksam zu machen. Er versucht zu sagen: Wacht auf, das passiert gerade. Und es passiert genau hier.
taz: In dem Report gab mehr als jede*r zweite Schwarze Person in Deutschland an, in den vergangenen fünf Jahren Opfer rassistischer Übergriffe geworden zu sein. Ist das auch ein Grund, warum Besuchende mit dem Gedenkort interagieren können?
Seejarim: Ja. Ich möchte, dass die Erfahrung körperlich ist. Besuchende sollen sich auf den Ort einlassen, aber es soll kein angenehmes Erlebnis sein. Die Buchstaben sind schräg; sie sind kalt wie das Bett, auf dem Laye fixiert war. Es soll unangenehm sein, weil es eine unangenehme Geschichte ist. Und zudem ist mir wichtig, dass wir verstehen, dass wir eine Mitschuld haben. Passivität bedeutet Mittäterschaft.
Im Zeitraum von 1991 bis 2005 wurden auf polizeiliche Anordnung durch kooperationswillige Rechtsmediziner allein in Bremen mindestens 1.200 Menschen mit brachialer Gewalt Brechmittel verabreicht. Die Polizei verdächtigte sie des Drogenhandels und warf ihnen vor, Plastikcontainer mit Kokain verschluckt zu haben.
Nach Bremer Vorbild führten diese Methode der Beweismittelsicherung die Länder Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Berlin und Hamburg ein. In Hessen wurde sie bereits 1996 wieder beendet: Das Oberlandesgericht Frankfurt sah es als Folter an und somit als Verstoß gegen die Menschenrechte. Die Einschätzung bestätigte 2006 der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Alle in Bremen bekannten Folteropfer sind Schwarze. Gestorben sind infolge der Prozedur Achidi John am 12. 12. 2001 in Hamburg und Laye-Alama Condé am 7. 1. 2005 in Bremen.
taz: In anderen Ihrer Werke nutzen Sie Bügeleisen oder Wäscheklammern, um die Beziehung zwischen Sorgearbeit, Gender und patriarchaler Unterdrückung zu reflektieren. Welche Rolle spielen Materialien in dieser Arbeit?
Seejarim: Für mich ist das Material der Ausgangspunkt. Ich habe viel über das Erlebnis der Besuchenden und über Layes Erlebnis nachgedacht. Wie sahen seine letzten Momente aus? Daraus entstand die Idee, Stahl zu verwenden. Es ging darum, ein Material zu finden, das zu einer Metapher wird. In meiner Ausstellung im Gerhard-Marcks-Haus habe ich mit Kaffeesäcken gearbeitet. Der Grund dafür ist, dass Bremen zwar für Kaffee bekannt ist, nicht aber als Anbauregion. Der Kaffee stammt aus Afrika oder dem Globalen Süden und wird von Bremen aus in den Rest Europas exportiert. In meiner Arbeit ziehe ich eine Parallele zwischen dieser Art der Ausbeutung, der Migration von Menschen und einer Politik der Ausbeutung. In diesem Kontext muss auch Laye Condés Geschichte erzählt werden. Es ist fast dasselbe Narrativ.
taz: Welche Rolle können Gedenkorte spielen – bei der Aufarbeitung kolonialer Verbrechen und diesem jüngeren Kapitel anti-Schwarzen Rassismus?
Seejarim: Dass dieser Gedenkort entsteht, ist im Besonderen der Bremer Zivilgesellschaft zu verdanken. Aber es erfordert auch von der Stadt, Verantwortung zu übernehmen. Mit der Errichtung sagt die Stadt Bremen nicht nur, dass vom Tod Laye Condés erzählt werden muss. Sie stellt diese Geschichte in ihr eigenes Zentrum. Dieser Gedenkort durchbricht das Vergessen. Er ist ein wichtiger Schritt, um die Wahrheit anzuerkennen.
Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.
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Source: taz