Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 3h

Kampfgeist im Schwimmbecken: Wenn der Hintermann zweimal kitzelt

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S obald die Tage kürzer werden, leeren sich auch die Bahnen im Freibad. Am Morgen ist das Wasser bereits wärmer als die Luft, ein leichter Dampf liegt über der Oberfläche, durchbrochen nur von den Armen und Köpfen der letzten tapferen Schwimmenden. Viel schöner kann man nicht in einen Spätsommer- oder Herbsttag starten, finde ich.

Doch die friedliche Atmosphäre täuscht. Ich kenne kaum einen Ort, an dem die Stimmung so brodelt wie unter Wasser im Schwimmbecken.

Da gibt es die kleinen Aggressionen, die auf den ersten Blick zufällig wirken. Wie ein Versehen. Etwa, wenn die Person hinter einem dicht heranschwimmt und mit ihrer kraulenden Hand den Fuß touchiert. Grundsätzlich schrecken mich Berührungen beim Schwimmen nicht ab, aus Triathlonwettkämpfen kenne ich die Disziplin als Kontaktsport. Gerade beim Start geht es da gerne mal ruppig zu, und beim Durchqueren des Sees wurde ich auch schon – verbotenerweise – am Fuß gezogen. Aber im Schwimmbad möchte ich von fremden Menschen nicht ungefragt an der Sohle gekitzelt werden. Vor allem nicht morgens.

Zumal es, wenn es mehr als einmal passiert, auch kein Versehen ist. Sondern ein gar nicht so subtiler Hinweis darauf, dass die andere Person viel schneller schwimmen könnte. Soll sie doch! Nur halt an mir vorbei. Oder direkt auf der „Sportbahn“ für die wirklich guten Schwimmer. Doch ist die für die Fußkitzler vielleicht eine Liga zu hoch.

Etwas offensiver agieren die Schwim­me­r:in­nen – wobei, Schwimmer reicht eigentlich in mindestens 95 Prozent der Fälle –, die durch raumgreifendes Wenden ihre Position auf der Bahn markieren wollen. Da wird jede noch so kleine Lücke genutzt, um beim Abstoßen an der Wand zu überholen, selbst wenn man dabei kurz in den Gegenverkehr gerät und eher ein Hindernis für die anderen darstellt, als wirklich schneller durch das Becken zu kommen.

Bevor ich angefangen habe, regelmäßig ins Schwimmbad zu gehen, hätte ich nicht geglaubt, dass dort so viel Kampfgeist herrscht. Ich hatte keine Ahnung, wohin es führen kann, wenn die Gemüter von der Bewegung und den Endorphinen kurz überhitzen. Dann fliegen Beleidigungen durch den Morgennebel. Erwachsene Männer bauen sich drohend vor anderen Schwim­me­r:in­nen auf, die wahlweise zu langsam oder zu aggressiv im Wasser unterwegs sind. Auf der Nachbarbahn rollt man die Augen – und ist vor allem erleichtert, nicht selbst in die unangenehme Situation verwickelt zu sein.

Ich spreche mit einem Freund aus einer anderen Stadt über diese Auseinandersetzungen, auch er schwimmt regelmäßig. „Bei uns im Verein haben sich mal zwei Schwimmer mit Paddels geschlagen“, erzählt er. Eine Frau sei von der Polizei aus dem Schwimmbad geführt worden, nachdem sie sich in ihrem Ärger über andere Schwim­me­r:in­nen nicht mehr beruhigen wollte.

Bei einem der Ausraster, die ich selbst miterlebt habe, war auch noch eine Prise Rassismus dabei. Die Stimmung der Schwimmerin kippte, weil ihrer Meinung nach zu viele Jugendliche am Ende einer Bahn herumstanden. Sie machte pauschalisierend alle „Jungs wie euch“ dafür verantwortlich, dass ihr schönes Schwimmbad zugrunde ginge. Immerhin verließ sie selbst das Becken, bevor sie noch ausfallender werden konnte.

Als in Deutschland im Sommer 2023 mit unverhohlenem rassistischem Unterton über Ausschreitungen in Freibädern diskutiert wurde, übersahen die Beteiligten einen Punkt: die ganz alltägliche Aggression auf der Bahn. Für sie muss man keine migrantischen Sündenböcke konstruieren. Man kann auch einfach dabei zugucken, wie Peter oder Udo sich bei ihren morgendlichen zwei Kilometern verhalten.

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Source: taz