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GPS-Sender und Träume über Tiere: „Du musst versuchen, weiter weg zu kommen“

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Bisher habe ich nur einmal von Tieren geträumt. Nachdem ich als Jugendlicher in einer Müllgrube am Rande unseres Dorfes auf Ratten geschossen hatte, überfielen sie mich im Traum zu Hunderten.

Laut dem im 2. Jahrhundert n. Chr. von Artemidor verfassten „Traumbuch“ gibt es zwei Arten von Träumen: „Die einen künden von Erinnerungen, Wünschen oder Bedürfnissen, die anderen sind Zeichen, die von außen zur Seele kommen und ihren Lauf verändern können“, schreibt die französische Ethnologin Anastasia Martin in ihrem Bericht „Im Osten der Träume“ (2024).

Sie erforschte zwei indigene Gruppen diesseits und jenseits der Beringstraße, in Alaska und auf Kamtschatka. Beide hatten sich als Kolonisierte in die Wälder geflüchtet, wo sie versuchten, wieder als Jäger und Sammler zu leben und zu ihrem alten animistischen Glauben zurückzufinden. Die Gwich’in in Alaska waren der Zivilisation (Erdölpipeline, Straßen und Entschädigungen in Form von Aktien) ausgewichen. Bei den Even auf Kamtschatka hatte sich ihre Zivilisation (ihr Dorf und ihre Kolchose) aufgelöst. Die vergesellschaftete Rentierherde gehörte jetzt einer Aktiengesellschaft von neureichen Russen, die sie höchstens noch als „Cowboys“ beschäftigen würden.

Beide Völker waren Rentiernomaden gewesen, denen man einst die Rentiere genommen und sie zur Sesshaftigkeit gezwungen hatte. Um im Wald überleben zu können, müssen sie nun wieder nomadisieren und von den Tieren lernen. Dazu bemühen sie sich, des Nachts von ihnen zu träumen, wobei sie zwischen Zustandstraum und Ereignistraum unterscheiden: „Darin üben sich die Kinder im Wald von frühester Jugend an“, schreibt die Ethnologin.

Sie wohnte einige Jahre auf Kamtschatka im Wald bei einer alten Frau, Darja, die sie nach ihren Träumen fragte. Meistens handele es sich dabei um Zustandsträume, wie sie den Psychoanalytikern gefallen, aber Darja selbst fand diese uninteressant: „Du bist in dir selbst gekreist. Du bist niemandem begegnet. Du musst versuchen, weiter weg zu kommen. Aus deiner Welt hinaus. Sonst wirst du keine Informationen über das bekommen, was draußen wirklich passiert.“

Aber man dürfe „nicht nur von den Geistern der Toten träumen“, erklärte Darja der Ethnologin, „auch von den anderen, den Lebenden, muss man träumen, wenn du im Wald überleben willst“. „Die Tiere?“ „Ja, die Tiere. Man muss versuchen, mit ihnen zu träumen, um zu verstehen, was sie tun und wohin sie gehen.“ Um mit ihnen zu reden, „um zu wissen, was wir tun werden!“

Nachdem Darja von Gänsen geträumt hatte, erzählte sie Anastasia Martin: „Heute Nacht bin ich mit ihnen geflogen. Ich habe die Gänse losziehen sehen. Ich habe sie ein Stück durch den Himmel begleitet, ehe ich zurückgekommen bin. Das Wetter wird wechseln, der Winter kommt. Wir müssen uns vorbereiten.“

Dazu schreibt die Ethnologin: „Im Wald von Itscha auf Kamtschatka, wie überall, wo sie sich noch frei bewegen, stehen die Tiere im Ruf, den Menschen voraus zu sein, was die Aufmerksamkeit gegenüber der Welt betrifft.“

Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Tara Menon schreibt in ihrem Roman „Unter Wasser“ (2026) über ihren Vater, einen Meeresbiologen, und seine Kollegin, die auf einer thailändischen Insel eine Forschungsstation betreiben und unter anderem Mantarochen erforschen. Währenddessen ging sie in Phuket zur Schule. 2004 bemerkte sie dort, dass plötzlich keine Vögel mehr in der Stadt waren, auch die Hunde waren verschwunden, einige angeleinte heulten verängstigt. Ein Elefant, der ein kleines Touristenmädchen auf seinem Rücken trug, blieb plötzlich mitten auf der Straße stehen und rührte sich nicht. Sein Mahut, sein Führer, redete vergeblich auf ihn ein. Der Elefant drehte sich um und eilte in die entgegengesetzte Richtung davon. Das Mädchen auf seinem Rücken blieb merkwürdig gelassen. Ein gewaltiger Tsunami näherte sich dem Festland.

Im Westen kommuniziert man nicht mit Wildtieren, indem man von ihnen träumt. Hier hat die Moderne den Animismus vertrieben. In seinem Aufsatz „Die Natur ruft (an)“ schreibt der Wissenssoziologen Bruno Latour: „Kant zufolge mussten wir lernen, nicht allzu sensibel auf den Anruf der Natur zu reagieren, weil wir nur so in die Lage kommen, die Stimme der Moral zu vernehmen, die in keinerlei Verbindung mit jener der Natur steht und uns über letztere zu erheben vermag.“

Dabei haben wir aber eine hoch entwickelte Technik, die es uns ermöglicht, die Tiere „anzusprechen“, mit ihnen zu „kommunizieren“ – versprechen zumindest ihre Anwender. Und zwar mit allen weltweit, von Insekten und Fischen über Nagetiere und Landsäugetieren bis zu den Walen. Dazu wird ihnen ein GPS-Sender umgehängt, geklebt oder angetackert, der ihre Bewegungen via Satellit aufzeichnet und für Interessierte auf Bildschirmen sichtbar macht. Man hat bereits für Milliarden Dollar von mehreren Tausend Arten zigtausend Tiere besendert.

Der Münchner „Kommunikationsexperte“ Alexander Pschera erzählt uns dazu in seinem Buch „Das Internet der Tiere: Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur“ (2014) ein Märchen: Da geht ein modernes Rotkäppchen durch den Wald, um ihre Oma zu besuchen und begegnet einem Wolf. Er ist besendert und Rotkäppchen filmt ihn mit ihrem Smartphone. Bei der Oma angekommen, lädt sie das Video auf der Facebook-Seite hoch, die Wolffans angelegt haben. Rotkäppchens Video ist dort das erste längere Dokument „und entsprechend enthusiastisch sind die Kommentare der Wolfcommunity“. Vorm Schlafengehen wünscht Rotkäppchen dem Wolf digital eine gute Nacht.

Pschera versichert uns: „Diese Geschichte könnte sich so oder ähnlich heute in jedem Teil Deutschlands ereignen … Das neue Märchen von Rotkäppchen ist keine Utopie.“ Für Pschera ist die virtuelle Realität längst mit dem wirklichen Leben verschmolzen. „In dieser Situation erscheint die Technik, die die Entfremdung von der Natur ursächlich hervorgebracht und immer weiter verschärft hat, als Teil der Lösung. Sie kann als ‚Missing Link‘ den Bezug zur Welt der Tiere wiederherstellen. Das Internet der Tiere hat das Potenzial, die Mensch-Tier-Beziehung auf einer neuen Ebene wiederzubeleben und damit die Natur gleichsam neu zu erfinden.“ Und weiter: „Das gläserne Tier tritt neben den gläsernen Menschen.“

Für die besenderten Tiere ist das jedoch kein Vergnügen. Sie müssen zunächst einmal gefangen und betäubt werden, um sie mit GPS-Sendern auszustatten. Dann sind die Geräte an ihnen durchaus ein Handicap. Statt sich zu bemühen, immer wieder neue Geldgeber dafür aufzutreiben (ein guter Satellitensender kostet mehrere Tausend Dollar und die Jahresgebühren für die Satellitennutzung weitere Tausende), sollten die Besender lieber lernen, die Tiere, über die sie mehr wissen wollen, geduldig zu beobachten. Wenn sie schon nicht in der Lage sind, von ihnen zu träumen.

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Source: taz