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Gewalt in Bistum Osnabrück und Münster: Geistliche Gemeinschaften sind kein Safe Space

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Dass das Bistum Osnabrück einer der Täterorte des Missbrauchsskandals ist, dessen Aufdeckung seit 2010 die katholische Kirche erschüttert, ist nichts Neues. Aber die jetzt veröffentlichte Pilotstudie „Macht durch Charisma. Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ der Universität Münster zeigt eine weitere Facette der Übergriffe in den Bistümern Osnabrück und Münster. Es geht um den oft wenig beachteten geistlichen und spirituellen Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften.

In dem fast vierjährigen Forschungsprojekt hat ein Team um Theologin und Soziologin Judith Könemann und Historiker Bernhard Frings von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster das Phänomen des geistlichen Missbrauchs anhand zweier Gemeinschaften untersucht – der „Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück und der „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster.

Dem Bistum Osnabrück wurde bereits 2024 im Abschlussbericht der Uni Osnabrück „Betroffene – Beschuldigte – Kirchenleitung: Sexualisierte Gewalt an Minderjährigen sowie schutz- und hilfebedürftigen Erwachsenen im Bistum Osnabrück seit 1945“ „Fehlverhalten auf allen Ebenen kirchlicher Tätigkeit“ attestiert. Nun ist es zusammen mit dem Bistum Münster, dem Orden der Thuiner Franziskanerinnen, in dessen Umfeld die Christusgemeinschaft in den 1970er Jahren entstanden ist, und der Deutschen Bischofskonferenz Auftraggeber der neuen Studie zu geistlichem Missbrauch.

Diese Studie fußt auf 117 Interviews mit Betroffenen und KirchenvertreterInnen und auf Akten der Bistümer und des Ordens. Und sie weist über die beiden Bistümer hinaus – ist deutschlandweit Vorreiter zu diesem Thema.

Geistlicher Missbrauch wird hier definiert als „der unzulässige und stets von machtförmigen Interessen gesteuerte Über- und Eingriff in das geistliche Leben, in die Spiritualität eines Gegenübers“. Er komme ohne körperliche Übergriffe aus, stelle aber „gleichwohl eine Verletzung nicht nur der persönlichen Integrität, sondern auch der leib-seelischen Gesundheit des Menschen dar“, schreiben die Au­to­r*in­nen der Studie.

Im Kern bestehe der Missbrauch darin, „durch den Einsatz und im Horizont einer geistlichen Doktrin und Spiritualität, Macht über das Gewissen und das Innerste eines Gegenübers zu erlangen“ und darin, „die völlige Selbstaufgabe, Selbstauslieferung und Unterwerfung des Anderen nicht nur zu fordern, sondern auch mit dafür geeigneten Mitteln durchzusetzen“.

Die Studie arbeitet auf, was in der „Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück und der Gemeinschaft „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster ablief, wie geistlicher Missbrauch grundsätzlich entsteht, welche Folgen er hat, welche Ausstiegswege es gibt. Sie zeigt auch konkret, wie die beiden Bistümer mit ihm umgingen.

„Geistliche Gemeinschaften faszinieren nach wie vor viele Menschen“, sagte die Leiterin der Studie, Judith Könemann, am vergangenen Freitag bei der Vorstellung der Studienergebnisse im Münsteraner Schloss. Im Publikum saßen Betroffene und auch hochrangige KirchenvertrerInnen. Entscheidende Anziehungskraft habe das Charisma der Leitungsfiguren gehabt, die für die Mitglieder in vielem Vorbild gewesen seien. „Geistlicher Missbrauch muss sanktionierbarer werden, als Straftatbestand ausgewiesen“, forderte Könemann.

In der Studie berichteten Könemann, Frings und VertreterInnen des Projektsbeirats von schwachen Sanktionen und fehlenden bischöflichen Machtworten, von rigider Normierungspraxis und verpassten Lebenschancen, von Bagatellisierung und Indoktrination, von Beschämung und Toxizität. Fange das Charisma an, Selbstzweck zu sein, statt anderen zu nützen, werde es gefährlich. Geistliche Gemeinschaften seien keine heilen Orte, kein Safe Space.

Bei der Pressekonferenz meldeten sich Betroffene zu Wort. Sagen Dinge wie: „Das ist niederschmetternd. Und was passiert? Nichts!“ Die anwesenden KirchenvertreterInnen schwiegen.

Die Gemeinschaft „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster wurde mittlerweile aufgelöst. Von der „Christusgemeinschaft“, heißt es, existieren noch kleinere Gebetskreise – 20 Jahre hatte im Bistum Osnabrück ein „weitgehend ergebnisloser“ Dialogprozess mit ihr gedauert, so steht es in der Studie.

Das Bistum Osnabrück dürfte durch diese neuen Enthüllungen weiter unter Druck geraten. Umfasste es 2021 noch knapp 532.000 Katholikinnen und Katholiken, waren es 2025 nur noch rund 486.000. Allein in 2022, dem Jahr des Zwischenberichts zu „Betroffene – Beschuldigte – Kirchenleitung“, verließen knapp 10.500 Menschen die katholische Kirche, weit mehr als in den Jahren zuvor. In 2023, 2024 und 2025 blieb die Austrittszahl hoch.

Am 5. Oktober wollen sich die vier Auftraggeber der Studie äußern. In einem gemeinsamen Vorab-Statement, das das Bistum Osnabrück kurz vor der Vorstellung der Studie veröffentlichte, schreiben sie, man bedanke sich bei den Betroffenen für das Teilen ihrer Erlebnisse und Erfahrungen. „Wir sehen ihr Leid und ihren Schmerz. Ihre Verwundungen halten oft ein Leben lang an. Wir müssen alles tun, um solches Leid, um geistlichen Missbrauch in Zukunft zu verhindern.“

Die Verantwortlichen von „Totus tuus Neuevangelisierung“ und der „Christusgemeinschaft“ hätten alle Vorwürfe zurückgewiesen, sagte hingegen Könemann. Zu einem Austausch sei es nicht gekommen.

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Source: taz