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Film „Das geträumte Abenteuer“: Das trübe Gewässer ihrer Heimatstadt
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Es gibt Gesichter, die man nicht müde wird anzuschauen. Gesichter, in die sich das Leben eingeschrieben hat. Knorrige Gesichtszüge, tief in die Haut gegrabene Falten, die Gelassenheit eines milden Lächelns; darin steckt die Erfahrung aus zu viel Erlebtem, als dass man das Interesse an diesen Gesichtern verliert. Allein ihr Anblick auf der Leinwand genügt, um ein Kopfkino in Gang zu setzen.
Zwei solcher Gesichter gehören den bulgarischen Laienschauspieler:innen Yana Radeva und Syuleyman Letifov. Die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach hat sie für ihren neuen Film „Das geträumte Abenteuer“ gecastet, wobei Letifov bereits in ihrem vorangegangenen Film „Western“ (2017) in einer Nebenrolle zu sehen war.
Letifov verkauft eigentlich Autoteile und arbeitet nebenher in einem Steinbruch. Dort hat ihn Grisebach auch entdeckt. Radeva ist gelernte Geologin, war in der Glücksspielbranche tätig und verkauft Kosmetikprodukte.
„Das geträumte Abenteuer“. Regie: Valeska Grisebach. Mit Yana Radeva, Syuleyman Alilov Letifov u.a. Bulgarien/Deutschland/Frankreich/Österreich 2026, 164 Min.
In „Das geträumte Abenteuer“, der dieses Jahr den großen Preis der Jury in Cannes gewann, spielen sie Veska und Said. Beide sind Anfang 60, kennen sich von früher und laufen sich nach Jahrzehnten zufällig in Svilengrad, einer bulgarischen Kleinstadt nahe der türkisch-griechischen Grenze, über den Weg. Veska lebt in Sofia, arbeitet aber als Archäologin gerade an einer nahegelegenen Ausgrabungsstätte.
Said ist aus geschäftlichen Gründen in der Stadt. Genauer gesagt möchte er mit „dem Raben“ (Zhivko Ahopov), einem lokalen Kleinganoven, ein halbseidenes Dieselgeschäft abschließen. Da ihm am helllichten Tag sein VW-Passat (ein perfektes Schmugglerauto, wie ihm später gesagt wird) gestohlen wird, nimmt Veska ihn kurzerhand zu ihrer Ausgrabung an einer Turmruine mit. Später begleitet sie ihn zu seinem Geschäftstermin.
Am nächsten Tag ist Said weg. Er wird erst gegen Ende des Films wieder auftauchen. Vor seinem Verschwinden erkundigte er sich noch nach der Schwester eines Mannes, der vor 30 Jahren ermordet wurde. War zuerst Said im Fokus, übernimmt die Geschichte fortan Veska.
Sie beginnt, nach Hinweisen auf sein Verschwinden zu suchen und begibt sich dabei immer weiter ins trübe Gewässer ihrer Heimatstadt. In der haben staatliche Autoritäten wenig zu sagen.
Veskas Beruf als Archäologin ist zugleich Sinnbild für Grisebachs Ansinnen. In den zweieinhalb Stunden ihres Films legt sie behutsam gesellschaftshistorische Schichten frei, die sich an diesem Ort an der europäischen Außengrenze seit dem Zerfall des Ostblocks überlagert haben.
Nach der Unabhängigkeit Bulgariens kam es zu einem Machtvakuum. Eine Art Goldgräberstimmung setzte ein. Kaum jemand, der damals kein krummes Ding drehte.
Es war aber auch eine „Zeit der Männer“, wie es einmal heißt, die sich einfach nahmen, was sie wollten. Und das waren nicht selten Frauen, die ausgenutzt und missbraucht wurden. Anekdoten erzählen sich die Menschen in Svilengrad mit abgeklärtem Humor: „Wo das Recht endet, beginnt Svilengrad.“
Jene Szenen, wenn die Menschen abends bei zu viel Zigaretten und Schnaps an großen Tischen zusammenkommen, sind herausragend und wirken wie dokumentarische Vignetten aus dem Alltag der Svilengrader. Die Kamera von Bernhard Keller folgt Veska zu diesen ausgedehnten Zusammenkünften wie ein stiller Begleiter.
Bloß vom Traum an eine bessere Zukunft scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Die Stadt wirkt wie ein sich selbst überlassener und vergessener Grenzposten in der kargen und von der Sonne versengten Hügellandschaft.
Valeska Grisebach recherchierte mehrere Jahre für ihren Film, den sie wie ihre vorherigen Spielfilme ausschließlich mit Laien besetzte. Einem ausgearbeiteten Drehbuch folgte sie nicht, ebenso wenig einer klaren Dramaturgie.
Grisebach, deren Filme gerne der Berliner Schule zugerechnet werden, arbeitet nicht nach dem Prinzip der stilisierten Verdichtung, wie es etwa ihr polnischer Kollege Paweł Pawlikowski zuletzt bei „Vaterland“ tat.
Sie folgt vielmehr dem Gegenteil, einem mäandernden Erzählen, das die Zeit regelrecht zerfließen lässt und voller Neugier die Nuancen einfängt, die das Leben in Svilengrad bestimmen. Das Ergebnis ist fordernd, aber zu keinem Moment langatmig. Zu sehr ist der Film der übersehenen und auch tragischen Geschichte seines Schauplatzes verhaftet – ein aus westeuropäischer Perspektive geradezu blinder Fleck.
Bereits in „Western“, in dem deutsche Bauarbeiter an der bulgarisch-griechischen Grenze ein Wasserkraftwerk errichten sollen und mit ihren eigenen Vorurteilen sowie dem Misstrauen der lokalen Bevölkerung konfrontiert sind, spielt Valeska Grisebach mit dem titelgebenden Genre. Das Camp der Bauarbeiter gleicht einem Fort im autochthonen Feindesland.
Lose mit den Merkmalen eines Western- oder Mafiafilms spielend steigt „Das geträumte Abenteuer“ immer weiter in die Unterwelt dieser Grenzregion hinab. Denn der eigentliche Provinzfürst, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, ist ein gewisser Iliya (Stoicho Kostadinov), ein braungebrannter Mann, Typ Macho, mit gebleichten Zähnen und Goldkette um den Hals. Auch ihn kennt Veska von früher, als sie noch in einer Diskothek gearbeitet hat.
Er gehört zu jenen, die im wilden Westen der Neunziger als Sieger hervorgingen und sich nun als Alleinherrscher aufspielen. Während die Häuser Svilengrads langsam auseinanderfallen und leerstehende Gewerbegebäude und Hotels von besseren Tagen erzählen, residiert er in seiner protzigen Villa mit Pool und einem Garten voller Pfauen. Dort feiert er zwielichtige Partys, zu denen seine Laufburschen junge Frauen aus der Gegend locken.
Das Spektakel sucht man in „Das geträumte Abenteuer“ vergeblich. Der Film ist geradezu unspektakulär. Dennoch durchzieht ihn eine subtile Bedrohungslage. Und genau darin liegt der Reiz. Die Stimmung scheint jederzeit kippen zu können.
Etwa, wenn Veska bei einer Abendrunde schnapsgetränkter Männer landet, die unverhohlen ihren Sexismus zur Schau stellen. Von deren Sprüchen lässt sie sich ebenso wenig beeindrucken wie von Iliyas Drohgebärden, als sie seinem Geschäftsgebaren immer stärker in die Quere kommt.
Letztlich wickelt sie Saids Dieselgeschäft ab und liefert den Treibstoff an einen völlig verarmten Bauern. Der wird von Iliya drangsaliert, weil er sich weigert, ihm ein Grundstück zu verkaufen. Das nutzen Iliyas Fußsoldaten für den Menschenschmuggel von der Türkei nach Bulgarien. Nebenbei versucht Veska, eine junge Nachbarin davon abzuhalten, ebenso Opfer sexueller Gewalt zu werden wie schon so viele vor ihr.
Mit Veska lässt Valeska Grisebach (eine auffällige Namensverwandtschaft) eine Frau durch diese Welt aus Kriminalität, Testosteron und Frauenhass wandern. Sie folgt unerschrocken und unbeirrbar ihrem inneren Kompass statt der Gewalt, stets mit einem entwaffnenden Lächeln auf dem Gesicht. Am Ende des Films, der so offen, schlicht und wundersam zugleich ist, fallen geradezu beiläufig Worte, die noch weit über den Abspann hinaus nachhallen: „Ich habe dich vermisst.“
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Source: taz