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Germany · taz · 7h

Die Wahrheit: Dicke Eier, freizügige Weibchen

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Noch nie habe ich so viele weiße Schmetterlinge in Berlin gesehen wie in diesem Jahr. Vielleicht liegt es am Verschwinden der Singvögel, Spatzen gibt es schon kaum noch. Sie werden weniger, weil es immer weniger Insekten gibt, die sie für die Aufzucht ihrer Jungen brauchen. Auf der anderen Seite ermöglicht ihr Verschwinden, dass mehr Insekten überleben. Möglicherweise haben aber auch immer mehr Kleingärtner aufgehört, die Raupen des Kohlweißlings mit Gift zu töten.

Auch die Kleingarten-Kolonien werden immer weniger, sie weichen Neubauprojekten. Eine dritte Möglichkeit für das vermehrte Auftreten der Kohlweißlinge erwähnt der Nabu: Es handelt sich dabei gar nicht um die hier heimischen Großen und Kleinen Kohlweißlinge, sondern um eine südeuropäische Art, den Karstweißling, die sich „erst seit wenigen Jahren bei uns ausbreitet“.

Auf mein-schoener-garten.de heißt es: „Kohlweißlinge erkennen und bekämpfen“. Auf nabu.de dagegen: „Kohlweißlinge erkennen und ansiedeln. Wer im Garten Kohl anpflanzt, kann hoffen, dass hier Kohlweißlinge ihre Eier hinterlassen.“ Das ist ja das Schöne an „Freedom & Democracy“: Jeder kann sagen, was er will. Der Nachteil: Es kommt meist nur Pro oder Contra dabei raus. Tod oder Leben. Und nie, ob zum Beispiel die Seelen verstorbener Menschen in Schmetterlinge übergehen, wie einige indigene Stämme behaupten.

Zur Bekämpfung dieser Seelenretter empfiehlt mein-schoener-garten.de Schutznetze, Mischkulturen, Schlupfwespen. Und statt Insektizide zu versprühen, sollte man lieber die Raupen von den Blättern absammeln. Aber danach besser nicht in den Gemüsegarten des Nachbarn werfen, sondern sie umbringen. Die Raupen des Großen Kohlweißlings haben sich gegen ihre Fressfeinde selbst etwas einfallen lassen: Sie nehmen aus ihren Futterpflanzen die für Vögel ungenießbaren scharfen Senföle auf und schrecken sie darüber hinaus mit ihrer Warnfärbung ab.

Es gibt rund tausend Weißlings-Arten, in Europa leben 51 Arten, wobei man hierzulande meist den Kleinen und den Großen Kohlweißling sieht. Ihre Geschlechter unterscheiden sich: Der Große Kohlweißling hat schwarze Spitzen auf den Vorderflügeln, die Flügel der Weibchen haben zusätzlich zwei schwarze Punkte. Beim Kleinen Kohlweißling hat das Männchen einen grauen Fleck auf der Oberseite der Vorderflügel, während die Weibchen dort zwei ebenso gefärbte Flecken haben.

Beide Weißlingsarten waren vor allem nach dem Krieg gefürchtet, denn damals wurde noch viel Kohl angepflanzt und davon lebten die Raupen der Kohlweißlinge, wie ihr Name bereits sagt. Während unsere Ernährung langsam abwechslungsreicher wurde, geriet den Raupen der Kohlweißlinge die Nahrungsfindung zunehmend schwieriger, denn es wurde immer weniger Kohl angebaut.

Diese Schmetterlinge sind sozusagen Friedens- und Wohlstandsverlierer. Irgendwann haben sie aber die Kurve gekriegt, indem sie auf andere Kreuzblütengewächse und die Große Kapuzinerkresse auswichen. Auf nabu.de heißt es: „Sie können bei Massenauftreten auch größere Kohlfelder kahl fressen, aber meist nagen sie nur an den Kohlblättern, sodass man das Gemüse weiterhin gut essen kann.“

An anderer Stelle schreiben die Naturschützer jedoch: Die Raupen des Großen Kohlweißlings „können innerhalb weniger Wochen einen ganz Kohlkopf verzehren“. Der Kleine Kohlweißling sei dagegen „flexibler, seine Raupen fressen auch an Raps, Ackersenf, Rauke und mehr“. Dennoch gilt er in der Landwirtschaft und im Gemüseanbau als der „bedeutendere Schädling“. Erwähnt sei ferner, dass „die Raupen sehr gesellig“ sind. Dies gelte vor allem für den Großen Kohlweißling, der seine Eier in Gruppen an Blattunterseiten klebt, während der Kleine Kohlweißling seine Eier einzeln ablegt. Beider Raupen häuten sich vier Mal, wobei ihre hellgelbe Grundfärbung jedes Mal etwas dunkler wird.

Die Landwirtschaftskammer von Schleswig-Holstein teilt mit: „In Dithmarschen an der Westküste befindet sich das größte zusammenhängende Kohlanbaugebiet Europas … Neben dem Weißkohl finden sich in geringerem Umfang Flächen mit Rotkohl, Wirsing- und Blumenkohl, auch Rosenkohl und weiteren Kohlarten wie Chinakohl, Brokkoli und Grünkohl sowie ferner Kohlrabi sind dabei.“

Mindestens auf den großen Anbauflächen in Dithmarschen wird man die Raupen der Kohlweißlinge wahrscheinlich mit Gift bekämpfen. Während etliche Schmetterlinge im Erwachsenenstadium keine Nahrung mehr aufnehmen können und auch nur ein paar Tage lang leben, haben die Weißlinge einen Saugrüssel, mit dem sie gern in großen Gruppen an Pfützen Wasser trinken. Daneben ernähren sie sich vom Nektar vieler Blütenpflanzen.

Bei der Metamorphose der kurzlebigen, keine Nahrung mehr aufnehmenden Schmetterlinge mag man sich fragen, ob ihr sehr viel längeres Leben als blattfressende Raupe nicht ihre eigentliche Existenz ausmacht. Als Schmetterling geht es ihnen dann nur noch darum, sich zu verpaaren, danach sterben sie, ähnlich wie auch viele Blüten.

Der Philosoph Theodor Lessing meinte, manche Blume könnte man „als ein festgebanntes Insekt“ bezeichnen – und andersherum „viele Insekten, zumal die Bienen und Schmetterlinge, als frei bewegliche Blumen“.

Die Kohlweißlinge sieht man von März bis in den Spätherbst, es handelt sich dabei jedoch um zwei bis vier Generationen, die sich nacheinander in den acht warmen Monaten paaren und Eier legen, aus denen dann ihre Raupen schlüpfen, wobei die zuletzt geborenen den Winter verpuppt überleben.

Die Zoologin Lucie Cooke behauptet in ihrem Buch „Bitch – Ein revolutionärer Blick auf Sex, Evolution und die Macht des Weiblichen im Tierreich“ (2023): „je größer die Hoden, desto freizügiger die Weibchen“. In Bezug auf das Männchen des Großen Kohlweißlings heißt das: „Es besitzt Hoden, die seinem Appetit auf Kohlpflanzen entsprechen, und der ist enorm. Das Männchen zum Beispiel des Großen Ochsenauges hat dagegen vergleichsweise winzige Hoden. Dies spiegelt die unterschiedlichen Paarungsstrategien der Weibchen wider – diejenigen des Großen Kohlweißlings sind polyandrisch [sie betreiben „Vielmännerei], die Weibchen des Großen Ochsenauges dagegen nicht.“

Hinzugefügt sei: Das Paarungsverhalten des Großen Kohlweißlings beginnt meist in den frühen Morgenstunden, wenn die Männchen auf der Suche nach Weibchen sind – und nicht umgekehrt.

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Source: taz