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Überraschungssieg bei Rad-WM: Wunderbare Funkstille
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Selten wohl wirkte ein Geschlagener so glücklich. Mathieu van der Poel wurde „nur“ Dritter in Montreal. „Nur Dritter“ muss man ja bei einem Athleten sagen, der bereits Weltmeister auf der Straße und auf Gravel wurde und gleich achtmal das Regenbogentrikot im Cyclocross eroberte. Jetzt aber wurde der Niederländer lediglich Dritter, einen Platz schlechter übrigens als bei der WM vor 52 Jahren in der gleichen Stadt sein Großvater Raymond Poulidor. PouPous Enkel lächelte trotzdem. Er war einfach stolz auf sich. „Natürlich hätte ich lieber das Regenbogentrikot geholt“, räumte er ein. „Aber ich bin das Rennen gefahren, das ich fahren wollte“, sagte er dem niederländischen Fernsehen.
Und was für ein Rennen fuhr er! 80 Kilometer vor dem Ziel folgte er einer recht vorwitzig erscheinenden Attacke seines Dauerrivalen auf Schlamm und Asphalt, Wout van Aert. Da mochte man noch denken, die bis auf das Jahr 2011 zurückgehende Rivalität habe ihm für einen Moment die Sinne getrübt.
Es lag jedoch ein großer Plan dahinter. „Ich wollte das Rennen hart gestalten, wollte vor allem den Attacken der Favoriten an der kleinen Rampe voraus sein.“ So nahm er die Einladung seines alten Rivalen dankbar an – und distanzierte diesen nur zehn Kilometer später.
Gewonnen hat er dennoch nicht, weil hinter ihm die anderen Mitfavoriten partout nicht aufgeben wollten. Die waren zwar weitgehend auf sich allein gestellt, was die Verfolgungsjagd noch eindrucksvoller machte.
Nicht auf sich allein gestellt war der spätere Sieger McNulty. Gleich drei US-Amerikaner kamen in die Top 10. Und sie harmonierten auch prächtig. McNulty kamen zudem seine Ortskenntnis und das Streckenprofil zugute. Selbst hatte er das Eintagesrennen in Montreal 2025 gewonnen. Der frühere Juniorenweltmeister im Zeitfahren hatte für die mehr als 30 Kilometer lange Alleinfahrt auch noch die perfekten Beine.
Entgegen kam ihm als Außenseiter zudem der Übermut in den Reihen der französischen Equipe. Die wollte für ihren Jungstar Paul Seixas das gut 273 Kilometer lange Rennen schon von Beginn an schwer machen und fuhr mit enormem Tempo viele Helfer anderer Teams aus den Schuhen. Allerdings zogen sich Seixas’ Helfer damit auch selbst den Stecker. Früh schon war kein taktisches Reagieren mehr möglich. Seixas musste selbst mächtig arbeiten. Am Ende bezahlte er dies mit Krämpfen.
Dass es so wild zuging, dass auch das hoch favorisierte belgische Team in einigen Rennsituationen nicht souverän wirkte, lag auch am fehlenden Funk. Van der Poel, aktivster Fahrer des WM-Rennens, genoss es sichtlich. „Das ist das Beste überhaupt: Rennen ohne Ohrstöpsel. Das sorgt immer für die spannendsten Rennen. Dann muss man wirklich instinktiv fahren und genau das mache ich am liebsten“, frohlockte er.
Was neben den Ohrstöpseln ebenfalls fehlte, und angesichts des hoch spannenden Rennens wohl nur von wenigen ehrlichen Herzens vermisst wurde, war der große Dominator des Radsports. Tadej Pogačar war verletzungsbedingt nicht am Start. Ersticken sonst die natürlich auch sehr epochalen Solofluchten des Slowenen jeglichen Initiativgeist bei der Konkurrenz im Keime, so konnten sich jetzt alle Kräfte frei entfalten. Die Franzosen spielten ihren Part mit Seixas.
Van Aerts Vorstoß war eher eine Verzweiflungstat. Früh hatte Co-Kapitän Remco Evenepoel sein Unwohlsein eingestanden. „Ich war heute einfach nicht gut genug. Blöd, dass das ausgerechnet an solch einem Tag passiert“, resümierte Evenepoel.
Überhaupt war das Verhalten vor den Mikrofonen ein exaktes Abbild des Rennens: Hart, direkt, ohne Schnörkel und Ausflüchte. Man wünscht sich mehr Rennen ohne Funk – und einen Tadej Pogačar, der nach seiner Genesung zum Wohle des Radsports die anderen mehr gewähren lässt.
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Source: taz