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Ausstellung, Buch und Queeres Leben: Sich von Arschlöchern nicht kleinkriegen lassen
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E s ist eine gute Idee, wenn Ausstellungshäuser beziehungsweise deren kuratorische Teams den Blick auch einmal auf ihr nächstes Umfeld richten und sich trauen, lokale Themen und eben auch lokale Protagonisten in den Fokus zu rücken. Sonst wäre dieses beachtlich umfangreiche fotografische Werk von Tony Rizzi wohl bis auf Weiteres in den Kisten des Frankfurter Tänzers vergessen worden.
Als Fotograf hat er zwar immer wieder ausgestellt, aber seltener institutionell, doch oft in seiner eigenen Wohnung. Dort bewunderte auch Celina Lunsford, Direktorin des Fotografie Forum Frankfurt, regelmäßig die mit Polaroid zugepflasterten Wände. Schon lange verabredeten beide, eine Ausstellung zu realisieren. Kurz nach Rizzis 60. Geburtstag hat es nun geklappt.
Katharina Cichosch, freie Kunstkritikerin, lebt in Frankfurt am Main.
„Work Hard, Don’t Lie and Try Not to Hurt Anybody“ ist die Soloschau im Fotografie Forum überschrieben, nach einer Notiz, die sich der damals 20-jährige Amerikaner zum Umzug in die Stadt am Main ins Tagebuch schrieb. Hier tanzte er für William Forsythes Frankfurt Ballett, heute produziert Rizzi eigene Stücke.
Bei Tony Rizzi ist nicht alles Tanz, Drag oder Ballett. Aber vieles sieht der Tänzer mit dem Blick eines Menschen, der immer in Bewegung ist. Und so werden aus vielen einzelnen Polaroids schließlich große Bildcollagen. Oder aus einer kurzen Digitalvideoaufnahme tanzende Bäume.
Die Fotografie erfülle, was Tanzen allein nicht konnte, sagt Rizzi. Manche Arbeit, die er schon als Preteenager anfertigte, sind nicht jugendfrei. Das eigene Begehren spielt eine Schlüsselrolle in seiner Schau. Aber es richtet sich, so Rizzi, nicht nur an andere Männer, auch an Frauen, Freundinnen und Freunde, Familie in den USA, Orte oder Dinge.
Tony Rizzis Ausstellung läuft bis 17. Januar 2027 im Fotografie Forum Frankfurt am Main
Robert Schittkos Buch, „The Stories of Marmara“, ist bei KRAUTin erschienen
Toll verbindet die Ausstellung Stadt- und persönlichste Biografie. Einer legendären Frankfurterin widmet der Fotograf eine größere Arbeit: Hannelore Kraus, die mit ihrem vehementen Widerstand gegen das Campanile-Hochhaus bekannt geworden ist. Sie war Rizzis Vermieterin.
Viele Millionen schlug sie aus, Bedrohungen ignorierte sie. Man dürfe sich von Arschlöchern nicht kleinkriegen lassen, gab sie Tony Rizzi mit auf den Weg. Rizzi porträtiert Kraus vor ihrem Haus, der Frankfurter Trutzburg, mitsamt der Umgebung, die sie zu schützen antrat.
Von Frankfurt nach Istanbul ging Robert Schittko im letzten Jahr, und seine Arbeit erfährt dieser Tage eine politische Aktualisierung. Mit einem Stipendium war der Fotograf und Künstler an den Bosporus gereist, wo er sich dem queeren Leben in der Stadt widmen wollte. Daraus wurde erst nichts. Und dann auf ungeplante Weise mehr, als er sich vorgenommen hatte.
„Alles fast normal, aber überall sehe ich Gitter und Polizei“, beginnt Schittko seine Aufzeichnungen. Da ist gerade TransPride in der Stadt; eine mühsam errungene, fragile Sichtbarkeit. Neben Keramika, Zeichnungen und Fotografien hat der Frankfurter solche Texte aus Istanbul mitgebracht, die jetzt in Buchform erschienen sind.
„The Stories of Marmara“ funktioniert als beiläufige, persönliche Annäherung an die Stadt, in der „alle unter demselben Druck stehen“, wie Schittko beobachtet hat. Ökonomisch und gesellschaftlich dem Rhythmus einer Riesenmetropole unterworfen.
Und doch stehen ihre queeren Bewohner*innen unter einem ganz eigenen Geheimhaltungszwang, dem Abwägen zwischen Verstecken oder Offenbaren. Einige von ihnen hat Schittko mit dem Blick eines Freundes porträtiert. Ihre Fotografien befinden sich zwischen den Beobachtungen, ihrerseits den Verhältnissen trotzend. Bloß, weil sie da sind.
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Source: taz