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Ausstellung über jüdische Kunstsammler: Rekonstruktion eines Mosaiks

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Sie waren so schnell und kalt zerstört – und so mühsam wieder zusammenzubringen: Mehrere Jahre haben die KuratorInnen des Hamburger Bucerius Kunst Forums gebraucht, um Sammlungen jener Familien vor 1945 zu rekonstruieren, die vom NS-Regime ausgegrenzt, enteignet und beraubt wurden.

Für die Schau „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunst­samm­le­r:in­nen in Deutschland“ haben Bucerius-Direktorin Katrin Baumstark und der Journalist Stefan Koldehoff Gemälde, Grafiken und Skulpturen von 15 eher unbekannten Sammlerfamilien ausfindig gemacht und herangeholt.

Da es hunderte Sammlungen gab, hat man ein neutrales geografisches Kriterium gewählt und einen biografischen Parcours von Hamburg über Berlin, Köln, Stuttgart bis ins damals deutsche Breslau erstellt. Nicht alle, aber viele Mitglieder dieser Bankiers- und Unternehmerfamilien konnten durch den Verkauf von Bildern ihre Flucht finanzieren und überlebten die Schoah im Exil.

„Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunst­samm­le­r:in­nen in Deutschland.“ Bucerius Kunst Forum, Hamburg, bis 29. März 2027. Katalog (Hirmer Verlag): 45 Euro

Allerdings mussten sie unter finanziellem und politischem Druck stark unter Wert verkaufen. Weitere Werke wurden vom NS-Regime konfisziert, etwa für die Privatsammlungen von Adolf Hitler und anderen NS-Granden. Das geschah teils in letzter Minute aus den als Liftvans bezeichneten Seekisten heraus, die den Geflüchteten ins Exil nachreisen sollten.

Wer damals verkaufte und kaufte, wusste Bescheid: „Nichtarischer Besitz“ musste seit 1934 in den Auktionskatalogen stehen; alle Beteiligten kannten also die Herkunft der Werke. Die zerstreuten sich weltweit. Als Überlebende und Nachfahren zurückkehrten oder aus dem Exil anfragten, fanden sie oft nichts vor oder wurden mit Ausflüchten abgespeist.

Aus dieser Zerstreuung hat das Bucerius Kunst Forum rund 100 Artefakte nach Hamburg geholt. Aus deutschen Sammlungen, aber auch aus Japan, den USA, Kanada, Großbritannien, Schweden, der Schweiz sind Werke gekommen, als spiegelten sie Flucht und temporäre Rückkehr ihrer Eigner.

Da diese Familien in den 1920er Jahren meist progressiv sammelten, ist in Hamburg eine Schau exquisiter, selten gezeigter Werke entstanden. Sie reichen von Vincent van Goghs „Mädchen mit zerzaustem Haar“ über sinnlich blaue Landschaften Ferdinand Hodlers bis zu Paula Modersohn-Beckers einzigem Selbstbildnis mit Pinsel. Schmerzhaft nah wirkt Edvard Munchs „Alter Fischer mit Tochter“; George Braques „Strand von Dieppe“ geht im Wortsinn der Leinwand auf den Grund.

Jeder Sammlerfamilie ist ein eigener Raum gewidmet, ergänzt um ausführliche Biografien. Das ist wichtig, denn diese Schau dient auch der Wiederverbindung der Bilder mit ihren Eigentümern. Sie versucht die Rekonstruktion eines Mosaiks, das vom NS-Regime zerschlagen worden war. Denn Kunst sammeln heißt: mit Bildern leben, in ihnen Heimat finden. Sie zum Teil der eigenen Biografie, zu Gefährten machen, von denen man sich ungern trennt.

Die Familien seien dankbar gewesen, als man ihr Einverständnis erbat, sagt Koldehoff. „Sie haben sich gefreut, dass sich jemand ihrer Vorfahren erinnert.“ In der Tat ist Maeva Emden, Urenkelin des Hamburger Kaufhausketten-Besitzers, Kunstsammlers und Mäzens Max Emden, sehr gerührt, die Bilder ihres Urgroßvaters jetzt in dessen Heimatstadt Hamburg vereint zu sehen.

Max Emden emigrierte 1933 in die Schweiz. In den Folgejahren beschlagnahmte das NS-Regime Grundstücke und Vermögen, nötigte ihn zu Zwangsverkäufen. Unter finanziellem Druck verkaufte Emden daraufhin einige der ins Exil geretteten Kunstwerke. Nach seinem Tod 1940 wurde seinem Sohn vom NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zur Finanzierung seiner Flucht nach Südamerika war er gezwungen, weitere Objekte zu veräußern.

Max Emdens in Chile aufgewachsene Urenkelin Maeva Emden kam in den 1990ern zum Studium nach Deutschland. Sie lebt seit 15 Jahren in Hamburg. Wie andere Sammlerfamilien kämpfen die Emdens seit Jahrzehnten um Restitution, mit Teilerfolgen. In Emdens Fall argumentierte man lange, er sei, da zum Protestantismus konvertiert, kein Jude gewesen.

Dabei war bekannt, dass ihn das NS-Regime als Juden gegängelt hatte. Weiter hieß es, die Bilder seien aus der „sicheren Schweiz“ heraus verkauft worden. „Wir müssen also nachweisen, dass es eine durch das NS-Regime verursachte Notlage war“, sagt Maeva Emden. „Außerdem ist mein Großvater in der Schweiz von der Gestapo bedroht worden – so sicher war sie also nicht.“ Dabei ist ihr stets bewusst, „dass es ein Privileg war, so die Flucht finanzieren und überleben zu können. Sechs Millionen andere Schoah-Opfer hatten diese Chance nicht.“

Für die Emdens brachte dann der Film „Leben ist auch eine Kunst“ über Max Emdens Leben 2018 Bewegung in die Forderung nach Restitution zweier Gemälde des Venezianers Bernardo Bellotto, bekannter als Canaletto. „15 Jahre haben wir darum gekämpft, aber die Bundesregierung weigerte sich, der zuständigen Beratenden Kommission beizutreten“, sagt Maeva Emden. Erst 2019 wurden die Bilder restituiert.

Die Sammlung des Schweizer Rüstungsfabrikanten und NS-Profiteurs Emil Georg Bührle dagegen, seit 2021 im öffentlich finanzierten Kunsthaus Zürich ansässig, weigert sich, Claude Monets „Mohnfeld bei Vétheuil“ zurückzugeben. Man sei damals kein NS-Staat gewesen und nicht zuständig, so das Argument.

Dabei hat auch die Schweiz 1998 die „Washingtoner Erklärung“ unterschrieben und sich verpflichtet, „NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke zu identifizieren und gerechte und faire Lösungen mit den Ei­gen­tü­me­r:in­nen oder ihren Erbinnen und Erben zu finden“. Ähnlich zögerlich geht Hamburgs Senat mit dem geraubten Immobilienvermögen der Emdens um.

Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) begründete die Weigerung, über eine Rückgabe der Grundstücke auch nur zu verhandeln, mit Verweis auf ein Wiedergutmachungsverfahren der 1950er Jahre. Das sei schließlich abgeschlossen. „Wir als Familie haben das Verfahren nie eingestellt“, sagt Maeva Emden.

Wie ihr erging es vielen Familien, hängen im Essener Museum Folkwang doch bis heute ungeklärte Werke der Sammlung Hirschland; erst jüngst hat hier die Provenienzforschung begonnen. Frankfurts Städelsches Kunstinstitut wiederum deklarierte sechs geliehene Bilder der Sammlung Nathan den Erben gegenüber zunächst als „Schenkung“. Inzwischen gab es einen Vergleich.

Weiterhin anhängig ist die Restitutionsforderung der Sammlerfamilie Lessing nach Lovis Corinths Stillleben „Bunte Wicken und Rosen“. Das Sprengel Museum Hannover bezweifelt trotz eidesstattlicher Erklärung der Nachfahren die Besitzverhältnisse. Dennoch hat man das Bild für die Hamburger Schau ausgeliehen.

Übrigens konnten nicht alle SammlerInnen wohlhabend im Exil weiterleben. Rosa Schapire, die 1904 als eine der ersten Frauen in Kunstgeschichte promovierte, förderte als Rezensentin maßgeblich die „Brücke“ und insbesondere Karl Schmidt-Rottluff.

Mittellos floh sie 1939 nach London, nahm – keiner weiß, wie – etliche Werke mit. Gestorben ist sie 1954 in London, in der ersten, von ihr organisierten Schmidt-Rottluff-Ausstellung Großbritanniens. Deren zentrales Porträt ist derzeit anderweitig verliehen, soll aber ab November die Hamburger Schau bereichern.

Wobei nicht alle Museen und Sammler bereit waren, Bilder für eine Ausstellung zu diesem Thema zu geben. „Einige sagten, sie wollten keine schlafenden Hunde wecken“, sagt Kuratorin Baumstark. Man fürchtete wohl Rückgabeforderungen.

Dabei ist dies gar keine Ausstellung über Restitution. Sie klagt nicht an, sondern zeigt, ohne die Tragik zu leugnen, die Kulturleistung dieser Sammler und die Lücke, die sie hinterließen. Und in einer Ausstellung den Blick auf diese Werke und ihre einstigen Besitzer zu wenden – das ist erstmalig und neu. Es berührt einen, inmitten all dieser Bilder und Biografien stehend, ganz unmittelbar.

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Source: taz