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Amateurvereine im DFB: Im Schatten des Strahlemanns an der Spitze
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Wohl kaum jemandem im deutschen Fußball gelingt es so wie Jürgen Klopp, Begeisterung zu schüren. Das ist nicht erst seit der Pressekonferenz zur Kadernominierung für die ersten Länderspiele unter seiner Ägide zu spüren. Klopp versucht bei allen seinen Auftritten mit viel Verve, die sportlich drögen Monate unter seinem Vorgänger Julian Nagelsmann vergessen zu machen. Und dafür zieht Klopp alle Register – mit großen Worten und einer symbolhaften Kappe des Ausrüsters, die er wie eine Dienstmütze trägt, wenn er bei den Spielen an der Linie steht.
Die großen Worte wählt Klopp nicht umsonst: Seine Mannschaft soll, so der frühere Liverpool-Trainer, dazu beitragen, wieder ein Wir-Gefühl zu schaffen und mittels des Fußballs das Land zu versöhnen. Mit dem Rassismus, der Teilen der Mannschaft entgegenschlug, nachdem sie das Nations-League-Spiel gegen Griechenland verloren hatte, will er sich gar nicht erst befassen. Dafür will er „die Fahne zurückholen“, wie er sagte. Symbolhaft für diese Idee steht die schwarze Kappe mit der Aufschrift „Einer von 83 Millionen“.
Über ein gesellschaftliches Feld, für das der Deutsche Fußball-Bund als sein Arbeitgeber ebenfalls Verantwortung trägt und in dem viele dieser 83 Millionen Menschen aktiv sind, hat Klopp seit Amtsantritt kein einziges Wort verloren. Gemeint ist der Amateurfußball mit seinen fast 24.000 unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes organisierten Vereinen und ihren mehr als 8 Millionen Mitgliedern. Sie stehen in ihrem Kluballtag vor Problemen wie maroder sportlicher Infrastruktur, immer weniger aktiven Ehrenamtlichen und immer höheren bürokratischen Hürden.
Auch deswegen ist die Wahrnehmung des größten Sportfachverbandes der Welt an der Basis seit Längerem ohnehin eher negativ. Daran dürfte sich auch mit Klopp als Leitstern des deutschen Elitefußballs nicht viel ändern. Denn da ist ein Ungleichgewicht, das oft übersehen wird. Wenn sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Verbandszentrale in Frankfurt am Main konzentriert, geht schnell mal unter, was sich auf den unzähligen Sportplätzen des Landes abspielt.
Der 180 Millionen Euro teure Neubau des Campus, wie der DFB seine Zentrale nennt, millionenschwere Abfindungen für Nagelsmann und sein Trainerteam und eine mutmaßliche Spende von einer Million Euro an die Stiftung von Klopps ehemaligem Arbeitgeber Red Bull – allein das Jonglieren mit solchen Geldbeiträgen löst bei Vereinsvertreterinnen und Vereinsvertretern Schulterzucken aus. Die taz hat sich bei einigen von ihnen umgehört.
„In Frankfurt spielt Geld überhaupt keine Rolle, während wir hier um jeden Sportplatz kämpfen müssen und Umkleidekabinen seit Jahrzehnten nicht saniert wurden“, sagt Stephanie Hannemann, verantwortlich für den Mädchenfußball beim TuS Weitefeld-Langenbach im Rheinland. Sie ergänzt: „Ein Miteinander und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe findet mit dem DFB nicht statt. Dabei geht es nicht mal immer um Geld, denn damit kann der Verband auch nicht alles lösen.“
Tim Frohwein, Soziologe und Amateurfußball-Experte aus München, teilt diese Auffassung: „Zwischen dem Amateur- und Profifußball klafft eine große Lücke. Was an der Spitze passiert, insbesondere wenn es um viel Geld geht, lässt sich an der Basis kaum noch vermitteln.“ Frohwein betont: „Viele Leute im Amateurfußball sind frustriert, weil beim DFB nicht mehr gesehen wird, was sie leisten.“
Anerkennung und Wertschätzung – damit könne der DFB viel zurückgewinnen, betonen sowohl Hannemann als auch Frohwein. „Plakate, Kommunikationskampagnen und Aktionstage sind schön und gut, der DFB müsste die Interessen des Amateurfußballs in der Praxis aber stärker vertreten“, kritisiert Hannemann.
Für Frohwein dürfe Anerkennung nicht nur eine „Gala sein, bei der ein paar Ehrenamtliche ausgezeichnet werden“. Der DFB müsse zeigen, dass er „die Leute wirklich dabeihaben“ möchte, um „gemeinsam an Problemen und Herausforderungen zu arbeiten und zu sagen, wir sehen, was ihr tut und wir finden es gut“. Für ihn steht fest: „Der deutsche Amateurfußball hat enorm viel Potenzial. Das betrifft vor allem gesellschaftliche Funktionen, wenn es zum Beispiel um die Integration von Kindern und Jugendlichen geht. Die Vereine brauchen vor Ort allerdings konkrete Unterstützung, zum Beispiel durch Sportsozialarbeiter, weil sonst dieses Potenzial nicht gehoben werden kann.“
Younis Kamil, promovierter Sportwissenschaftler und erster Vorsitzender beim ISC AlHilal Bonn, betont, dass der DFB aber auch in Schutz genommen werden müsse, weil Landes- und Regionalverbände hier mindestens genauso viel Verantwortung tragen würden. Dennoch sagt er: „In der äußeren Wahrnehmung geht es beim DFB zu viel um Leistungsfußball und zu wenig um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gewinnen und Verlieren sind nur Teile dessen, was der DFB in seiner Satzung als Aufgabe definiert hat. Die guten und wichtigen Schritte im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung werden nicht ausreichend reichweitenstark kommuniziert.“
Der Campus in Frankfurt stehe stellvertretend für diese Entwicklung der Elitenförderung. Kamil kann daher nachvollziehen, dass der DFB als entrückt wahrgenommen werden kann. „Das passt zum gesellschaftlichen Klima, denn auch in der Politik sind ‚Die da oben‘ anscheinend weit entfernt von der Realität der Menschen“, sagt er.
Von dort aus möchte Jürgen Klopp fortan im deutschen Fußball die Richtung vorgeben und als einer von 83 Millionen Deutschen „die Fahne zurückholen“. Doch wenn der Fußball tatsächlich einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten soll, reicht der Blick auf die Nationalmannschaft nicht aus.
Während das DFB-Team die ersten vier Länderspiele unter seinem neuen Übungsleiter absolviert hat, haben Tausende Ehrenamtliche auf den Sportplätzen und in den Vereinsheimen des Landes Arbeit geleistet, um den Amateurfußball am Laufen zu halten – allerdings unentgeltlich, nicht vor dem Fernsehpublikum und ohne schwarze Kappe des DFB-Ausrüsters. Die gibt’s am November für 30 Euro zu kaufen. Der Amateurfußball wird davon nicht profitieren.
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Source: taz