Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Abenteuer-Content auf Social Media: Der Streamer auf dem Strommast und der Tod der Subkultur

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A ls ein Freund auf einen Strommast kletterte, um oben jemanden zu tätowieren und davon ein Reel bei Instagram hochzuladen, dachte ich mir nur: Okay, bitte bleib am Leben! Er ist Tätowierer, braucht Kund:innen, und die erreicht man nicht mehr mit dem größten Zeichentalent, sondern mit dem besten Content.

Parasoziale Beziehung aufbauen als Geschäftsmodell, ergibt ja Sinn und ich kann’s ihm nicht verübeln. In einem Teil des Tattoo-Games bedeutet das auch: Wer die krasseste Aktion durchzieht (und dokumentiert), den will man kennenlernen, und von dem lässt sich am Ende auch was stechen.

Weil das viele so machen, müssen die Aktionen immer krasser werden, um aufzufallen. Viele kreative Ein­zel­kämp­fe­r:in­nen sind zu Content-Creatorn geworden. Oft geht es um Inhalte, die von Subkulturen und Grenzerfahrungen erzählen. Maskierte, die mit dem Güterzug durch Marokko fahren, eine U-Bahn in Mexiko besprühen, Tunnel erforschen.

Es geht ums Ästhetisieren des Abenteuers in einer Zeit, in der man eh überall hin kann, wenn man genug Geld hat. Womit wir bei der zweiten Person auf dem Mast sind: irungrid. Dessen Nische ist es, auf diese Masten zu klettern. Dafür folgen ihm 180.000 Leute.

Subkulturen und radikale Hobbys differenzieren sich auf der einen Seite immer weiter aus, werden auf der anderen Seite durchkommerzialisiert. Durch die Menge an Content, den unendlichen Stream der Grenzüberschreitungen, werden diese Ästhetiken ihres subversiven Potenzials beraubt.

Diese Videos sind vor allem bei Youtube monetarisiert, sie bewerben Produkte. Typen, die sich in Reels mit Berliner Subkultur schmücken, arbeiten als Location-Scout für ultrakommerzielle Pop-Rap-Artists wie Ski Aggu oder Paul von 01099.

Urbexer („urbane Explorer“) vermarkten auf ihren Kanälen die Praxis der temporären Besetzung, aber außer dem besten Shot für Reichweite bleibt davon nichts – es gibt keine politische Idee. Das sind nicht unbedingt Linke, die da Widerständigkeit cosplayen, denke ich mir und klicke weiter.

Andererseits: Dass jetzt alle von zu Hause aus an den Abenteuern teilhaben können, ist auf eine Art inklusiv. Man braucht nicht mehr unbedingt (meist männliche) Mentoren im Real Life, muss nur genug Videos von Urbexer Shiey (knapp 3 Millionen Follower allein bei Youtube) schauen, um zu checken, wie’s geht. Das kann Frauen in Subkulturen und männerdominierten Nischenhobbys von Graffiti bis Freight-Hopping bestärken – und das ist der einzig positive Aspekt der Contentisierung von subkulturellem Geheimwissen und Extremen im Feed.

Bekannte, die seit Jahren auf Güterzügen durch die Welt fahren und sehr sorgsam damit umgehen, was sie nach außen tragen, nervt das. Nicht die Diversität, sondern die digitale Ausschlachtung.

Denn es gibt neben denen, die mit Social Media und Brand Deals abcashen auch noch eine andere Welt: eine klandestine, in der Zines gedruckt und hin und her gereicht, Anekdoten erzählt werden. Eine Offline-Welt abseits des Streams, exklusiv, aber antikommerziell. Es geht um den Moment, nicht um das Produkt.

Wer aus einer Mischung aus Geltungsdrang und Sündenstolz jedes auch illegale „Abenteuer“ nach außen trägt, verrät das letzte Geheimnis, zeigt den letzten Lost Place. Der endlose Feed der krassen Selbstdarstellung ist ein trauriges Symptom des Kapitalismus. Wer Zeit und Geld in subversive Hobbys steckt, kann ohne die Anerkennung und das Andocken an kommerzielle Verwertung schwer leben.

Ich warte auf die Implosion: Abenteuer als Kategorie raus aus den Feeds! Vielleicht entwickeln sich dann auch wieder subversive Ideen statt nur Contentpläne. Ich bin jetzt schon gelangweilt.

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Source: taz