Faultline Faultline Kommando 161

World · taz · · 1h

1.682 Tage Krieg in der Ukraine: Wie man eine „Drohnensafari“ überleben kann

Deutsch (original) · Read in English ⇄

I n der Ukraine werden Schulungen für Medienschaffende, die unter den Bedingungen eines modernen Krieges arbeiten, zunehmend beliebter. Das Schlüsselwort hierbei ist „modern“. Denn in entsprechenden Kursen der EU wird man ihnen kaum beibringen, wie man sich vor Drohnen schützt. Das Trainingsprogramm„Hostile Environment Awareness Training + drones“ der NGO 2402 Foundation hingegen habe ich bereits mehrmals mitgemacht. Und jedes Mal lerne ich etwas Neues dazu.

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

Wie verhält man sich bei potenzieller Gefahr?

Der effektivste und gleichzeitig sinnloseste Rat von Soldaten lautet: nicht dorthin gehen, wo es gefährlich ist. Aber das ist natürlich letztendlich Teil unserer journalistischen Arbeit, denn wir können ja nicht ganz aufhören, nach Kramatorsk, Charkiw oder Cherson zu fahren.

Deshalb lautet die erste Sicherheitsregel: Nicht auffallen! Also zum Beispiel keine Militärkleidung tragen – obwohl nicht wenige Journalisten gerne wie Rambo aussehen möchten. Auch die Aufschrift „Presse“ auf dem Auto oder der Kleidung ist zu vermeiden, obwohl das eigentlich internationaler Standard ist, um den zivilen Status eines Medienmitarbeiters zu unterstreichen. Aber die Russen interessieren sich nicht für diesen „zivilen Status“: Journalisten an der Front werden nicht selten gerade wegen dieser Kennzeichnung getötet. Deshalb sollte man die Schutzweste besser unter einer Jacke oder einem Hemd verstecken.

Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Ja, und dann natürlich das Auto. Auf keinen Fall irgendwelche weißen, roten, tarnfarbenen oder gepanzerten Geländewagen. In der Ukraine gibt es bereits informelle Verleihe, wo man einen zwanzig Jahren alten Kombi für Fahrten in gefährliche Gebiete mieten kann. Je kleiner ein Wagen ist und je schlechter er aussieht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er zum Ziel einer FPV-Drohne wird.

Im Training haben wir gelernt, wie man unterschiedliche Drohnendetektoren bedient. Sie empfangen das Signal der Drohnenkamera und zeigen auf dem Display genau das, was auch der Drohnenpilot sieht. Sieht man sein eigenes Fahrzeug, ist man im Visier der Drohne. Leider erkennen die Detektoren keine Glasfaserdrohnen. Deshalb muss man den Himmel an der Front nach alter Manier zusätzlich mit natürlichen Detektoren überwachen – mit Augen und Ohren. Und man darf die „Lauerdrohnen“ nicht vergessen, die auf der Straße auf einen warten und im richtigen Moment abheben können.

Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.

Wie sichert man sich ab, wenn die Drohne schon nah ist?

Auf der Autobahn kann man versuchen, mit einer Geschwindigkeit von über 160 km/h zu fliehen. Ist das nicht möglich, sollte man das Auto verlassen und schnellstmöglich den nächsten Unterschlupf suchen: einen Keller, eine Schlucht oder auch ein Gebüsch.

Während der Schulung gab es folgende Simulation: Man geht durch eine Stadt, mit schwerer Schutzweste und Helm. Dabei wird man von einer Drohne gejagt. Wir konnten miterleben, wie der Ausbilder diese Drohne steuerte. Wie ein echter Drohnenjäger, der in einen Rausch geriet, schrie er: „Da hat er sich gezeigt! Er rennt, er rennt!“, und verfolgte die Teilnehmer. Die meisten von uns wurden quasi „getötet“.

Ich bin dankbar für diese harte Schule. Denn schon bei meiner nächsten Reise in den Donbas kreisten echte Drohnen über uns. Einmal passierte das sogar während eines Interviews, und wir mussten uns in einen mobilen Schutzraum zurückziehen. Ein anderes Mal kletterten wir tiefer in die Büsche und versuchten, uns der Umgebung anzupassen. Das Wichtigste ist: Wir sind am Leben geblieben.

Im Gegensatz zu Militärangehörigen dürfen übrigens Journalisten gemäß internationalen Vorschriften keine Waffen verwenden. Ein Journalist muss als unparteiischer Beobachter wahrgenommen werden und nicht als bewaffneter Konfliktteilnehmer. Wenn man sich unter einem Busch vor einer angreifenden Drohne versteckt, fragt man sich allerdings unweigerlich: Sollten einige Regeln vielleicht einmal neu überdacht werden?

Read the full story at the source

Source: taz