Faultline Faultline Kommando 161

Germany · Perspektive Online · · 1h

25 Jahre Afghanistankrieg: Ernüchternde Bilanz der Besatzung

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Fast 20 Jahre waren NATO-Soldat:innen als Besatzer in Afghanistan, um das Land dann ebenso arm wie zuvor zu verlassen. – Ein Kommentar von Paul Gerber.

25 Jahre liegt der Beginn der NATO-Invasion in Afghanistan nun zurück. Die Taliban – ursprünglich durch die NATO von der Macht verdrängt – haben vor gut fünf Jahren die Macht im ganzen Land zurückerobert. Der erneute Machtantritt der islamisch-fundamentalistischen Bewegung im Land traf dabei so direkt mit dem Truppenabzug der NATO zusammen, dass unweigerlich offensichtlich wurde, wie sehr die „demokratische“ Regierung in Afghanistan bis zuletzt eine militärisch, politisch und wirtschaftlich vollkommen von den Besatzern abhängige geblieben war.

In der Tat: Nachdem sich der Schrecken über die Demütigung des Westens am Hindukusch gelegt hatte und die Krokodilstränen über alle Afghan:innen, die man mit den Taliban alleinließ, versiegt waren, wurde es ruhiger in der Berichterstattung.. Tatsächlich befindet sich das Land aber seit der zweiten Jahreshälfte 2021 permanent in einer Hungersnot, die mehr oder weniger akut wird. Im letzten Jahr schwanken die Angaben über die Zahl derjenigen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen wären, um sich ausreichend ernähren zu können, zwischen 10 und 20 Millionen – also etwa ein bis zwei Fünftel der afghanischen Bevölkerung.

Auf den ersten Blick legt nahe, das Land sei gerade durch den Abzug der NATO-Truppen beziehungsweise durch die Regierungspolitik der Taliban in eine derart scharfe ökonomische Krise geraten. Doch viel mehr als das entlarvt die aktuelle Situation die Lügen, die die NATO-Staaten, allen voran auch Deutschland, jahrzehntelang über den eigenen Einsatz in Afghanistan verbreitet haben.

Die Taliban selbst konnten sich 2021 bei der Rechtfertigung der desaströsen Ernährungslage und der bitteren Armut im Land auf Faktoren berufen, die außerhalb ihrer Macht lägen. Dazu gehörten die Corona-Krise mitsamt der damals durch Spekulation in die Höhe getriebenen Getreidepreise, eine schwere Dürre, die durch die USA eingefrorenen Vermögenswerte des afghanischen Staates sowie bis heute die schrittweise Kürzung der humanitären Hilfsleistungen im Laufe der letzten fünf Jahre.

25 Jahre 11. September – 25 Jahre Krieg und Terror

Die Lüge vom wirtschaftlichen Aufbau

Die NATO-Staaten hingegen müssten sich die Frage gefallen lassen, ob es ihnen in 20 Jahren Besatzung tatsächlich gelungen ist, das Land wirtschaftlich und politisch zu stärken, so dass es auf eigenen Füßen stehen kann. Zumindest das war ja stets der verkündete Anspruch. Die Realität nach der überhasteten Flucht aus dem Land legt vielmehr das Gegenteil nahe.

Nicht nur politisch und militärisch waren die afghanischen Regierungen nicht mehr als ein Anhängsel der NATO, sondern das Land war auch ökonomisch stark von Krediten, Investitionen und humanitären Hilfsleistungen aus eben diesen Ländern angewiesen. Und folgerichtig brach die Wirtschaftsleistung des Landes nach dem Ende des Krieges um etwa ein Viertel ein.

Es gehört zum unverwechselbaren Zynismus moderner imperialistischer Politik, der hungernden Bevölkerung solange die gröbste Not zu lindern, wie es konkreten politischen Zielen und Interessen dienlich ist. Beispielsweise zu verhindern, dass sich die Verzweiflung der Menschen an dem Besatzungsregime entlädt.

Die tatsächlichen Ziele der NATO-Mission bestanden darin, Truppen an einem strategischen Punkt in Nahen Osten zu stationieren. Und diese militärische Präsenz des Westens zugleich möglichst profitabel für heimische Unternehmen zu gestalten. Hierzu wurden unter anderem auf dem Bonner Petersberg in den 2000er-Jahren immer wieder Ausrichtungstreffen abgehalten, um die rechtlichen Grundzüge des „neuen Afghanistans“ zu verhandeln.

Herausgekommen ist damals ein gesetzlicher Rahmen, der nahezu keine Zollschranken und sehr geringe Steuern auf Unternehmensgewinne vorsieht und ausländischen Konzernen erlaubt, ohne Einschränkungen Kapital im Land anzulegen und die erwirtschafteten Profite abzuziehen. Und das hat Spuren hinterlassen. Um wirkliche Unabhängigkeit und wirtschaftliche Eigenständigkeit für das Land ging es beim NATO-Einsatz in Afghanistan nie.

Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 115 vom Oktober 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

Der Beitrag 25 Jahre Afghanistankrieg: Ernüchternde Bilanz der Besatzung erschien zuerst auf Perspektive.

Read the full story at the source

Source: Perspektive Online