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Wahlen in Berlin | Unglaublicher Ritt ins Rote Rathaus

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Erste Prognose und in der ersten Reihe als zweite von rechts Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp Foto: dpa/Sebastian Gollnow Sonntagabend, Festsaal Kreuzberg, Wahlparty der Berliner Linken. »Es ist nicht vorgesehen, dass jemand wie ich oder du Bürgermeisterin wird«, sagt Spitzenkandidatin Elif Eralp in Anspielung auf ihre türkische Herkunft. Sie ist 1981 in München geboren. Doch ihre Eltern waren nur Monate zuvor nach einem Militärputsch aus ihrer Heimat in die Bundesrepublik geflohen. Nun könnte Elif Eralp gegen jeden Wahrscheinlichkeit die neue Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Denn ihre Partei hat am Sonntag die Abgeordnetenhauswahl mit Vorsprung vor der CDU gewonnen.

Kurz bevor um 18 Uhr die erste Prognose auf den Fernsehbildschirmen im Festsaal Kreuzberg eingeblendet wird, steht Eralp im Publikum in der ersten Reihe, neben sich die Landesvorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer, außerdem die Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner, der Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak, der Berliner Linksfraktionschef Tobias Schulze und Landesgeschäftsführer Bjoern Tielebein. Diese Sieben haben die Arme einander über die Schultern gelegt und stehen wie Fußballspieler während eines Elfmeterschießens im Mittelkreis, wenn einer aus ihrer Mannschaft vor dem Tor gegen den Ball tritt.

Zunächst zeigt das Fernsehen die Prognose für die zeitgleiche Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt Buhrufe für das dort starke Ergebnis der AfD, die gleich mit 37 Prozent vor allen anderen Parteien liegt. Als fünf Prozent für das BSW den Einzug in den Landtag verheißen, ruft im Festsaal jemand »Pfui«.

Dann die Prognose für Berlin: Wie erwartet nur 20 Prozent für die CDU, aber 24,5 Prozent für Die Linke. So viel hätte wohl kaum jemand in seinen kühnsten Träumen für möglich gehalten. Die günstigste Meinungsumfrage vor der Wahl hatte 23 Prozent versprochen und meist waren es ein paar Prozentpunkte weniger. Unbeschreiblicher Jubel bricht aus. Eralp und die anderen liegen sich in den Armen. Der Landesvorsitzende Schirmer muss sich erst einmal sammeln und stöhnt nach einem aufreibenden Wahlkampf: »Leute, was für ein Ritt.«

»Das ist ein phänomenales Ergebnis«, schwärmt die Ko-Vorsitzende Wolter. Sie verspricht sofort: »Wir werden uns mit der Mietenmafia anlegen!« Neben einem Mietenstopp für die landeseigenen Wohnungsgesellschaften gehört die Enteignung großer privater Wohnungsbestände zum erklärten Plan der Linken gegen die Wohnungsnot in der Hauptstadt. Ein bisschen gehen Wolter dann die Pferde durch, als sie ausruft: »Die Linke Berlin ist eine Marke und die anderen Parteien sind nichts.«

Die Menge skandiert wie verrückt: »Elif, Elif, Elif, Elif ...« Einmal ruft ein junger Mann mit bunten Haaren: »Alerta, alerta, antifascista!« Dann ruft es lange und laut der gesamte Saal. Schließlich folgt noch die Losung: »Hoch die internationale Solidarität!«

»Ab heute verändern wir Berlin – alle zusammen.«

»Wir haben gemeinsam Geschichte geschrieben«, kommentiert Spitzenkandidatin Eralp den Wahlsieg. Ihren begeisterten Genossen ruft sie zu: »Ab heute verändern wir Berlin – alle zusammen.« Eralp dankt allen, die mitgeholfen haben, dies möglich zu machen. Sie dankt ihren Eltern und sie dankt auch ihren Angehörigen in der Türkei, »die jeden Tag für mich gebetet haben«. Sie spricht auch einige Worte des Dankes auf Türkisch, gerichtet an jene Türken, die in Berlin leben, aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben und die deshalb nicht wählen durften, aber unbedingt im Wahlkampf helfen wollten.

Schon vor der ersten Prognose sind auf der Bühne drei nicht wahlberechtigte Helfer beispielhaft für viele andere gefeiert worden: ukrainische Linke, russischsprachige Linke, Freunde der Arbeiterpartei der Türkei. Auch eine große Gruppe von Haustürwahlkämpfern wird nach oben gebeten. Sie intonieren dort gemeinsam mit dem ganzen Saal ihren Schlachtruf: »Berlin, Haustürgöttin!«

An 250.000 Haustüren hat die Berliner Linke im Wahlkampf geklingelt. Einer, der besonders fleißig dabei war, erzählt auf der Bühne, er habe es hauptsächlich getan, damit Elif Eralp Regierende Bürgermeisterin werde. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg seien die Leute am freundlichsten gewesen, berichtet er. Einmal sei eine Frau aus der Wohnungstür getreten, um mit ihm zu sprechen – und die Tür sei hinter ihr ins Schloss gefallen. Die Frau hatte ihren Schlüssel nicht bei sich. Doch der Wahlkämpfer konnte die Tür mit einer Kreditkarte öffnen.

Als Elif Eralp die Bühne verlässt, wird »Şıkıdım« eingespielt, ein Hit des türkischen Sängers Tarkan aus den 1990er Jahren. Viele der neuen und sehr jungen Mitglieder der Berliner Linken waren noch ganz klein oder nicht einmal geboren, als dieses Lied 1994 veröffentlicht wurde. 2023, als die damalige Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht die Linke verließ und sich anschickte, mit dem BSW eine eigene Partei zu gründen, zählte die Berliner Linke nur rund 7000 Mitglieder. Jetzt sind es mehr als 19.000. Allein über 3000 Neueintritte hat es im jüngsten Wahlkampf gegeben.

Nur einen Kilometer vom Festsaal Kreuzberg entfernt, im Biergarten Jockel, haben sich Anhänger des BSW zur Wahlparty versammelt. Auch bei ihnen bricht bei der ersten Prognose Jubel aus. Mit fünf Prozent würde der Einzug ins Abgeordnetenhaus gelingen, worauf zwischenzeitlich kaum noch jemand einen Pfifferling gegeben hätte.

Beim BSW jubeln Landeschef Alexander King und andere bei der ersten Prognose ebenfalls, aber etwas vorsichtiger. Foto: dpa/Michael Bahlo Sevim Dağdelen saß für Die Linke im Bundestag, verpasste aber mit dem BSW ihren Wiedereinzug im Februar 2025 denkbar knapp. Nun will sie nicht zu früh ihren Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus feiern. Nicht, dass es am Ende wieder nicht gelingt. Doch im Verlauf des Abends wird es immer wahrscheinlicher, dass das BSW die Fünf-Prozent-Hürde überspringt und damit der Linken sogar einen Dienst erweist. Denn dann scheint es für eine Koalition von CDU, Grünen und SPD nicht zu reichen. Nach Ansicht von Dağdelen wäre das gut so: »Elif Eralp im Roten Rathaus und wir im Abgeordnetenhaus.«

Brandenburgs BSW-Fraktionschef Niels-Olaf Lüders kommentiert die Berlin-Wahl und das Schicksal des BSW gegen 19 Uhr mit den Worten: »Wir wurden verschwiegen, ignoriert und totgesagt – und sind jetzt wieder da. Das sind wir in jedem Fall.« Selbst wenn das Berliner BSW doch noch knapp scheitern sollte, das Ergebnis sei auf jeden Fall ein Riesenerfolg, findet Lüders.

So sieht es auch der Landesvorsitzende Alexander King. Gewählt noch für Die Linke, war er nach seinem Wechsel zum BSW der einzige Abgeordnete dieser neuen Partei im Berliner Abgeordnetenhaus. Nun scheint ihm sein größter Wunsch erfüllt zu werden: Der Wiedereinzug mit dem BSW in Fraktionsstärke. Aber zunächst will niemand zu früh daran glauben, dass dies schon sicher sei. Als das Lied »So sehen Sieger aus« vom Band klingt, schüttelt der eine oder andere noch bedenklich den Kopf. Es hat gerade erst heftig geregnet in Berlin. Nicht, dass es noch eine weitere kalte Dusche gibt. Und tatsächlich, das BSW rutscht auf 4,7 Prozent und bleibt dort auch noch um 22 Uhr, als 3851 von 4114 Wahlgebieten ausgezählt sind.

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Source: nd