Naher Osten | Saudi-Arabien, Jemen und Iran vor einem langen Krieg
Mit dem Abschuss einer weiteren aus dem Jemen abgeschossenen Rakete über Riad ist der Konflikt endgültig in einen umfassenden Krieg eskaliert
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Der Konflikt auf der Arabischen Halbinsel geht ins nächste Kapitel. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka Die mit dem iranischen Regime verbündete jemenitische Rebellenbewegung Ansar Allah, besser bekannt unter dem Namen »Huthis«, beantwortet die neue Offensive der jemenitischen Regierungsarmee mit dem Beschuss der saudischen Hauptstadt und wichtiger Infrastruktur der Öl- und Gasbranche des Nachbarlandes. Seit September 2014 unterstützt Saudi-Arabien die nach Aden geflohene Regierung.
Die Hauptstadt Sanaa war von der Huthi-Bewegung bereits 2014 gestürmt worden. Seit Jahren ist auch Saudi-Arabien Akteur in diesem Konflikt. Nach dem Überraschungsangriff der Huthis auf die Küste der Meerenge Bab Al-Mandab, den südlichen Eingang zum Roten Meer, Mitte September, wollte Riad die Rebellengruppe schlussendlich zerschlagen. Doch nun scheint das Gegenteil einzutreten.
Zwar konnten Regierungssoldaten vor zwei Wochen verlorene Versorgungsrouten nach Taizz, der zweitgrößten Stadt des Landes, freikämpfen. Doch noch immer leben über eine Million Bewohner in Reichweite der Huthi-Artillerie und ihrer Drohnen. Dr. Essam Mahyoub Dahan, ein leitender Arzt der »Republikanischen Klinik«, des größten Krankenhauses in der Stadt, warnt vor einem völligen Zusammenbruch der ärztlichen Versorgung. In der Klinik mangele es, wie im ganzen Land, an Medikamenten und Verbandsmaterial, so Dahan.
Der Gouverneur von Aden, Abdulrahman Sheikh, entging am Mittwoch nur knapp dem Tod, als er mit Technikern den Flughafen von Aden inspizierte. Offenbar hatten Informanten der Huthis Wind von dem prominenten Besuch bekommen und beschossen das Flughafengelände, als Sheikh gerade wieder aufgebrochen war. Die vom Saudischen Entwicklungs- und Wiederaufbaufonds finanzierten Reparaturarbeiten früherer Schäden am Flughafen mussten abgebrochen werden.
Raketenangriffe wie aus dem Nichts sind für die Bewohner von Aden seit 2015 Alltag. Wie in Taizz hat auch rund um Aden keine der Kriegsparteien die Oberhand. Doch die bei ihrer Sommer-Offensive erbeuteten saudischen Panzerwagen der jemenitischen Regierungstruppen dürften die Huthis dazu veranlassen, die jemenitische Regierung aus Aden zu vertreiben.
Über zwölf Jahre lang, bis zu dem im Sommer beendeten Waffenstillstand, spürte die Bevölkerung Saudi-Arabiens nur wenig vom jemenitischen Bürgerkrieg. Während in Aden und Sanaa saudische Bomben fielen, setzte Mohamed bin Salman sein atemberaubendes Modernisierungsprogramm des ultrakonservativen Landes um. Die saudische Jugend feierte den Kronprinzen für ein Ende des Fahrverbotes für Frauen, die Eröffnung der zuvor verbotenen Kinos oder die Genehmigung von Sportveranstaltungen für Männer und Frauen.
Doch diese wurden, wie die im letzten Jahr ausverkauften Popkonzerte, auf absehbare Zeit abgesagt, und Vorzeigeprojekten wie der futuristischen Wüstenstadt »The Line« wurde das Budget drastisch zusammengestrichen. Auch Golfturniere, Autorennen und Konferenzen mussten wegen des Beschusses von Riad durch die Huthis abgesagt werden.
In Riad ist diese Schmach gegenüber einem vermeintlich weit unterlegenen Gegners Thema Nummer eins. Doch mit einem informellen Verbot, über die Folgen der Angriffe zu sprechen, konnte die Regierung die angespannte Stimmung im Land bisher zumindest von der Weltöffentlichkeit weitgehend fernhalten.
Immer mehr Familien verlassen klammheimlich die Hauptstadt. Man komme in einigen Wochen wieder, beruhigt man Freunde und Verwandte. Westliche Botschaften weisen die Familien ihrer Diplomaten und zurzeit nicht benötigte Angestellte an, in Dubai oder Katar Schutz zu suchen oder über die dortigen Flughäfen die Region zu verlassen.
Der wirtschaftliche Schaden der iranischen Angriffe im Frühjahr auf Teile der Ölinfrastruktur des Landes sowie der aktuellen Angriffe dürfte immens sein, offizielle Zahlen gibt es jedoch nicht. Sollten nun auch Israel und die USA ihre Angriffe auf den Iran wieder fortsetzen, droht sogar ein vollständiger Stopp des saudischen Ölexports.
Die Huthis haben bereits angekündigt, in diesem Fall die Meerenge Bab Al-Mandab für Handelsschiffe zu schließen. Das Regime im Iran hat bereits in Erwartung eines Großangriffs die Straße von Hormus geschlossen. Man werde jede amerikanisch-israelische Aggression mit bisher ungesehenen Gegenangriffen beantworten, so ein iranischer General. »Die Golfstaaten werden den Hauptpreis dafür zahlen, Angriffe der US-Armee auf uns von ihrem Territorium aus zugelassen zu haben.«
Nach Einschätzung des US-Botschafters in der Türkei, Tom Barrack, könnte ein neuer Krieg im Iran unmittelbar bevorstehen. In einem Interview mit dem Podcaster Mario Nawfal spekulierte der – nicht direkt in Verhandlungen mit dem Iran involvierte – Botschafter über einen möglichen Angriffsbefehl Trumps an diesem Wochenende.
Weil das Interview vom israelischen Armee-Radiosender verbreitet wurde, vermuten viele in der Region eine indirekte Wahlkampfhilfe für Benjamin Netanjahu. Der Premier bangt bei den Wahlen am kommenden Dienstag um seine Wiederwahl. Schon die Angst vor einem neuen Krieg könnte einigen israelischen Wählern den Mut nehmen, für einen Regierungswechsel zu stimmen.
In Riad, Dubai und Doha bunkern derweil viele Familien wieder Lebensmittel. Sie haben in den letzten drei Jahren eins gelernt: Wer einen Krieg erst einmal plant, zieht nicht im letzten Moment zurück.
Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.