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Nachruf auf Joachim Lottmann | »Was ich da sehe, ist fantastisch«

Ein Nachruf auf den Schriftsteller Joachim Lottmann, wie er ihn geschrieben hätte

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Antipode von Franz Kafka: Joachim Lottmann in Berlin Foto: Imago/Christian Thiel Joachim Lottmann und ich gingen durch den Park des Wiener Heurigenkrankenhauses. Der Ressortchef hatte vorgeschlagen, eine Art Reportage-Nachruf im Lottmann-Stil zu schreiben. Und so geschah das Unvermeidliche: Neben Lottmann flanierend, fand ich mich plötzlich in einem seiner Romane wieder. Alles wirkte echt und doch seltsam verfremdet.

Um das verwirrende Gefühl zu verscheuchen, versuchte ich mir die Umgebung einzuprägen, die Blumen, die Büsche, die Bäume. Aber dann fiel mir ein, dass Joachim Lottmann ja nie ein Joseph von Eichendorff oder Adalbert Stifter gewesen war. Warum sollte sich ein Schriftsteller des Computerzeitalters auch die Mühe machen, Primeln und Zitterpappeln zu beschreiben, wenn das eigentliche Leben ganz woanders stattfand, in Kneipen, auf Autofahrten, in Privatwohnungen. Selbst eine Wohltätigkeitsgala mit hochnotpeinlichen B- und C-Promis machte, popliterarisch betrachtet, mehr her als ein Osterspaziergang im Grünen – fack ju Göhte!

Statt der behäbigen Flora würden wir uns der dynamischen Fauna widmen, also dem Fleischlichen. Ich würde die allerletzte Begegnung mit ihm dazu nutzen, jahrzehntelang gepflegte Halb- und Achtelwahrheiten (um das Wort Flunkereien zu vermeiden) als solche zu enthüllen. Jetzt war die Zeit für die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gekommen! Endlich würde der geneigte Leser erfahren, ob jene Frau, die ihm ausgerechnet im magischen Popjahr 1982 das Herz zerriss (»Who broke my heart? You did! You did!«, ABC), Judith, Kim oder Kirstin hieß oder ganz anders.

Auch würde ich sein wahres Geburtsdatum aus ihm herauskitzeln, nein, herausfordern. Ich war nämlich im Autorenverzeichnis der Anthologie »Rawums« auf eine weitere Jahreszahl gestoßen. Laut den dortigen Angaben hätte der Münchhausen der Literaturszene bereits 1954 Licht in die damals noch stockfinstre Welt gebracht. Eine Zahl, die mich irritierte, weil in seinen Romanen von 1956, 1958 und 1959 die Rede gewesen war. Sollte Joachim Lottmann am Ende so alt sein wie sein Todfeind Rainald Goetz?

Doch bis es so weit war, dass er sich mir, dem potenziellen Bildzeitungs-Witwenschüttler, öffnete, musste ich erst einmal ein angenehmes, unverfängliches Gesprächsklima schaffen. Da ich nicht gefrühstückt hatte und mir der Magen knurrte, fragte ich ihn, ob das Wiener Schnitzel in Wien besser schmecke als an seinen früheren Wohnorten Berlin, Köln, Hamburg und »Bayerisch-Kongo« (Straubing, Niederbayern).

Natürlich roch er den Braten. Er, der Busenfreund des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz, hatte die entscheidende Politikerlektion gelernt: Fragen sind Schall und Rauch. Noch ehe sein erster Satz geendet hatte, war es ihm gelungen, vom Schnitzel zu seiner Ehefrau überzuleiten, der weltberühmten Journalistin Christa Zöchling, die viel »köstlicher« sei als das platt geklopfte Stück Kalb. Ja, seine Gattin hatte ihn, der so entschlossen wie Herr Rossi das Glück gesucht (und vorübergehend auch immer wieder gefunden) hatte, zu einem glücklichen Menschen gemacht. Ein für allemal.

Er überschlug sich vor Dankbarkeit und Lob. Das hatte ihn stets ausgezeichnet: das entfesselte Bejahen des Lebens. Sogar im Angesicht des Unausweichlichen. »Ich würde so gern weiterleben, jetzt wo es so interessant geworden ist. Vielleicht noch mal 90 Tage. Das wär doch sehr viel. 90 Tage – was ich da alles erleben würde.«

Lottmann meinte es mit seinen Good Vibrations ernst.

Missgünstige Zeitgenossen hatten diese doch so positive Eigenschaft – das sturzbachartige Schwärmen – als das »Lottmann’sche Zu-Tode-Loben« gebrandmarkt, ja, als heimtückische Ironie denunziert. Nun aber, da er im Sterben lag und jede seiner Folgen des »Langweiligen Tagebuchs« (nachzulesen auf Facebook und Instagram) vor Euphorie und Lebensgier überquoll, begriffen selbst die hartgesottensten Zyniker: Lottmann meinte es mit seinen Good Vibrations ernst, hatte es immer ernst gemeint, schon damals in seinem Debütwerk »Mai, Juni, Juli«, mit dem er 1987 mal eben die Popliteratur erfunden hatte.

Deshalb machen seine Bücher auch so unverschämt gute Laune. Weil die Widrigkeiten des Lebens – Anlässe, depressiv zu werden, hätte es genug gegeben – einfach an ihm abprallten. Seine Romane endeten zuverlässig mit einem Happy End. Selbst wenn kurz vor der Zielgeraden ein Terroranschlag stattgefunden hatte, kriegte Lottmann noch die Kurve. Der Schlusssatz seines Corona-Romans »Sterben war gestern« lautete: »Es kann weitergehen.«

Auf diese Weise wurde er zum Antipoden von Franz Kafka. Wer Kafka las, brauchte schon auf der ersten Seite Stimmungsaufheller. Joachim Lottmann hingegen beherzigte das Monty Python’sche Credo »Always look on the bright side of life«. Das Leben mochte Bockmist sein, aber das war noch lange kein Grund, Trübsal zu blasen. Man war schließlich Herr über den Bockmist. Deshalb feierte Lottmann seinen 60. Geburtstag gleich sechs Mal. Als er dies erzählte, begriff ich, dass sein Geburtsdatum egal war. Sollten doch die Wikipedia-Pedanten darüber kirre werden, wann er geboren wurde!

Und ob jene Frau, die ihn ins Mark getroffen hatte (»It’s cold outside – the night love died. On the night you murdered love«, ABC), nun Kim oder Kirstin hieß, war ebenso wurscht. Entscheidend ist, dass jener Erstlingsroman (quasi das Debüt vor dem offiziellen Debüt), in dem er dieses traumatische Erlebnis großliterarisch verarbeitete, nun endlich – 44 Jahre später – erschienen ist. Auch hier hatte es also, gerade noch rechtzeitig, ein Happy End gegeben.

Wichtiger noch: Er war mit sich im Reinen. »Mir ist jetzt erst klar, dass ich ein außergewöhnlicher Mensch gewesen bin, die ganze Zeit. Ich hab mich eher als Verlierer gesehen. Als einer, der ganz hinten läuft und kurz davor ist, abgehängt zu werden. Und jetzt auf einmal sehe ich, wie ich gewesen bin, mit 20, mit 30, mit 40. Und was ich da sehe, ist fantastisch.«

Natürlich hatte er recht. Wie immer. Als wir uns zum Abschluss in die Arme fielen, rief ich pathetisch aus: »Joachim Lottmann wird weiterleben!« Er nickte und lächelte, denn er wusste, dass seine Bücher den Tod überstrahlen werden.

Joachim Lottmann schloss am 25. Oktober in Wien für immer seine Augen.

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Originally published bynd
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