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Midterms in den USA | Vom Hochstapler zum Hochverräter
Zur Zwischenwahl in den USA ist Donald Trump nun auch für Wohlgesonnene zur gefährlichen Lachnummer geworden
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Arme Orange, sie kann eigentlich nichts dafür. Foto: unsplash/charlesdeluvio US-Präsident Donald Trump sieht sich jeden Tag als der Größte – doch ebenso oft auch verraten und verkauft. Zuletzt hat sich der 80-Jährige beschwert, den Friedensnobelpreis wieder nicht erhalten zu haben. Der Preis sei »von einer Handvoll radikaler Ideologen (…) für immer diskreditiert« worden. Dem Preiskomitee in Oslo teilte er mit: Ein Schandfleck für Norwegen und jene Leute, »die eine solch schändliche und peinliche Entscheidung getroffen haben«. Trump, wie er singt und lacht: aufgeblasen, weinerlich und auf Rache sinnend.
So trat er auch im Wahlkampf auf, der kommenden Dienstag in den sogenannten Midterms gipfelt, der Halbzeitwahl zwischen zwei Präsidentschaftsrennen. Dabei stehen das gesamte 435-köpfige Repräsentantenhaus und 35 Senatoren des 100-köpfigen Senats zur Neuwahl. Nicht jedoch der Präsident. Um ihn geht es erst 2028 wieder. Auch dann allerdings ohne Trump, da Präsidenten seit einem Verfassungszusatz von 1951 nach zwei Dienstzeiten nicht wieder antreten dürfen.
Doch obwohl Trump nicht zur Wahl steht, werden die Midterms ein Urteil über ihn liefern. Der Blick auf ihn zeigt zudem eine Neuheit: Zum einen verfestigt sich die Negativbilanz seiner Präsidentschaft, und parallel dazu verliert der Menschenfänger Anziehungskraft nun auch auf harte MAGA-(Make America Great Again)-Anhänger. Donald Trump befindet sich an der Schwelle vom Angehimmelten zum Ausgelachten.
Die Wahl steht im Zeichen der Lebenshaltungskosten. Bei seinem zweiten Amtsantritt vor bald zwei Jahren hatte Trump zwei Dinge versprochen: die Verbraucherpreise zu senken und die USA in keine »unnötigen Auslandskriege« zu verwickeln. Heute sehen 95 Prozent ihr Land in einer »Affordability Crisis«, also der Schwierigkeit, über die Runden zu kommen. Eine Mehrzahl der Bürger unter 45 hält die Chance auf einen Anteil am »American Dream« für kleiner als die ihrer Eltern. Dabei sehen sie auch im ungebremsten KI-Vormarsch einen zentralen Grund für ihre Zukunftssorgen.
Bei der Ursachensuche landen viele beim Präsidenten: Dessen manisch verhängte, oft einkassierte und mit Rückerstattungspflichten verknüpfte Strafzölle gegen bewährte Handelspartner, sein Kreuzzug gegen erneuerbare Energien, vor allem der von ihm begonnene Iran-Krieg mit nach wie vor schwer kontrollierbaren Folgen und die damit verbundene Machterosion der USA werden ihm angekreidet.
Trump, wie er singt und lacht: aufgeblasen, weinerlich und auf Rache sinnend.
Ende August überschritten die Staatsschulden die Grenze von 40 Billionen Dollar. Laut Kongress-Budgetbehörde muss das Finanzministerium heute jeden Tag die Schulden mit 3 Milliarden Dollar Zinsen bedienen. Die Schuldzinslast ist damit nach Gesundheitswesen und Rentenversicherung der drittgrößte Ausgabenposten im US-Haushalt – noch vor dem Pentagon, dessen Militäretat der Präsident von 1 auf 1,5 Billionen Dollar heben will.
Die Kostensteigerungen folgen keiner Naturkatastrophe. Sie gehen auf Entscheidungen zurück, die Trump oft inkompetent, aber stets selbstherrlich fällte. Die Langzeitkosten spitzen die »Affordability Crisis« der Bürger und die Krise der Supermacht USA zu. Das zeigt sich schon jetzt im Iran-Krieg. Brüstete sich Washington noch zu Beginn des Jahrhunderts, zwei regionale Kriege gleichzeitig führen zu können, legt der Iran-Konflikt amerikanische Machtüberdehnung bloß. Ja, es ist eine Haupterkenntnis für 2026, dass es die beiden Supermächte des Kalten Krieges, USA und Sowjetunion (Russland), in ihren Kriegen gegen Iran und Ukraine nicht schaffen, diese militärisch zu besiegen. Großmächte stoßen an Grenzen, zumal wenn ihre Anführer Hasardeure wie Trump und Neoimperialisten wie Putin sind.
Dass Trump Wahlversprechen geradezu hochverräterisch missachtet, wird die Midterms prägen. Viele Wähler verübeln ihm seine Eskapaden: Nach innen sein Vorgehen, die USA diktatorisch um- und die Präsidentenmacht auszubauen. Die Razzien der Einwanderungspolizei gegen Menschen, die die Wirtschaft mit am Laufen halten. Seine Verfolgung politischer Gegner, die Einschüchterung großer Kultureinrichtungen, die korrupte Selbstbereicherung durch ihn und seine Familie. Nach außen sein Hunger auf Grönland. Seine Besessenheit, anständige Nachbarn wie Kanada einzugemeinden. Seine lustvolle Sabotage der transatlantischen Allianz und seine generelle Lust, die Uno-Ordnung zu zerschlagen. Sein Krieg gegen Iran, der Überfall auf Venezuela und die wieder angezogene Blockade Kubas – all das sind, jenseits der erschütternden Zustände in diesen Ländern Rechtsbrüche und Kostenfaktoren.
Das Komplott mit Präsident Putin zulasten der Ukraine ist ein besonders schwerer Fall Trump’scher Schurkerei. Und ein Beleg, wie sehr er inzwischen Putins Marionette ist, während er dem Kriegstreiber in Moskau strategisch nicht das Wasser reichen kann.
Im Grunde hat Trump die Seiten gewechselt. Die USA kaufen wieder russischen Diesel, und das Weiße Haus kassierte die vom Kongress beschlossenen Russland-Sanktionen. Es drosselte Starlink und Starshield, was die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine in akuteste Lebensgefahr brachte. Der US-Historiker Phillips O’Brien sagt, Trump fühle sich nun frei zu sein, was er immer habe sein wollen, »Putins bester Freund«. Dies erlaube nur den Schluss: Die USA werden von einem »nützlichen Idioten« Moskaus regiert – von einem Hochverräter, der den Aggressor belohnt und das Aggressionsopfer in Kapitulation und Diktatfrieden treibt.
Auch das zählt zu den neueren Trump-Befunden: Pathologische Begriffe häufen sich. Das wiederum erinnert an die Studie »The Dangerous Case of Donald Trump«, herausgegeben von Psychiatrie-Professorin Dr. Bandy X. Lee von der Yale University. Sie erschien 2017 (auf Deutsch ein Jahr darauf) in Trumps erster Präsidentschaft und enthielt Beobachtungsanalysen von 27 Psychiatern und Psychologen.
Einer von ihnen, der klinische Psychologe Michael J. Tansey, schrieb: »Wenn Trump tatsächlich an einer Wahnstörung leidet, dann sind es aus klinischer Sicht Wahnvorstellungen paranoider und größenwahnsinniger Natur. Das hilft uns, die Frage zu beantworten, warum er während der Präsidentschaftskampagne 2016 und auch später wiederholt und offen seine Bewunderung für Kim Jong-un aus Nordkorea, Bashar Al-Assad aus Syrien, den irakischen Präsidenten Saddam Hussein und insbesondere Wladimir Putin geäußert hat. Es gibt bemerkenswert viele Hinweise darauf, dass Donald Trumps feuchte Träume mit absolutistischer Macht und Tyrannei zu tun haben. Der unwidersprochene Diktator verkörpert seinen Traum, Verehrung, ja Anbetung zu fordern und andererseits mit einem bloßen Kopfnicken alle auszulöschen, die aus seiner Sicht Feinde sind.«
Eine Ergänzung dazu hält der Philosoph Peter Sloterdijk bereit. In seinem neuesten, 2026 bereits mehrfach aufgelegten Buch »Der Fürst und seine Erben« geht er der Frage nach, wen sich die »starken Männer« von heute so zum Vorbild nehmen. Die einfachste Auskunft ergibt sich für Sloterdijk »aus dem Hinweis auf die Existenz von politischen Figuren wie Wladimir Putin und Donald Trump. Die bloße Tatsache ihrer zeitweilig synchronen Präsenz auf der Weltbühne bedeutet einen Skandal für all jene, die überzeugt waren, moderne Gesellschaften seien lernende Systeme, die irgendwann aus dem imperialistischen Trotzalter herauswachsen sollten.«
Ebenso besorgt äußert sich Sloterdijk mit seinem Befund, eine »verwilderte Prominenz« sei heute der Stoff, »aus dem die Kandidaten für den oberen Pool der Machtachse gemacht sind – das zeigt sich an keiner Figur der unmittelbaren Gegenwart so deutlich wie an Donald Trump«. Über ihn werde man nie sagen, »er wachse über irgendetwas hinaus – für ihn gilt eher, daß er nach oben aus der Rolle fällt. Seinen Anlagen und Neigungen nach ist er kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt. Vor allem ist er ein Halbwüchsiger geblieben, der spät entdeckte, daß der Staat ein Spielzeug von einigem Amüsierpotential sein kann. Doch auch wenn dem Staat von ihm übel mitgespielt wird, sollte man sich hüten, von der Größe des Spielzeugs auf die Riesengestalt des Spielers zu schließen.«
Letzteres dürfte ab dem Wahldienstag stärker sichtbar werden, vor allem wenn der Denkzettel für den Präsidenten deutlich ausfiele. Er könnte wieder Wahlfälschungsvorwürfe erheben und allgemein noch haltloser irrlichtern. Er könnte Absetzbewegungen aus dem MAGA-Lager erleben, die auch vor dem Weißen Haus nicht haltmachen. So gut wie sicher scheint: Die Zeit, da sich Donald Trump, Beifall heischend, auf Kosten von Freund und Feind amüsierte, geht mit den Midterms zu Ende.
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