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Literaturbetrieb | You need a Buchvertrag like you need a hole in your head
Autor*innen schlagen Alarm: Sie können vom Schreiben nicht leben! Ja, warum sollten sie denn?
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Ein Schiff namens Literaturbetrieb: Jede kennt hier jeden, und die Segel flattern nur wenig. Foto: imago/Gerhard Leber Deutschlands Autor*innen können vom Schreiben nicht leben. Let that sink in. Alle paar Monate wieder macht der Großseufzer die Runde. Die Autorinnen und Autoren nagen am Hungertuch, sie betreten morgens um sechs die Literaturfabrik, immer in der Hoffnung, vom Abteilungsleiter einen Auftrag für den nächsten 500-Seiten-Roman zu kriegen! Abends juckeln sie dann mit der U8 wieder nach Hause; wieder haben sie alles gegeben für ihren Betrieb, den Literaturbetrieb, und doch ist Mitte April wie immer das Konto zu Ende.
Die Autor*innen machen dann Eingaben beim Literaturbetrieb – die Eingabestelle des Literaturbetriebs aber heißt Feuilleton: Da kennt man immer jemanden, den man mal auf einer Buchmessenparty kennengelernt hat; der interviewt einen dann, und da kann man das empfindsame Herz ausschütten. »Der Literaturbetrieb ist ausbeuterisch, er macht Leute krank und depressiv«, sagt etwa die Autorin Slata Roschal im SZ-Interview. Wacker fordert sie höhere Vorschüsse, mehr (noch mehr!) Arbeitsstipendien und Förderprogramme. Sie sagt: »Es sind ökonomische Faktoren, die bestimmen, wer schreiben darf.« Die »SZ« nickt zu all dem ernst und übertitelt ihre nächste Roschal-Besprechung: »Wie Ausbeutung im Literaturbetrieb funktioniert«.
Oder die Autorin Bettina Wilpert. Sie hat mal mit der »Taz« gesprochen. Die »Taz« titelte herzzerreißend: »Bettina Wilpert kann vom Schreiben allein nicht mehr leben«. Jetzt muss die Arme arbeiten gehen. Sie klagt: »Man ist sehr stark ökonomisch abhängig. Wenn man nicht genug verkauft, lassen einen große Verlage fallen.« Und Recht hat sie, leider: Berufung ist nicht gleich Beruf. Viele Millionen Menschen träumen davon, von ihrem liebsten Tun leben zu können. Den wenigsten ist es beschieden.
Bei allen anderen Hobbys begreifen die Leute sofort, dass nicht alle davon einen Lebensunterhalt erwarten können. Wer gern Fußball spielt, landet meist in der Bezirksliga, hat Spaß daran und geht unter der Woche arbeiten. Die Origami-Falter*innen und die Buddelschiffbauer*innen und die Patchworkdecken-Patchenden pflegen traditionsreiche Kulturtechniken, sie bereichern unsere Vielfalt, freuen sich, wenn sie ab und zu mal was verkaufen können – und gehen unter der Woche arbeiten.
Autor*innen haben irgendwie einen Sonderstatus bekommen mit ihrem Tun. Es umweht sie eine Aura. Die Aura ist dabei in Wahrheit nur eine PR-Strategie: Aura sells. Autor*innen werden zu großen Geistern aufgepumpt, zu Stimmen ihrer Generation, ahnungsreichen Mahnern, whatever. So werden sie interessant gemacht. Was sie zu sagen haben, ist dabei meist dasselbe Zeug, das eh schon durch die Feuilletons geistert.
Hat da schon wieder jemand »Ausbeutung« gesagt? Och je.
Den Verlagen ist dabei das Einzelschicksal egal. Sie müssen ihre Infrastruktur aufrechterhalten, sie müssen ihre Verlagsmitarbeiter entlohnen, jeden Monat wieder. Sie müssen das Spiel des Literaturbetriebs mitspielen, immer neue Sensationen, immer neue Themen; müssen Debatten bedienen, die gerade en vogue sind und auf Aufmerksamkeit hoffen lassen. Zur Wahrheit gehört: Kaum ein Buch spielt seine Kosten wieder ein, ein paar wenige Bestseller müssen meist die Verlagsbilanz retten. Zur Wahrheit gehört auch: Kaum ein*e Autor*in trägt mehr als zwei, drei wirklich wichtige Bücher in sich, Tendenz eher null.
Ist das am Ende gar kein Job? Nicht einmal die Gewerkschaft begreift es so richtig, oder will es nicht begreifen. Sie kann nicht verstehen, dass freies literarisches Schreiben eine grundverschiedene Tätigkeit ist zur angestellten Lohnarbeit am Fließband, in der Gastronomie oder Behörde. Verdi trötet aber gern mit in die Ausbeutungstrompete und haut dann auf Social Media ein paar Kacheln raus, etwa: »Autor*innen gehören fair entlohnt – sie sollten mindestens 500 € plus Spesen pro Lesung vom Veranstalter verlangen.« (Können sie ja! Verlangen kann man immer alles. Woher der kleine Buchhändler von nebenan das Geld dann nehmen soll? Egal.)
Die Gewerkschaft lässt auch Daten erheben und verkündet traurig: »5,7 Prozent der Schriftsteller*innen können ausschließlich von ihrem aus der Autorentätigkeit erarbeiteten Einkommen leben.« Und weiter: »Wer vom Schreiben leben will, wird enttäuscht. Viele Autor*innen sind gezwungen, neben ihrer freiberuflichen künstlerischen Tätigkeit weitere Verdienstmöglichkeiten wahrzunehmen, beispielsweise eine abhängige Beschäftigung.«
Da ist dann der Punkt erreicht, an dem man wirklich lachen muss. Gewerkschaften äußern ihr Mitleid für Menschen, die »gezwungen sind«, einen Job aufzunehmen? 5,7 Prozent derjenigen, die als »Schriftsteller*innen« definiert werden, leben vom Schreiben? Mit anderen Worten: Im ersten Schritt tut man rhetorisch so, als wäre das ein Job: Schriftsteller*in. Im zweiten Schritt beklagt man sich dann, dass es kein Job ist. Weil niemand davon leben kann. (Fun fact: Zu den 5,7 Prozent Glücklichen gehören vor allem Games- und Drehbuch-Autor*innen – also die Leute, die uns im Auftrag von Fernsehsendern mit dem übelsten Textmüll zuschütten.)
»Ausbeutung«? Och je. Ausgebeutet wird in diesem Fall nur, wer sich ausbeuten lässt. Niemand wird gezwungen, sich Verlagen und Agenturen und Bachmann-Preisjurys auszuliefern, niemand muss sein Seelenheil an ein Schundhonorar hängen, niemand muss in diesem Zirkus aufs Töpfchen steigen und Männchen machen: Es besteht keine existenzielle Notwendigkeit dafür. Eben weil es kein Job ist.
Marktwirtschaft ist mitleidlos, und an den Autor*innen tobt sie sich aus. Sie sind das schwächste Glied in der Bücherproduktionskette, und die Frage ist dann schon, warum man sich das antun sollte. Die Frage ist, warum Bettina Wilpert »schreiben« gleichsetzt »mit von angesehenen Verlagen veröffentlicht und dafür gut bezahlt werden«.
Der Literaturbetrieb funktioniert so nicht. Er ist keine Versorgungsanstalt. Er sucht seine Sensationen; dafür werden immer neue Gesichter benötigt, neue Stimmen oder Leute, die schon aus dem Fernsehen oder Internet bekannt sind, egal wofür. Egal, ob sie schreiben können oder etwas zu sagen haben. Das Ergebnis ist die überwiegend beliebige, mutlose, uninspirierte Gähn-Literatur, die wir erleben, und die brav dorthin hechelt, wo die Feuilletonritter schon auf sie warten. Als Kulturmensch mal gefragt: Würde die Literatur besser, wenn man die Vorstellungen der seufzenden Autor*innen umsetzte?
Angenommen, der Staat schüfe ein paar Tausend Stellen für Autor*innen. Auf Lebenszeit. Ruhmvoll. Sorgenfrei. Vielleicht noch ein paar Staatsverlage dazu. Wer soll dann darüber entscheiden, welche*r Autor*in fördernswert ist und wer nicht? Kann sich da dann einfach jeder, der gern schreibt, als Autor identifizieren, und dann her mit der Kohle? Oder, deutsche Lösung: Sind nur Autor*innen mit einer gründlichen Ausbildung an einem der berüchtigten Literaturinstitute zuwendungsberechtigt? Qualifiziert man sich zum Autor*innendasein ab einer bestimmten Anzahl verkaufter Buch-Exemplare? Wodurch die Betriebs-Literatur noch öder wird, als sie eh schon ist? Führt man ein Punktesystem ein je nach gesellschaftlicher Relevanz des Geschriebenen? Sollte eine zentrale Vergabestelle geschaffen werden, in der dann die üblichen Jurynasen sitzen?
Wie auch immer sie es lösen würden, letztlich wäre alles wie immer: Wer auf die richtigen Partys geht, den richtigen Leuchten zuzwinkert und an den richtigen Stellen lacht, bekommt am Ende die Knete. Das ist ja alles menschlich. Jedem sei das Geld gegönnt und ein Leben ohne ökonomische Angst. Nur: Wird die Literatur dadurch überraschender? Spannender? Freier? Kickt sie uns mal den einen oder anderen Denkanstoß rein – nein?
Ich habe kurz überlegt. Welche deutschsprachigen Neuerscheinungen der letzten Jahre mich überrascht und erfreut haben. Drei fielen mir spontan ein. Die Namen tun nichts zur Sache. Über den sozioökonomischen Hintergrund des einen Autors weiß ich nicht viel, von seiner Ausstrahlung her tippe ich mal: hedonistischer Erbe. Von dem anderen Autor weiß ich, dass seine Partnerin sehr gut und sicher verdient, was ihm die glückliche Gelegenheit gibt, sich den Kindern und seinem tollen Schreiben widmen zu können. Drittens denke ich an eine Autorin, die aus innerem Antrieb, einem inneren lachenden Verzweifeln an der Welt irgendwelche schrägen Fragmente bei Facebook rausgehauen hat.
Alle drei hatten dann das Glück, irgendwie, in kleinen bis winzigen Verlagen zu erscheinen, kein Großverlag hätte sich wahrscheinlich je für sie interessiert. Und, mal ab vom Verlags-Jahrmarkt: Einige sehr schöne Romane und Novellen haben Lehrer*innen, Journalist*innen, Rentner*innen, IT-Typis usw. in den letzten Jahren einfach so selbst veröffentlicht. Es geht. Heutzutage sogar ziemlich einfach. Es sind nicht wirtschaftliche Faktoren, die darüber bestimmen, wer »schreiben darf«. Es sind Autor*innen, die entscheiden, ob es ihnen um die Literatur geht. Oder ob sie nur dann schreiben mögen, wenn ein Haufen Geld und maximale Aufmerksamkeit mit im Paket sind.
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