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Literatur | Gelesen – dabei gewesen
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Jugoslawien, war da mal was? Achso, ja, Tito. Sein Tod 1980 war der Beginn des Zerfalls, doch darum geht es in »Jugo« von Ilija Matusko nur am Rande. Foto: Unsplash/Sporisevic Photography Ilija Matusko hat eine Liebeserklärung an seinen kroatischen Vater geschrieben. Der ist aus Bayern von seiner deutschen Frau weg- und nach Kroatien zurückgegangen, wo er am Meer wohnt, aber nie baden geht. Anders als sein Sohn, der einmal im Jahr zum Sommerurlaub kommt und sich dann ärgert, dass er, wenn er auf Kroatisch einen Kaffee bestellt, den Touristenpreis zahlen muss, weil sein Kroatisch nicht gut ist. Eine kroatische Freundin fragte ihn, wie er seinen Vater nennt. »Papa.« Dann sei er Deutscher, sagte sie, sonst würde er »Tata« sagen.
Matusko wurde 1980 geboren, als Tito starb. Entgegen dem Buchtitel »Jugo« werden die politischen Probleme und Kriege im alten und ehemaligen Jugoslawien desinteressiert lapidar abgehandelt. Sein Vater hat die kroatische Fahne vor seinem Haus wieder abgehängt: »Worauf soll ich stolz sein? Dass der Kapitalismus das Schlechteste aus den Menschen hier herausholt und das Land kaputtgemacht hat?«, fragt er. Auch aus diesem »Roman« genannten Buch hätte man mehr machen können, zum Beispiel einen wesentlich kürzeren Text für eine Zeitschrift. Matusko braucht 192 Seiten um seinem Vater, mit dem er sich sehr oft streitet, mitzuteilen, dass er ihn liebt.
Mach mehr aus deinen Notizen. Wenn sie auch andere lesen wollen, ist das eine große Kunst. Der Schriftsteller und Philosoph Christoph Narholz veröffentlichte ein Jahr lang auf Instagram täglich eine Notiz, die in den vergangenen 33 Jahren angefertigt wurde, allerdings handschriftlich und am Rande der Unlesbarkeit. Jetzt gibt es sie gedruckt, vorbildlich ediert und mit einem nach Themen (Kunst, Religion, Wissenschaft, Familie u. a.) geordneten Inhaltsverzeichnis. Es geht um Musik, Bücher, Filme im Einsatz, um Situationen, Kommentare und Erkenntnisse wie nebenbei und die damit verbundenen Gefühle und Geistesblitze – kurz gesagt darum, »den ständigen Knister des Bewusstseins Text werden zu lassen«.
Narholz will eigentlich nur ein paar »Unterscheidungen in die Welt setzen« und »streuende, entzündliche levitierende Blicke streuen«. Und irgendwo spielten dann die Bee Gees dazu, oder er begegnet Long John Silver an einer Bar, oder er denkt über Heidegger nach oder über Silvia Plath oder über die »Kritik der großen Geste«. Kann man einfach drin blättern oder sich im Inhaltsverzeichnis eine vielversprechende Überschrift aussuchen und diese Notiz ansteuern wie ein Lied auf Spotify. Oder so lesen, wie man bei Instagram runterscrollt oder wie man sich in einem Godard-Film ein paar Zitate anhört. Der Verlag nennt es ein »fluxushaftes Dokument«, doch es ist »der Theoriedurst des Matrials«, wie sich Peter Sloterdijk ausdrückt, bei dem Narholz promoviert hat, nur dass sein »Knister« viel mehr auf den Punkt kommt als Sloterdijk in seinen weitschweifigen »Notizen«. Ja, »es lebe die moderne Kunst, es lebe die Republik«, wie er zu Picassos Bild »Guernica« notiert. Eins der besten Bücher des Jahres, isn’t it?
Ein Tag im Leben eines Mannes, der sich in München von einer Brücke stürzen will. Er hat sein Restaurant ebenso wie seine Ehe ruiniert und hockt nun »auf dem Grund seines inneren Kraters, den er eigenhändig in sein Leben gebombt hatte«. Was er hasst, ist die Phrase »Alles gut«, denn die klingt für ihn nur wie »Leck mich am Arsch«. Er wollte Künstler werden und wurde Gastwirt. Vorsichtshalber kann er sich nur an sehr wenig erinnern, doch dann passieren ihm ein paar Sachen, bei denen er etwas fühlt, und zwar durchaus positiv. Wie kann das sein? Liegt das am Wetter? Ein kleines, fein formuliertes Lehrstück als Novelle des sehr guten Krimiautors Friedrich Ani. Liest man in einem Rutsch, denn merke: »Auf die Dinge da draußen hast du nur in den seltensten Fällen Einfluss, der Herrscher über dich darfst nur du selber sein.«
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Source: nd