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Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern | Böse Möwen und stinkende Fische

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Nicht für alle appetitlich: die CDU im Wahlkampf Foto: dpa/Jens Büttner Fischbrötchen und Möwenattacken sind in Mecklenburg-Vorpommern in jedem Jahr ein beliebtes Sommerlochthema, das emotional diskutiert wird. Fischbrötchen kosten inzwischen bis zu sieben Euro und für Möwenfüttern können bis zu tausend Euro fällig werden, bei Wiederholungstätern bis zu 5000. Schließlich sind die Kommunen klamm und man kann nicht alle Schlaglöcher mit Blitzergeld stopfen.

Die CDU setzte zu Beginn des Wahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern auf ein Fischbrötchen, das vor blauem Hintergrund unter dem Slogan serviert wurde: »Die Mitte ist das Beste«. Womit die Christdemokraten sich meinten, aber auch das Heringsfilet samt Dill, Salatblatt und Zwiebeln. Welche politischen Inhalte ansonsten im Fischbrötchen steckten, blieb dem Geschmack der Wählerinnen und Wähler überlassen.

Die Linke reagiert auf diese kulinarische Aneignung mit einem Plakat, das den Bundeskanzler beim Fischbrötchenverzehr zeigt und behauptet: »Der Fisch stinkt vom Kopf!« Mal abgesehen davon, dass Friedrich Merz bei aller Kaltschnäuzigkeit kein Fisch ist: Die Notwendigkeit von Reformen für die Gesundheits-, Renten und Sozialsysteme des Landes wird nicht dadurch widerlegt, dass die CDU ihren glücklosen Kanzler inzwischen sogar beim Fischbrötchenessen versteckt. Die Zahlen der Nettoschuldenaufnahme für 2027 hätten die Wähler in Mecklenburg-Vorpommern vielleicht nachdenklicher werden lassen, ob sie sich im nächsten Jahr noch Fischbrötchen leisten können.        

Noch mehr verwunderte mich ein Plakat der Jusos, das ich Ende August bei einer Fahrt zwischen Prora und Sassnitz entdeckte. Darauf flog eine Möwe schwungvoll auf eine Kampfansage zu, die in roten Buchstaben verkündete: »Unser Zuhause kriegt ihr nicht«.

Zuerst hielt ich es für ein Nabu-Plakat, das sich gegen die neuen Windparkpläne richtete, die auf Rügen mindestens so emotional diskutiert werden wie die Fischbrötchenpreise. Denn das Juso-Logo war ziemlich klein in die linke untere Ecke gedruckt. Aber wer sollte da wessen Zuhause nicht kriegen? Wir Menschen das der Möwen, das durch Bettenburgen, LNG-Pipelines und Windparks zerstört wird, sodass immer mehr von ihnen von der Küste in die Städte abwandern?

Aber daran hat doch die SPD, die in Mecklenburg-Vorpommern seit bald 28 Jahren regiert, einen maßgeblichen Anteil. Und wer war mit »ihr« gemeint? Die AfD und ihre Wählerinnen und Wähler? Die Partei stand in jener Woche in den Umfragen laut Forsa bei 37 Prozent. Sollte das heißen, dass das Land nicht mehr deren Zuhause sein würde, wenn die Sozialdemokraten siegten? Drohten dann Abschiebungen nach Sachsen-Anhalt?

Wie immer, wenn Pathos vor Inhalt geht, geht auch hier einiges durcheinander. Doch auch die anderen Parteien bevorzugen vage Metaphern. Die AfD verspricht die »blaue Wende«, wobei der Einheimische wohl eher an Hochprozentiges denkt als an einen Richtungswechsel. Die Grünen plakatieren: »Klaren Kante Grün«. Ihre Spitzenkandidatin setzt noch eins drauf: »Mit klarer Kante und breiter Brust!« Bei breiter Brust muss ich eher an Min Herzing denken, die berühmte Fischfrau vom Warnemünder Markt. Womit wir wieder beim Fischbrötchen wären.

Wenn man durch solche Plakatlandschaften fährt, fragt man sich angesichts der immer lichter werdenden Alleen, warum zu Zeiten, in denen Wahlentscheidungen von Instagram, Tiktok und X beeinflusst werden, überhaupt noch so viel Pappe und Plastik verschwendet werden. Vor allem, wenn die politischen Botschaften darauf so schlicht sind wie das scheinbar KI-generierte Lächeln der Spitzenkandidaten.

Und wo bleibt das Positive? Nach jüngsten Umfragen holen SPD und Linke trotzdem den Abstand zur AfD auf. Und eine Mehrheit in Mecklenburg-Vorpommern sieht im Bereich Bildung und Schule das größte Problem des Landes und nicht in der Zuwanderung.

Dennoch: Nach dem Debakel von Sachsen-Anhalt hört man von den Parteien der Mitte, dass es jetzt kein »Weiter so!« mehr geben darf. Und anschließend folgen die Weiter-so-Phrasen: »Politik besser erklären, besser zuhören, die Menschen mitnehmen«. Wohin, das bleibt im Ungefähren. Was mich an einen Spruch erinnert, mit dem mein Sassnitzer Onkel Paul auf all jene reagierte, die ihm schon zu DDR-Zeiten ein zu durchsichtiges Garn vorspannen: »Dat vertell de Möwen!«

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Source: nd