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Generalstreik in Italien | Ragazzi magici
Beim Generalstreik in Mailand gingen Tausende Jugendliche gegen marode Schulen, steigende Lebenskosten und die Regierungspolitik auf die Straße.
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»Die Schule sollte uns beibringen, kritisch zu denken, und nicht die Arbeitskräfte von morgen ausbilden«, sagt Francesco, Schüler aus Mailand. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire Gegen neun Uhr strömen Dutzende Menschen aus der U-Bahn-Station Piola im Univiertel Città Studi in Mailand. Unter einer noch fahlen Herbstsonne laufen sie in Richtung Piazza Leonardo da Vinci und versammeln sich vor dem Hauptgebäude der Technischen Universität. An diesem 30. Oktober steht hier aber kein Unterricht an, denn heute ist Generalstreik – im ganzen Land. In Mailand sind zwei Demonstrationen angekündigt. Der Gewerkschaftszug soll um zehn Uhr vor dem Hauptbahnhof starten. Vor dem Politecnico, der Polytechnischen Universität, trifft sich hingegen der sogenannte Generationszug, der vor allem Studierende und Schüler*innen zusammenbringt.
Seit Mitte September kommt es in mehreren europäischen Ländern zu sozialen Protesten. In Frankreich, Spanien und Albanien gingen Menschen zuerst auf die Straße, inzwischen auch in Italien – unter anderem gegen steigende Lebenshaltungskosten, erhöhte Verteidigungsausgaben, Wohnungsnot und die Unterfinanzierung des Bildungsbereichs. Jugendliche spielen dabei vielerorts eine maßgebliche Rolle. Laut einer Umfrage des Portals Skuola.net unter 1500 italienischen Oberstufenschüler*innen beteiligt sich ein Drittel der Befragten aktiv an den aktuellen Protesten; mehr als die Hälfte teilt deren Anliegen.
Gerade an diesem Vormittag haben sich ganze Klassen gemeinsam von ihren Schulen aus auf den Weg zum Streiktreffpunkt gemacht. Sie haben Transparente und Pappschilder mitgebracht, auf denen zu lesen ist: »Weniger Geld für Waffen, mehr Geld für die Schule«, »In der Schule ist niemand Ausländer«, »Ihr verkauft unsere Zukunft, wir holen sie uns zurück«. Darin spiegelt sich eine Ablehnung der Regierung Meloni wider: insbesondere ihrer Prioritätensetzung zwischen Bildung und Aufrüstung, der angekündigten Begrenzung der Zahl ausländischer Schüler*innen pro Klasse sowie eines Verbots von Gesichtsverhüllungen an Schulen und generell einer Politik, die die Zukunftsperspektiven der Jugend kaum berücksichtigt.
Was hinter den Parolen an konkreten Missständen steckt, wird im Gespräch mit Momo deutlich. Der 17-Jährige besucht eine Berufsschule mit Schwerpunkt Elektronik in der Mailänder Peripherie. Das Gebäude sei so marode, dass sich bei Wind Glassplitter aus den Fenstern lösten und herunterfielen. Doch auch die gestiegenen Preise machen Momo Sorgen: »Mein Vater arbeitet ständig, ich sehe ihn kaum. Eine achtköpfige Familie in Italien zu ernähren, ist heute nicht einfach. Meine Geschwister und ich versuchen mitzuhelfen, aber oft reicht es trotzdem nicht.«
»Eine Familie zu ernähren, ist nicht einfach. Meine Geschwister und ich versuchen mitzuhelfen, aber oft reicht es nicht.«
»Schule, Arbeit, Menschenwürde« dröhnt es aus einem Megafon. Der Generationszug ist losgerollt. Später soll er auf der Piazza Loreto auf die Gewerkschaftsdemo treffen. Francesco hält diesen Zusammenschluss für folgerichtig, zumal in den vergangenen Wochen nicht nur Schüler*innen und Studierende in Italien auf die Straße gingen, sondern beispielsweise auch Schulpersonal, Lkw-Fahrer und Landwirte. Der 17-Jährige besucht ein Gymnasium mit Schwerpunkt Mathematik im Nordosten Mailands und kritisiert insbesondere die Ökonomisierung der Schule: »Die Schule sollte uns beibringen, kritisch zu denken, und nicht die Arbeitskräfte von morgen ausbilden.« Stattdessen werde vor allem Wert auf das Auswendiglernen und auf Praxiserfahrungen in Betrieben gelegt. »Für Diskussionen und vertiefende Gespräche bleibt keine Zeit. Und wir sind ständig neoliberaler Propaganda ausgesetzt – insbesondere im Geschichtsunterricht.« Das spiele letztlich rechten Narrativen in die Hände, etwa wenn es um die sogenannte Remigration gehe.
Skyra versucht, auch im Schulalltag Raum für politische Auseinandersetzungen zu schaffen. Sie besucht dasselbe Gymnasium wie Francesco und hat dort vor Kurzem ein Kollektiv mitgegründet. »Wir haben so etwas wie eine revolutionäre Bewegung angestoßen. Vor ein paar Wochen haben wir zum ersten Mal in der Geschichte der Schule einen Streikposten organisiert. Dabei werden wir sogar vom Schulleiter unterstützt«, erzählt die 16-Jährige stolz. Ihre Kritik richtet sich nicht allein gegen die aktuelle Regierung: »Das Hauptproblem ist das Kapital.« Sie verweist auf die steigenden Schulbuchpreise und die schlechte Bezahlung der Lehrkräfte: »Unsere Lehrer*innen sind frustriert und der Unterricht fällt auch deshalb ganz oft aus.«
Inzwischen ist es fast Mittag. Die Sonne brennt, Jacken werden ausgezogen. »Siamo tutti antifascisti«, ruft die Menschenmenge. Auch französische Slogans sind vertreten, allen voran »Bismillah, c’est les ténèbres« (»Im Namen Gottes, das ist die Finsternis!«), eine ironische Anspielung darauf, wie der Staat die Sprache migrantisch geprägter Jugendlicher wahrnimmt. Eine weitere beliebte Parole lautet »Le monde est à nous« (»Die Welt gehört uns«) und spielt auf den französischen Kultfilm »La Haine« von 1995 an. Die zahlreichen Palästina-Flaggen und Kufiyas zeugen zudem von der Kontinuität mit den Gaza-Demos, die im vergangenen Jahr in Italien viele Menschen mobilisierten.
Bei einer Gruppe Jungs läuft Trap-Musik: »Ragazzi magici« ertönt aus dem Lautsprecher. Die Zeile stammt aus »Giovane Fuoriclasse« von Capo Plaza, einem Song über den Aufstieg aus armen Verhältnissen. Dann folgt »Marocchino« von Baby Gang, in dem der Rapper seine nordafrikanischen Wurzeln und das Aufwachsen in italienischen Vorstädten thematisiert. Die Jungs singen mit, scherzen miteinander. Begeisterung liegt in der Luft.
Gerade migrantisch gelesene Teenager rückten vor Kurzem ins Zentrum der öffentlichen Debatte, nachdem es am 17. und 18. Oktober zu Ausschreitungen im Stadtzentrum Mailands gekommen war. Hunderte Jugendliche, darunter viele Minderjährige, hatten dabei Luxusläden und Filialen großer Handelskonzerne rund um den Domplatz verwüstet und geplündert. Die rechtsextreme Regierung sowie weite Teile der Medienlandschaft entfachten daraufhin eine rassistische Kampagne: Vermeintliche »junge Migranten« aus den Mailänder Vorstädten wurden zum Feindbild der Nation, als ginge es ihnen um nichts anderes, als zu randalieren und Sneaker zu stehlen. Dabei war die Zusammensetzung der Festgenommenen hinsichtlich sozialer Klasse und familiärer Migrationsgeschichte alles andere als homogen, wie die Staatsanwaltschaft zuletzt mitteilte.
Pietro war an jenem Wochenende nicht vor Ort, kritisiert aber, dass frühere friedliche Jugendproteste kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen hätten: »Erst als die Jugendlichen auf eine andere Art auf sich aufmerksam gemacht haben, sprachen plötzlich alle Medien darüber – weltweit«, sagt der 18-Jährige, der ein Gymnasium mit Schwerpunkt Humanwissenschaften besucht. Statt die Jugendlichen pauschal zu verurteilen, müsse sich die Politik mit den Ursachen ihrer Wut auseinandersetzen: »Viele derjenigen, die Krawall im Stadtzentrum gemacht haben, sind meiner Meinung nach das Ergebnis einer Gesellschaft, die sie ignoriert und an den Rand drängt.« Die Schaufensterstadt Mailand sei dafür ein Sinnbild: »Ihr reiches Zentrum wird regelrecht verherrlicht, dabei bleibt es für die meisten unerreichbar.«
Doch nach den Ausschreitungen setzte die Regierung auf Repression: Ein neues Sicherheitsdekret – das achte in vier Jahren Amtszeit – soll die Festnahme Minderjähriger erleichtern, Eltern für Sachbeschädigungen ihrer Kinder finanziell haftbar machen und die gewaltsame Teilnahme an Demonstrationen als eigenen Straftatbestand einführen. Außerdem wurden mehrere Städte mit Blick auf weitere Proteste militarisiert. Allein nach Mailand wurden rund 500 zusätzliche Soldat*innen entsandt. Dass die Demonstration heute, nachdem sich Generations- und Gewerkschaftszug vereinigt haben, weiter in Richtung des nordöstlichen Stadtrands zieht, hängt insofern auch mit der weiträumigen Abriegelung der Innenstadt zusammen.
Für den vergangenen Freitag war auch eine Besetzung des Mailänder Autobahnrings geplant. Je weiter der Zug auf der Via Palmanova vorankommt, desto stärker wird die Polizeipräsenz: Polizist*innen in Schutzmontur, Transporter, Hubschrauber und Drohnen. Die Ablehnung der Polizei, die sich bereits zuvor in zahlreichen »ACAB«-Parolen gezeigt hat, wird nun lauter. »Tout le monde déteste la police« (»Alle hassen die Polizei«) skandiert der Zug. In den vergangenen Wochen war die Polizei selbst bei überwiegend friedlichen Protesten wiederholt mit Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstrierende vorgegangen. Hinzu kam Racial Profiling.
Gegen 15 Uhr gelingt es den Streikenden, den Autobahnring zu besetzen. Größere Vorfälle von Polizeigewalt bleiben diesmal aus. Die Veranstalter*innen sprechen am Ende von rund 100.000 Teilnehmenden. Am folgenden Tag werden weitere Einzelheiten zum Haushaltsentwurf der Regierung bekannt: Er sieht massive Kürzungen insbesondere im Bildungsbereich vor.
Für Momo bleibt die Frage nach den richtigen Mitteln des Protests offen: »Meine Haltung zu diesem Thema ist noch im Wandel. Einerseits glaube ich fest an friedliche Demonstrationen. Andererseits frage ich mich, warum sich trotz jahrelanger Mobilisierungen so wenig verändert. Ich rechtfertige keine Gewalt, aber man muss sich fragen, warum so viele junge Menschen das Gefühl haben, nicht gehört zu werden.«
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