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Das Jahr 1956 und der Sozialismus | Epochenbruch ohne Erfolgsgeschichte
Das dramatische Jahr 1956: Chruschtschows »Geheimrede«, der blutige Herbst in Ungarn und die Suez-Krise.
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Sieht so der »andere« Sozialismus aus? Auf ein kurzes Aufbegehren in Ungarn folgten bald die Panzer. Foto: dpa Es war ein Jahr des Hoffens wie der Enttäuschung: 1956. Es begann vielversprechend mit einer »Geheimrede« auf dem XX. Parteitag der KPdSU, gehalten von deren Erstem Sekretär Nikita Chruschtschow. Sie blieb nicht lange geheim und weckte hohe Erwartungen, endete aber blutig in der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn und einer neuen Weltkonstellation für die Länder des Globalen Südens.
Die halbherzige Entstalinisierung, die lediglich auf den Personenkult um Stalin und schlimmste Auswüchse der Repression unter seiner Herrschaft in der Sowjetunion fokussiert und zudem im Korsett der Systemauseinandersetzung gefangen war, führte alsbald fast in den alten Trott zurück, sollte die Diskussionen im sozialistischen Lager um Reformen und Alternativen zum bisherigen Sozialismusmodell abwürgen.
Chruschtschow und seine Vertrauten ahnten natürlich, was sie angestoßen hatten und woraus für sie ernste Probleme erwachsen könnten. Aber sie setzten auf die Duldsamkeit des Sowjetvolks und der Millionen Mitglieder der KPdSU, ebenso auf die meist nicht hinterfragte Treue der »Bruderparteien« und »Brudervölker« in Osteuropa – und wurden dann überrascht wie 1953 in der DDR Parteichef Walter Ulbricht. Das Trauma des Arbeiteraufstands vom 17. Juni machte sie hellhörig. Sie wollten Diskussionen kontrollieren und eine ernsthafte Opposition für Reformen verhindern.
Ulbricht beendete zunächst das intellektuelle Aufbegehren um den Philosophen Wolfgang Harich und den Cheflektor des Aufbau-Verlags Walter Janka, die beide im Frühjahr 1957 in einem Schauprozess zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, und schaltete dann die auf seinen Sturz hin agierende innerparteiliche Fronde um Politbüromitglied Karl Schirdewan und MfS-Chef Ernst Wollweber aus. Manche gebrandmarkte Reformidee fand sich dennoch später im Neuen Ökonomischen System (NÖS) Mitte der 60er Jahre wieder.
Während es in der Tschechoslowakei verhältnismäßig ruhig blieb, kam es in Polen und Ungarn zu dramatischen Auseinandersetzungen, zeigte sich das Volk keineswegs so folgsam, wie man in Moskau nach der hochoffiziellen Kritik am Stalinismus erhofft hatte. So begehrten im Juni 1956 Hunderttausend Arbeiterinnen und Arbeiter in Poznań auf, allerorten in Polen räsonierten Intellektuelle über einen besseren Sozialismus und »freiheitliche« Alternativen. Am 28. Juni schritt das polnische Militär ein.
Die Niederschlagung des Streiks der Lokomotivwerker in Poznań, in dem es vorrangig um bessere Lebensbedingungen und die Abschaffung der rigiden Arbeitsnormen ging, kostete mehr als 70 Menschen das Leben. Im September wurden Prozesse gegen führende »Aufständische« eröffnet, die der im Folgemonat wieder an die Spitze von Partei und Regierung zurückkehrende Władysław Gomułka zur Befriedung der in Polen erneut eskalierenden Situation einstellen ließ.
Gomułka war 1948 wegen angeblich rechtsnationalistischer Abweichungen vom Führungszirkel um Bolesław Bierut aus der Partei ausgeschlossen worden. Man hatte auch schon einen Schauprozess gegen ihn vorbereitet, ähnlich jenem in der Tschechoslowakei gegen Rudolf Slánský und Genossen, der mit Todesurteilen endete. Nun aber wurde Gomułka im Oktober 1956 bei seiner Wiederantrittsrede vor dem Kulturpalast in Warschau, übrigens ein einstiges »Geschenk« Stalins an das polnische Volk, wie ein Nationalheld gefeiert, während es in Ungarn bereits heiß herging.
Er wollte von Moskau, dass »jedes Land volle Unabhängigkeit und Selbstständigkeit« genieße, »das Recht jeder Nation auf souveräne Herrschaft in einem unabhängigen Staat sollte uneingeschränkt und gegenseitig geachtet« werden. Das blieb jedoch ein Trugschluss – bis 1989. Erwähnt sei hier noch, dass Stalin-Anhänger Bierut kurz nach der Lektüre von Chruschtschows »Geheimrede« im März 1956 einen tödlichen Herzinfarkt erlitt.
Interessant ist Chruschtschows Kommentar zu den unterschiedlichen Reaktionen, die er mit seiner Kritik an Stalin in Osteuropa ausgelöst hatte: »Es ist kein Zufall, dass die Unruhen in Ungarn und Polen und nicht in der Tschechoslowakei stattfanden. Denn der Lebensstandard in der Tschechoslowakei ist unvergleichlich höher.« Derart versuchte er auch die »Ruhe« im Vielvölkerstaat Sowjetunion zu erklären: »In der UdSSR wurden über 10.000 Mitglieder der KPdSU rehabilitiert und über eine Million aus dem Gefängnis entlassen. Diese Menschen sind nicht wütend auf uns, weil sie sehen, dass wir viel für die Anhebung des Lebensstandards in unserem Land getan haben. Auch in unserem Land hören sie BBC und Radio Free Europe. Aber mit vollem Magen ist das Hören gar nicht so schlecht.«
Kurskorrekturen, Reformen und Revolutionen bringen nicht immer das, was sie bezwecken sollen. Spätestens im Oktober 1956 dürfte das auch die Riege um Chruschtschow begriffen haben. Während sie dank Gomułkas Verhandlungsgeschick in Polen nicht ihr Militär gegen Demonstranten losschickte, sondern abzog, setzte sie in Ungarn auf eine gewaltsame Lösung.
Der Aufstand in Ungarn begann am 23. Oktober 1956 mit friedlichen Protestaktionen von Studentinnen und Studenten in Budapest, die demokratische Veränderungen forderten. In ganz Ungarn diskutierten bereits seit Monaten Akademiker und Arbeiter in Petőfi-Klubs über notwendige Veränderungen. Am 6. Oktober 1956 war es unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit zur ehrenvollen Beisetzung des 1949 nach einem Schauprozess hingerichteten László Rajk gekommen, der nach Chruschtschows Anti-Stalin-Rede rehabilitiert worden war.
»Auch in unserem Land hören sie BBC und Radio Free Europe. Aber mit vollem Magen ist das Hören gar nicht so schlecht.«
Dem studentischen Protest in Budapest schlossen sich über 200.000 Hauptstädter an. Sie zogen zum Parlament und zum Rundfunkgebäude, forderten Presse- und Meinungsfreiheit, mehr Unabhängigkeit von Moskau sowie die Ernennung des reformorientierten Imre Nagy zum Ministerpräsidenten, was überraschenderweise noch in derselben Nacht geschah. Diesem gelang es jedoch nicht, die Lage im Land zu stabilisieren. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen, Demonstranten wurden erschossen und die Bilder von gelynchten Angehörigen der Sicherheitskräfte und Kommunisten gingen um die Welt. Sowjettruppen rückten vor. Nach kurzer Zeit schien man sich aber geeinigt zu haben, die Sowjettruppen zogen sich zunächst zurück.
Nagy hielt an seinem Vorhaben fest, Reformen zu wagen. Gleichzeitig versuchte er, in Verhandlungen mit dem Kreml einen Sonderstatus für sein Land, Neutralität für Ungarn zu erreichen. Das ging Moskau dann doch zu weit. Zumal in Nahost mit der Suez-Krise ein internationaler Konflikt entbrannt war. Am 4. November 1956 rollten sowjetische Panzer in Budapest ein. Die bis zum 23. November andauernden Kämpfe kosteten auf beiden Seiten über 3000 Menschen das Leben. In der Folge erlebte Ungarn einen empfindsamen Exodus seiner Bürger, darunter vieler kreativer Köpfe, in den Westen.
Moskau hievte den Alt-Kommunisten und das ehemalige Stalin-Opfer János Kádár an die Macht in Ungarn. Unter der Losung »Wer nicht gegen uns ist, ist für uns« verstand dieser es, in den nächsten Jahrzehnten im Rahmen seiner Möglichkeiten den Ungarn einen attraktiveren Sozialismus, als »Gulaschkommunismus« verspottet, zu verschaffen. Nagy hingegen wurde unter trügerischen Versprechen vom KGB entführt und in einem Geheimprozess wegen »Landesverrats« zum Tode verurteilt.
Chruschtschows Hoffnung auf eine Politik der friedlichen Koexistenz mit dem Klassenfeind und einer neuen Rolle der sogenannten Dritten Welt schien im Schatten der ungarischen Tragödie Ungarns zu platzen. Die Krise des Sowjetblocks ermunterte neokoloniale Mächte, ihnen wegbrechende Einflusszonen gewaltsam zu sichern: Der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser hatte im Juli 1956 die Verstaatlichung der britisch-französisch dominierten Suezkanal-Gesellschaft angekündigt, was nicht nur zwei westeuropäische Groß- und ehemalige Kolonialmächte, sondern auch Israel herausforderte. Die am 29. Oktober 1956 von Tel Aviv gestartete und ab dem 5. November von britischen und französischen Truppen unterstützte Invasion stieß auf internationale Empörung.
Entscheidend war jedoch die massive Drohung Moskaus gegen die Interventen, die beim US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower ihre Unterstützung fand. Washington wollte 1956 weder in Ungarn noch am Suezkanal die Weltordnung von Jalta aufgelöst sehen. Im März 1957 wurde der Konflikt beigelegt. Der von zwei westeuropäischen Demokratien geplante Sturz von Nasser, der Panarabismus propagierte und einen arabischen Sozialismus zu praktizieren versuchte, war gescheitert. Ein Sieg für Chruschtschow.
1956 steht für einen Epochenbruch, der allerdings nicht in eine Erfolgsgeschichte mündete. Chruschtschows in den Nachtstunden des 25. Februars 1956 gehaltene Rede sollte vor allem ein Befreiungsschlag für die sich nach Stalins Tod 1953 mühsam erneuernde KPdSU sein, zugleich aber weitaus mehr. Im Nachhinein war Chruschtschow jedoch wohl selbst nicht nur darüber enttäuscht, dass seine bewusst ins Ausland lancierte »Geheimrede« dort nur »für sehr wenig Geld verkauft wurde«, also »nicht als besonders wertvoll angesehen« wurde, sondern vielmehr auch darüber, dass sie beinahe ein Ende des staatlich etablierten Sozialismus in Osteuropa bewirkt hätte.
Das Jahr 1956 öffnete trotzdem bislang verschlossene Türen: Rücksichtslose Repression sollte passé sein, friedliche Wege zum Sozialismus sollten möglich werden und eine Gelegenheit sich eröffnen, mit dem kapitalistischen Westen in friedlichen Systemwettbewerb einzutreten.
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