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Bildende Kunst | Walter Herzog: Die Stille nach dem Ende des Anthropozäns
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Walter Herzog, »Steile Stufen«, Radierung, 2007 Foto: Walter Herzog »Wieder auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, schrieb Walter Herzog einmal auf eine seiner frühen Grafiken, und dieses Leitmotiv klingt durch alle seine Arbeiten bis heute. Die Suche nach der verlorenen Zeit ist bei ihm auch immer die Suche nach verlorenen Orten, die er zeichnend und radierend sein Leben lang aufgesucht hat, den Orten seiner Kindheit und seiner Erinnerungen.
Walter Herzog war acht Jahre alt, als er am 13. Februar 1945 das Bombeninferno von Dresden überlebte. Als Kind ist er oft von Mockritz in die zerstörte Stadt gelaufen, vorbei an den verbrannten Alleen und den ausgeglühten Ruinenfeldern an der Elbe. Er hat gesehen, was von der Pracht und der Herrlichkeit großer Architektur übrigbleibt, wenn ein Feuersturm über sie hinweggerast ist. Dennoch hat er Architektur studiert und seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts an großen Repräsentationsbauten in der Hauptstadt der DDR mitgearbeitet, am Außenministerium, am Ausstellungszentrum am Fernsehturm und am Palast der Republik.
Aber auf dem Höhepunkt dieser beruflichen Erfolge hat er sich von Reißbrett und Rechnern verabschiedet und sich eine Kupfertiefdruckpresse gekauft, um sich ausschließlich seinen grafischen Arbeiten zu widmen. Nach seinen Gründen befragt, zitierte er einmal Brechts Verse »Vom armen B. B.«: »Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!«
Herzog hat seit Beginn seiner künstlerischen Arbeit die Landschaften seiner Heimat dargestellt: die Berglabyrinthe des Elbsandsteingebirges, Brücken und Weinberge, Weiden an Flussufern. Seit den frühen 70er Jahren auch die Küstenlandschaften Rügens, das er mit seiner Frau Christiane, die fast alle seine Radierungen gedruckt hat, jeden Sommer besuchte.
Ich habe diese Arbeiten zum ersten Mal 1983 im »Berliner Atelier« am Fernsehturm gesehen. Ich wusste sofort, dass ich eine der Grafiken für den Buchumschlag meines ersten Gedichtbandes im Aufbau-Verlag haben wollte, den ich damals zusammenstellte. Mit meinem Lektor Günter Drommer besuchte ich 1984 Walter und Christiane Herzog in ihrer Atelierwohnung am Köllnischen Park. Es wurde ein langer Besuch, denn es gab viele Blätter von Rügener Landschaften und die Auswahl fiel schwer.
So kam es, dass wir neben den »Bäumen am Hochufer« für den Umschlag auch den »Weinberg bei Bosel« und die »Villa Hadriana« für die Innenseiten verwenden durften. Herzogs römischen Ruinen und Landschaften, vom Colosseum bis zur Via Appia bezeugen auch seine Faszination vom Werk Piranesis, dessen Stiche an den Wänden des Ateliers hingen.
Im Frühjahr 2009, 25 Jahre später, trafen wir uns wieder. Die DDR war untergegangen, aber unser Gespräch setzte sich fort, als wäre es nur für kurze Zeit unterbrochen worden. Die Blätter, die ich an diesem Nachmittag zu sehen bekam, erschienen mir noch intensiver in Linie und Licht als jene aus den 80er Jahren: Seestücke und Waldlandschaften, aber nun auch Tier- und Menschenporträts mit Bleistift und Feder, in meisterhaft klassischer Präzision.
Herzog hat immer am Rand der lärmenden Märkte gearbeitet, unbeeindruckt vom Zeitgeist und seiner »Leere mit Tempo« (Brecht). Seit seinem zehnten Lebensjahr spielt er Klavier und man kann den Klang der Stille, den seine Arbeiten einfangen, als die musikalische Qualität seines Werks beschreiben. Es will uns nicht mit dem uralten Kreislauf von Werden und Vergehen versöhnen, aber es hilft, ihn deutlicher zu sehen – in seiner Schönheit und seinen Schrecken.
Vielleicht besteht für ihn die »Tragödie der Landschaft«, von der der französische Bildhauer Pierre Jean David d’Angers angesichts der Bilder Caspar David Friedrichs gesprochen hat, auch darin, dass nach der Auslöschung des Menschen auf dieser Erde niemand mehr ihre Schönheit wird sehen können. »Wir wissen, daß wir Vorläufige sind / Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.«
Wer die Grafiken Walter Herzogs betrachtet, kann die Stille nach dem Ende des Anthropozäns hören. Doch die Wanderer, die sich auf den Bildern Friedrichs finden, sind bei Herzog verschwunden. Wir sehen in eine menschenleere Welt und verstehen, was die Vorwelt mit der Nachwelt verbindet: Sie kommt ohne uns aus.
Die Sonne geht über Landschaften auf, die nicht mehr von Bomben zerrissen und von Bulldozern planiert werden. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass in weniger als 500 Jahren die Ruinen unserer Städte, die Autobahnen und Rollfelder auf allen Kontinenten verschwunden sein werden. Dann wird das Licht der Nachwelt aufleuchten, ungestört vom Feuer der Materialschlachten einer entfesselten Industriegesellschaft. Dass wir es heute schon sehen können, verdanken wir den Bildern von Walter Herzog.
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Source: nd