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Antisemitismus | Jüdische Studierende verbergen ihre Identität

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Bei den Aktionswochen gegen Antisemitismus soll es auch um die Stärkung antisemitismuskritischer Gruppen gehen. Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert Ron Dekel ist ein engagierter junger Mann, Anfang September war er mit der Kampagne »Demokratiefeinde Anhalten« in Sachsen-Anhalt unterwegs. Was er dort erlebt hat, hat er auf Videos in den sozialen Netzwerken festgehalten. Eine Begegnung ist besonders eindrücklich. Ein älterer Herr bekennt, Hitler-Fan und NSDAP-Anhänger zu sein. Über Juden weiß der Herr zu sagen, dass sie nur »schachern« und das Land »aushöhlen«. Es dauert Minuten, bis ein Passant kommt und dem Mann eine Ansage macht, dass er verschwinden solle.

Die Begegnung zeigt, Ron Dekel ist in Sachen Antisemitismus einiges gewohnt. Als Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) berichtete er am Dienstag von den Erfahrungen jüdischer Studierender an deutschen Hochschulen. Dekel sagt, die Lage sei »dramatisch«, es sei »nicht möglich, an deutschen Universitäten zu studieren, ohne Antisemitismus zu erfahren«. Viele Menschen glaubten, seit dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas habe sich die Lage beruhigt, dem sei aber nicht so.

Antisemitische Parolen und Mordaufrufe auf Toiletten und an Hausfassaden gehörten auch heute zum Alltag. Besonders besorgt zeigt sich Dekel darüber, dass sich Antisemitismus immer offener äußere: »Statt indirekter Formulierungen liest man direkte Gewaltaufrufe gegen Juden. Dazu kommt eine neue Sichtbarkeit klassischer antisemitischer Narrative – etwa talmudischer Antisemitismus oder Verschwörungserzählungen.« Dekel erzählt weiter, viele jüdische Studierende hätten gelernt, ihre Identität zu verstecken. Jeder Schritt auf dem Campus werde nach Sicherheitsaspekten geplant. Vorfälle würden von Studierenden nicht öffentlich gemacht, weil sie befürchteten, dass die Situation dadurch noch schlimmer werde.

»Viele Vorfälle werden nie öffentlich, weil wir Angst haben, dass die Situation für uns Jüdinnen*Juden dadurch noch schlimmer wird.«

Ron Dekel berichtet im Rahmen eines Pressegesprächs der Amadeu-Antonio-Stiftung, die dabei auch ein Lagebild zu Antisemitismus an Hochschulen vorstellte. Teil des Lagebilds ist eine qualitative Erhebung der Anti-Defamation League, bei der jüdische Studierende weltweit befragt wurden. In Deutschland antworteten 205 Studierende auf die Befragung. 85 Prozent von ihnen gaben an, schon einmal ihre jüdische Identität verborgen zu haben. 20 Prozent gaben an, jüdische Mitstudierende zu kennen, die schon einmal körperlich angegriffen worden seien.

Insgesamt ergeben sich für die Amadeu-Antonio-Stiftung fünf Kernbobachtungen zu Antisemitismus an Hochschulen. Seit dem 7. Oktober 2023 seien die deutschen Universitäten »noch mehr ein unsicherer Ort« für jüdische Studierende geworden. Dabei zeige sich der Antisemitismus »offen und enthemmt«, was auch an einem Klima liegt, in dem er normalisiert würde. Betroffene fühlen sich dabei oft weder ernst genommen noch ausreichend geschützt. Ein Grund dafür seien die Reaktionen der Hochschulen, diese seien oft »überfordert oder Unwillens«.

Um dem etwas entgegenzusetzen, befassen sich die diesjährigen Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung schwerpunktmäßig mit dem Antisemitismus an Hochschulen. In mehr als 50 Städten sind in den kommenden vier Wochen knapp 250 Veranstaltungen geplant. Nikolas Lelle, Projektleiter der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus, findet es wichtig, dass dabei die »Perspektive von Betroffenen sichtbar wird«. Zwar gebe es viel Antisemitismus an den deutschen Universitäten, die Lage sei aber nicht »aussichtslos«. »Es gibt viele Engagierte, die diesem katastrophalen Zustand etwas entgegensetzen. Die Aktionswochen gegen Antisemitismus bündeln dieses Engagement und setzen sich für einen Campus ohne Judenhass ein«, erklärt Lelle. An die Hochschulen richtet die Stiftung die Aufforderung, ihrer Verantwortung für den Schutz aller Studierenden gerecht zu werden. Jede Hochschule müsse Schutzkonzepte entwickeln, qualifizierte, unabhängige Antisemitismusbeauftragte einsetzen und Prävention sowie Fortbildungen gegen Antisemitismus verbindlich veranstalten.

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Source: nd