Editorial · Kommando 161 · · 2h
Wiesn-Wahnsinn: Wenn die Maß zum Luxusgut wird und die Reaktion mitfeiert
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Ab Samstag wieder: 42 Hektar Theresienwiese, sieben Millionen Besucher:innen, Millionen Liter Bier – und ein Ritual, das sich als bayerische Volksseele verkauft, aber vor allem eines ist: ein durchkapitalisierter Rausch mit Lederhosen-Kostüm. Wer sich das Spektakel nüchtern anschaut, sieht keine Tradition, sondern eine Marke, die sich "Gemütlichkeit" nennen lässt, während sie Beschäftigte ausquetscht, Frauen gefährdet und der extremen Rechten eine Bühne mit Folklore-Anstrich liefert.
Die Maß als Klassenfrage
Die Landeshauptstadt München hat die Zahlen selbst veröffentlicht: Eine Maß Festbier kostet 2026 zwischen 14,80 und 15,90 Euro – im Schnitt 2,38 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor zehn Jahren, 2015, lag der Höchstpreis noch bei 10,40 Euro. Das ist ein Anstieg von über 50 Prozent in einer Dekade, deutlich schneller als die allgemeine Inflation im selben Zeitraum. Wer für den Mindestlohn oder in der Gastro selbst arbeitet, muss für eine einzige Maß fast eine halbe Arbeitsstunde hinlegen.
Das ist kein Naturgesetz. Die Festzelt-Betreiber – familiengeführte Großkonzerne wie Hacker-Pschorr, Löwenbräu, Käfer – kalkulieren die Preise selbst, die Stadt prüft nur auf dem Papier die "Angemessenheit". Steigende Pacht, Standmiete, GEMA-Gebühren: All das wird über den Bierpreis auf die Gäste abgewälzt, während die Gewinnmargen der großen Wiesnwirte Jahr für Jahr Rekorde brechen. Das Oktoberfest ist längst kein Volksfest im Sinne von "für alle erschwinglich", sondern ein Umverteilungsmechanismus von unten nach oben, verpackt in Trachtenjanker.
Gemütlichkeit als Geschäftsmodell
Die Lederhose, das Dirndl, das "Ozapft is" – all das wird als unpolitische, harmlose Heimatfolklore verkauft. Tatsächlich ist "Tracht" und "bayerische Identität" seit Jahren ein Einfallstor für die extreme Rechte. AfD-Funktionäre lassen sich im Dirndl fotografieren, völkische Burschenschaften nutzen die Wiesn als Networking-Fläche, und rechte Influencer verkaufen "deutsche Gemütlichkeit" als Gegenentwurf zu einer angeblich "überfremdeten" Republik. Wer Heimat und Tradition unpolitisch findet, hat nicht aufgepasst: Sie sind seit jeher umkämpftes Terrain, und die Rechte besetzt sie systematisch, wenn niemand widerspricht.
Dazu kommt das andere, unbequeme Muster, das jedes Jahr in den Kriminalstatistiken der Münchner Polizei auftaucht und jedes Jahr wieder verdrängt wird: sexualisierte Übergriffe im Bierzelt- und Fahrgeschäftbereich, Frauen, die sich durch die Menge kämpfen müssen, "Grapschen" als vermeintliches Kavaliersdelikt einer feucht-fröhlichen Ausnahmesituation. Das ist kein Kollateralschaden von zu viel Bier, sondern die Kehrseite einer Veranstaltungskultur, die Kontrollverlust feiert, aber die Verantwortung dafür konsequent bei den Betroffenen ablädt.
Wer zahlt, wer verdient
Die, die das Fest tatsächlich am Laufen halten, sehen von den Rekordumsätzen am wenigsten: die Bedienungen, die mit acht, neun Maßkrügen gleichzeitig durch überfüllte Zelte hetzen, oft auf Trinkgeldbasis und befristeten Verträgen; das Reinigungspersonal, das nachts durch literweise Erbrochenes und Scherben watet; die Auf- und Abbau-Kolonnen, die die Zelte in wenigen Wochen aus dem Boden stampfen. Sie tragen das Fest, ohne an seinem Mythos beteiligt zu sein – während sich Wiesnwirte-Dynastien und Brauereikonzerne jedes Jahr über neue Rekordumsätze freuen dürfen.
Nichts an dieser Kritik richtet sich gegen die Menschen, die sich einmal im Jahr mit Freund:innen ins Zelt setzen, ein Bier trinken und tanzen wollen. Das Problem ist nicht der Durst der Massen, sondern wer daran verdient, wer die Kosten trägt und wessen Weltbild dabei unwidersprochen mitfeiert. Solidarität gehört den Bedienungen, dem Reinigungspersonal und allen, die sich auf der Wiesn sicher fühlen wollen – nicht der Inszenierung von "Tradition", die die extreme Rechte sich längst als Bühne eingerichtet hat.
Kommando 161
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Source: Kommando 161