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Wahlverhalten in Sachsen-Anhalt: Es sind Faschisten – und nicht bloß unglückliche Dödel
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D ie Wahllokale in Sachsen-Anhalt waren gerade erst eröffnet, da setzten schon die verharmlosenden Sprachspiele ein, die stets wie eine tibetanische Gebetsmühle in Schwung gebracht werden: Sind ja nicht alles Nazis, die meisten AfD-Wähler seien einfach frustriert. Doch nach diesem Wahlkampf kannte wohl jeder die radikalen Figuren hinter dem dauergrinsenden Uli mit dem Hamsterblick. Jede Wählerin konnte wissen, welch eine radikale Partei die AfD in Sachsen-Anhalt ist. Niemand hat sich hier aus Frust verwählt.
Wer im vollen Bewusstsein eine faschistische Partei wählt, ist ein Faschist, und nicht bloß ein unglücklicher Dödel, der nicht weiß, was er tut. Gewiss wäre die Sache weniger katastrophal ausgegangen, wenn es nicht ein gut begründetes Gefühl der Verunsicherung, Zukunftsangst und auch Kränkungen gäbe, die viele Menschen empfinden; vermutlich wäre es auch glimpflicher gekommen, würde in Berlin nicht eine weitgehend dysfunktionale Koalition regieren, mit Friedrich Merz an der Spitze, der personifizierten Unfähigkeit.
Aber nichts davon schafft die Verantwortung der Wählerinnen und Wähler aus der Welt, die bereit waren, bei Hasspredigern ihr Kreuz zu machen – und die das sogar noch in weiten Teilen mit Begeisterung taten. 43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt, das ist wie ein Beweis aus dem Labor, wie die Verwandlung von Menschen geschieht, wie man sie durch Agitation und Propaganda dazu bringt, die Häme, die Bösartigkeit zu bejubeln und die Freude daran, Rache an den scheinbaren Feinden zu nehmen.
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.
Seien das Künstler, innere Feinde, die „Betrüger“ aus den „Altparteien“, die Ausländer, wer auch immer. Die Agitation und Propaganda, mit der die Faschisten und ihre Helfershelfer in Boulevard und Pseudomedien die Menschen Tag für Tag beschießen, versetzt diese in einen Zustand permanenter Erregung und Empörung und in eine paranoide Pseudorealität, indem ihnen in den Kopf gehämmert wird, dass die Welt ein düsterer Ort ist, in dem sie täglich unter die Räder kommen; ein Gewaltpfuhl und Kriminalitätsloch.
Im zweiten Schritt wird ihnen erklärt, dass das nicht einfach ein beklagenswerter Prozess ist, sondern hinterhältig von sinistren Kräften und betrügerischen Feinden des Volkes so eingefädelt wird. Dann aber, drittens, wird ihnen zugerufen: Die Rettung naht, in Gestalt des Anführers oder der Gruppe an Heilsbringern, die nicht nur die Erlösung bringen, sondern mit den Kräften des Bösen abrechnen werden. Was diesen angetan werden wird, das ist sogleich Gegenstand lustvoller Ausmalung, von Grausamkeitsrausch und Härteekstase.
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Mit der Botschaft der Angst und dem Schüren der Lust an der Grausamkeit werden die Menschen allmählich in andere verwandelt. Empathie wird ausgeschaltet, Sadismus gesteigert, und bei allen anderen wird ein Prozess der Gewöhnung verstärkt. Der Prozess der Faschisierung ist ohne diese Massenpsychologie nicht zu verstehen, zumal die Anhängerschaft nicht einfach „verführt“ ist, sondern mit ihrem hoch affektiven Mittun sich wechselseitig auch noch radikalisiert.
Anhänger werden in Wütende verwandelt, in Raserei versetzt, das Ressentiment wird ihnen zur zweiten Natur, die Verbitterungsstörung zu einem zentralen Charakterzug. Zugleich kann das auch, wie wir sehen, mit Euphorie einhergehen. Studien haben gezeigt, dass Menschen, kommen sie in die Fänge dieser Agitation, zunächst deutlich unglücklicher werden – bis sich die (Un-)Glücklichkeitskurve wieder leicht nach oben bewegt.
Der Zornesmensch, dessen Negativismus radikalisiert wird, empfindet ein Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe der anderen Rasenden, was seine Stimmung wieder hebt. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat man in diesem Wahlkampf gut erkennen können, nicht zu Unrecht haben Beobachter beschrieben, dass die AfD-Kampagne Züge einer euphorischen „Bewegung“ angenommen hatte.
Da man dies alles ohne das Vokabular der Massenpsychologie gar nicht akkurat beschreiben kann, wird man die Verwandlung der Anhänger in Rasende und Verbitterte nicht verstehen können ohne die Begrifflichkeiten der Psychologie. Ironischerweise bekommt man gelegentlich zu hören, man solle doch Menschen mit anderen als den eigenen Ansichten nicht pathologisieren. Was natürlich theoretisch richtig wäre, wenn es sich bloß um Ansichten handeln würde und nicht mit hohem affektivem Furor vorgetragene Besessenheiten.
Aber gerade diese sind es ja, die die Anhänger der faschistischen Bewegungen zu erbitterten Gefolgsleuten machen. Die Agitation zielt direkt auf deren psychischen Apparat. Und im Übrigen wissen wir natürlich auch aus anderen, persönlicheren Krisen, was Instabilität, Reizbarkeit, Verdunklung des Seins, chronische Belastungen und anders mit uns machen können, nämlich eine schleichende Verwandlung unseres Wesens. Genauso ist es da, wo sich das Soziale und das Individuum kreuzen.
Somit ist die politische Krise, in der eine Gesellschaft steckt, in der abermals Rechtsradikale einen solchen Zuspruch erfahren, eine, die in einem eminenten Sinne „Heilung“ verlangt als bloß im metaphorischen. Man kann beinahe sagen, dass es eine Maxime aus dem Themenkreis des „Woken“ geworden ist, nur ja nichts Abwertendes über den psychischen Zustand von Menschen zu sagen, während die Rechtsradikalen sich verständlicherweise dagegen wehren, irgendwie als durchgeknallt dargestellt zu werden.
Lustigerweise ist das wahrscheinlich die einzige Thematik, bei der es eine Woke-Faschisten-Allianz gibt. Theodor W. Adorno hat in einer Ära ohne solche Empfindsamkeiten, Jahrzehnte nach den „Studien über den autoritären Charakter“ in der 60er-Jahre-Bundesrepublik davon gesprochen, dass das Individuum, das den Autoritären nachläuft, „ähnlich wie in einer bestimmten Form der Geisteskrankheit, nämlich in der Paranoia“ gefangen ist und in einen Zustand gerät, in dem die „Aggression kein Ende“ nähme.
Der Rechtsradikalismus verspricht seinen Anhängern sadistischen Lustgewinn. Brandmauern gegen Parteien reichen nicht. Die halten nicht ohne Dämme gegen die Gefühlsrohheit.
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Source: taz